Übrigens …

Heartship im Theater Münster

Neue Beziehungsformen

Heartship also: Heartship, nicht Hardship. Obwohl die Protagonistinnen in Caren Jeß‘ Zweipersonenstück von so mancher Hardship geprägt sind: vor allem vom Druck einer von patriarchalischem Verhalten bestimmten Männergesellschaft. Gebildete Frauen der Mittelschicht wissen mit so etwas umzugehen – auf vollkommen unterschiedliche Weise. Sara Sams und Ann Kudann verkörpern krass gegensätzliche Charaktere. Doch sie finden zusammen. Sie bauen sich ein Schiff: ein neuartiges Beziehungsmuster, mit dem sie sich wohl fühlen. Mehr als eine Freundschaft, weniger als eine Liebesbeziehung mit sexuellen Bindungen. Ein Heartship halt.

Den Begriff kennt Sara aus der Kneipe: im „Heartship“ hält der feministische Verein Gynta („Gynta“, nicht Günther!) einmal im Monat einen … sagen wir: unterhaltsamen Abend ab. Sara, im Brotberuf Leiterin der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit eines Theaters, tritt dort als Stand-up-Comedian auf, um ihren Druck durch originelle Wutreden und ironische feministische Spitzen abzubauen. Sara leidet an PMDS, einer prämenstruellen dysphorischen Störung, die sich durch Bauch- und Rückenschmerzen sowie depressive Schübe äußert. So wie Clara Kroneck die Figur am Theater Münster anlegt, könnte man denken, sie leide an Erwachsenen-ADHS. Die Frau ist sprunghaft, überkandidelt, immer unter Strom, immer auf der Suche nach Selbstoptimierung. Und selbstironisch, denn sie hat längst erkannt: „Der Grat zwischen Selbstoptimierung und Selbstbetrug ist schmal.“ Ebenso selbstironisch und sympathisch ist ihr Leitspruch, der aus den Metamorphosen des Ovid stammt: „Video meliora proboque, deteriora sequor“ – „Ich sehe das Bessere und billige es, doch folge ich dem Schlechteren.“

Sara trifft man im Heartship, im Gynta, in der Sauna, beim Aerobic – und bald auch mit Ann im Zoo. Beim Aerobic hatte man einander kennengelernt und fühlte sich gleich zueinander hingezogen. Ist Sara hibbelig, so ist Ann introvertiert, unterliegt Sara temperamentvollen Stimmungsschwankungen, so scheint Ann ausgeglichen, ist Sara stets emotional, so wirkt Ann intellektuell – ja, manchmal geradezu verkapselt in ihrem beruflichen Alltag. Wimmelt Saras Sprache von Anglizismen, so wirft die Ophthalmologin Ann mit medizinischen Fachbegriffen aus der Augenheilkunde um sich: Dem Druck (bald werden wir erfahren: dem Trauma) durch das Patriarchat begegnet sie durch Rückzug in ihre Fachkompetenz. Trotz allem wirkt Carola von Seckendorffs Figur am Theater Münster ausgesprochen sympathisch.

Auch sie leidet an einer Störung, die Saras PDMS zumindest im Hinblick auf ihre Ursache entspricht: Ann leidet an Dermatillomanie, auch Skin Picking Disorder genannt. Häufiges Kratzen und der permanente, selbstverletzende Versuch, die Haut glatt zu zupfen, sind die Symptome. Als sie Vertrauen zu Sara aufgebaut hat, erfahren wir vom Auslöser dieser Krankheit: In früher Jugend wurde sie von Benedikt, der umschwärmten Nummer Sieben des örtlichen Fußballvereins, vergewaltigt; das übergriffige Verhalten ihres heutigen Arbeitskollegen Reitz hat die verdrängte Erfahrung wieder in den Vordergrund geholt und die Störung reaktiviert.

Kommen von Sara vor allem im Zusammenhang mit ihrem monatlichen Kabarett gelegentlich ein paar wohlformulierte, witzige aggressive Spitzen gegen die Männerwelt, so stellt Ann nachdenklich fest, sie habe „ja gar nicht so einen Männerhass“. Tatsächlich ist eine der Stärken des – brillant geschriebenen – Stücks, dass es keine Feindschaften zwischen den Geschlechtern aufbaut. Auf Anns Einwand schlägt Sara vor, die binären Geschlechtergrenzen abzuschaffen. Und das heißt nicht nur, alle Farben des LGBTQ+-Spektrums zu tolerieren und gleichberechtigt nebeneinander zuzulassen, sondern auch neue Formen des Beziehungslebens zu erproben. Die Dramaturgin Julia Fiebag weist im Programmheft auf dem Begriff der „romantischen Freundschaft“ hin, den die Feministin bell hooks für erotische, aber nicht sexuelle Beziehungen und tiefgreifende Partnerschaften (meist zwischen Frauen) benutzt. Von „situationships“ oder „friends with benefits“ ist schon mal die Rede, der Begriff „polyfidelity“ fällt im Stück, ?eyda Kurt spricht von „radikaler Zärtlichkeit“. Caren Jeß spricht von Heartships.

Die Schiffs-Metapher nimmt Ausstatterin Hanna Naske in der Münsteraner Inszenierung dezent auf. In dem multifunktionalen Bühnenraum im Münsteraner Studio steht ein kleines Podest für die Auftritte von Sara im Heartship, unauffällig gehört das Modell einer Kogge zur Kneipen-Ausstattung, und an der Wand hängt das Steuerrad eines Schiffes. Caren Jeß beweist wieder einmal ihr Gespür für ungeheuer originelle Formulierungen und witzige Pointen, die oftmals zum Lachen reizen und der feministischen Komödie die Aggressivität nehmen. Die Schauspielerinnen meistern mit Bravour so manches sprachakrobatische Kunststück, arbeiten die Unterschiede zwischen den Figuren überzeugend heraus und bieten auch für den alten weißen Mann, der diese Rezension nie schreiben dürfte, genügend Identifikationspotential.

Ann, die Ophthalmologin, forscht über den musculus sternocleidomastoideus und über Schweineaugen. „Haben Schiffe eigentlich auch Muskeln?“, fragen sich die Protagonistinnen am Ende und kommen zu dem Schluss: „Unser Heartship schon. (Es ist) ein Frachter, durch den schweres dunkles Blut pumpt.“ Wie heißt es so schön: Blut ist dicker als Wasser. Vielleicht hält das Heartship ohne Sex, mit „Zungenküsse(n) als zärtliche Antwort der Frauen auf bro-mäßiges Schulterklopfen“ ja besser als der Zwang zu monogamer Heterosexualität.