Übrigens …

Süßer Vogel Jugend im Theater Münster

Fatale Rückkehr

Eigentlich ein praktischer Pakt: Der nicht mehr ganz junge, auch nicht sonderlich erfolgreiche Schauspieler Chance Wayne widmet sich mit ganzer Manneskraft der alternden Diva Alexandra Del Lago. Er macht sich zu ihrem Lakaien, um selbst vom Einfluss des verglühenden Stars zu profitieren. Zugleich kehrt er gemeinsam mit ihr in seinen Heimatort zurück, wo er einst die Jugendliebe Heavenly zurückgelassen hat.

Süßer Vogel Jugend ist die Spur für beide in Tennessee Willliams‘ gleichnamigem Stück. Wenn sie am Ostermorgen im Hotelzimmer aufwachen, scheint er alles unter Kontrolle zu haben, während die verpeilte Frau nicht nur vom Schlaf trunken ist. Regisseur Remsi Al Khalisi lässt sie in Münsters Kleinem Haus vorab ans Mikrofon torkeln und „My Funny Valentine“ säuseln – wie überhaupt die altmodische Musik in seiner Inszenierung eine wichtige Rolle spielt. Bettina Ostermeier sitzt seitlich am Flügel, fungiert als Barpianistin, als personifizierte Telefonklingel und auch als Stichwortgeberin. Womit sie zum Stil der Produktion ebenso beiträgt wie die Ausstattung Nico Zielkes mit altem Telefon, Kassettenrekorder und dekorativen grafischen Mustern auf Wänden und Gewändern.

Ansgar Sauren und Katharina Brenner verkörpern dieses ungleiche Duo ideal. So scheint der große muskulöse Mann alle Trümpfe in der Hand zu haben, während die kleinere ältere Frau vermeintlich nur noch zurückblicken kann. Die Regie schwelgt dazu in einer Theaterästhetik, die sich -- mit kleinen Ironie-Einsprengseln -- ebenso retro gibt wie das Hotelzimmer: Beide Protagonisten dürfen sich in den großen Erinnerungs-Arien ergehen, die ihnen Tennessee Williams ins Buch schrieb, die Inszenierung nimmt sich Zeit. Doch schon ein Satz der Diva lässt aufmerken: „Du bist ein kleiner Junge, der sich verirrt hat.“ Offenkundig sind die Rollen von Panther und Zebra, wie sie auf dem Hintergrundgemälde dargestellt sind, nur anfangs klar verteilt.

Für die Schatten der Vergangenheit, die auf Chance fallen, wechselt dann die Optik der Kostüme: Der Stadt-Popanz „Boss“ Tom Finley will seine Tochter Heavenly keinesfalls dem Heimgekehrten überlassen; Finleys Anzug ist so weiß wie seine rassistische Weltsicht, die rote Krawatte erinnert natürlich an Trump. Wie Raphael Rubino in dieser Rolle seine Kinder und Helfershelfer gängelt und seine Kundgebung aufzieht, das wirkt erschreckend aktuell; mit der Szene des gemeinsamen Gebets gestattet sich die Inszenierung eine hübsch fiese Parodie. Beängstigend zudem, wie Arthur Spannagel als Sohn vom Boss dem verhassten Chance, der Heavenly einst mit einer Geschlechtskrankheit infizierte, in leisen Tönen die Schrecken der Kastration androht. Laut hingegen wird die Musik, die für das Grauen der Boss-Welt steht.

Remsi Al Khalisi akzentuiert auf diese Weise den ziemlich grellen Gegensatz zwischen den beiden Handlungssträngen des Stücks. Verhindern kann er allerdings selbst mit der clownesken Telefonszene nicht, dass sich gegen Ende des dreistündigen Abends die finale Verwandlung im Verhältnis von Alexanda del Lago zu Chance hinzieht, bis es zum angedeuteten dramatischen Schlusspunkt kommt. Zwischenzeitlich feiert der Regisseur aber auch die Komik der Langsamkeit: Wenn Daryna Mavlenko als Boss-Gespielin hingebungsvoll stockend von ihrer Fingerverletzung erzählt, während Ilja Harjes schier endlos an einem einzigen Kartoffelchip knabbert, juchzt das Premierenpublikum.