Übrigens …

Nur nachts im Münster, Wolfgang-Borchert-Theater

Sloterdijk und das Grau des Alltags

Es ist ein spannendes Szenario, das Sibylle Berg in Nur nachts entwickelt. Ein Mann und eine Frau, beide Mitte Vierzig, lernen sich kennen, verlieben sich und wollen ihrem bisherigen Leben entfliehen und einem Neustart wagen. Sie wollen den Reset-Button drücken und völlig neu anfangen. Das klingt nach einem guten Plan. Wenn da nur nicht die Geister der Mittelmäßigkeit wären. Die nämlich versuchen alles, den beiden die Schrecken zu präsentieren, wenn sie gewohnte Bahnen verließen. Der Auftrag des Einsatzleiters der Geister lautet: „Nur keine Veränderungen“! Wer letzlich das bessere Ende für sich hat, sei hier nicht gespoilert.

Den Kampf der beiden Menschen gegen ihren inneren Schweinehund inszeniert Tanja Weidner äußerst amüsant. Im Mittelpunkt des Geschehens stehen zwei Schlafzimmer. Annette Wolf baut sie in den Mittelpunkt der Bühne. Beide Protagonisten greifen in der Nacht zum Telefonhörer, um ihr Seelenbefinden mit dem Gegenüber zu besprechen. Ja es sind wirkliche Hörer, deren Funktion sich jüngeren Menschen im Publikum nicht immer direkt erschließen wird. Aber auch sie werden merken, dass sich mit den komischen Knochen kommunizieren lässt. Wie dem auch sei, intensive Kommunikation kann dazu dienen, Widerstände zu eliminieren. Tanja Weidner zeichnet die Telefongespräche, die von Hoffnung und Bestärkung gekennzeichnet sind, intensiv nach. Sie lässt auch die Geister, deren Versuche entgegenzuwirken, immer wieder scheitern und sich irgendwann nach ein paar Bierchen ermattet auf dem Boden ausstrecken. Gemeinsam mit Ausstatterin Annette Wolf schafft Weidner wirklich starke Bilder. Kugeln in allen Größen fluten die Bühne, zeugen von Verwirrung und Gefühlschaos. Markus Hennes und Ivana Langmajer sind gezeichnet vom zermürbendem Alltag, wirken unscheinbar und klammern sich an die Hoffnung. Das sind wirklich großartige schauspielerische Leistungen, denn man sieht in beiden Gesichtern förmlich das Grau der täglichen Mühle - fantastisch. Die Geister indessen stehen ihnen in nichts nach: Katharina Hannappel und Florian Bender beweisen in schwarzen Ganzkörperanzügen äußerste Flexibilität im Auftreten und sind bereit, sich jeder Situation anzupassen. Beide demonstrieren körperliche Beweglichkeit in hohem Maße. Niclas Kunder als „Chefgeist“ kann seine Untergebenen noch so aufstacheln, wie er will. Und das tut er mit klaren Worten. Herein fährt er mit lila Strumpfmaske in einem Fahrzeug, wie es Körperbehinderte nutzen. Das ist mit Stück und Handlung nicht verknüpft - wirkt deshalb wie eine Portion gedankenlos dahergebrachter Diskriminierung Behinderter. An keiner Stelle wird deutlich, warum Kunder diese Fortbewegungsmöglichkeit nutzen sollte. Da bleibt Weidner eine Erklärung schuldig.

Nach einem Trugschluss führt Sibylle Berg das Stück zum Ende. Gerne aber hätte auch der Trugschluss den wirklichen Vorhang bedeuten können. Denn danach stellt die Autorin sich selbst in den Mittelpunkt. Sie lässt unendliche Zitate von Peter Sloterdijk auf das Publikum herniederregnen. Das hat keinen Nährwert, führt uns nur die Belesenheit der Autorin vor Augen. Und sie nutzt die Gelegenheit, noch ein paar pointierte Spitzen abzusetzen. Das führt uns die Formulierungskunst Bergs vor Augen, hat aber für das Stück weiter keine Relevanz.

Insgesamt aber ist der Abend dank Tanja Weidners Regiekunst und des Einfühlungsvermögens des Ensembles ein überaus gelungener Abend. Für Nur nachts lohnt sich ein Weg zu Münsters Hafen.