Schwulen-Western und Liebesgeschichte
Als Annie Proulx ihre Kurzgeschichte im Jahre 1997 im „New Yorker“ veröffentlichte, reagierte die Mehrzahl der Literaturkritiker begeistert. Proulx‘ Kurzgeschichten-Sammlung „Close Range“, in die die Geschichte zwei Jahre später aufgenommen wurde, wurde zum Bestseller. Aber erst im Jahre 2005 traute sich das US-amerikanische Kino, die Geschichte der großen, tragischen Liebe zwischen den beiden Cowboys Ennis del Mar und Jack Twist zu verfilmen. Eine homosexuelle Liebesgeschichte aus dem Milieu definitionsgemäß besonders harter Männer, aus dem Milieu des inzwischen ein wenig gezähmten, aber immer noch wilden Wilden Westens zu erzählen, galt als großes Risiko.
Tatsächlich gab es Kontroversen. Konservative Kreise in den USA, insbesondere aus dem christlichen Milieu, begehrten auf; die katholischen Bischöfe des Landes verteufelten den Film als moralisch anstößig, und aus Italien wird berichtet, dass der Film zensiert und um zwei Szenen gekürzt wurde. International aber wurde das Werk gefeiert. Der Film galt als Durchbruch für die Darstellung von Homosexualität im Mainstream-Kino und als kraftvolles Statement gegen Homophobie und Diskriminierung. Er gewann drei Oscars (bei insgesamt acht Nominierungen), vier Golden Globe Awards (bei sieben Nominierungen) und unzählige andere renommierte Preise. Als „Schwulen-Western“ ging er in die Filmgeschichte ein. – Nun ja, ein paar Pferde wiehern, die großartigen Landschaftsaufnahmen lassen die Atmosphäre des Westerns aufleben, und raue Männer schlagen sich, obwohl sie einander lieben. Aber insgesamt wirkt das Werk aus heutiger Sicht eher wie eine epische melancholische Liebesgeschichte denn wie ein Wildwestfilm.
Achtzehn Jahre nach dem Erscheinen von Ang Lees Film, 26 Jahre nach der Erstveröffentlichung der Kurzgeschichte hat Ashley Robinson aus Annie Proulx literarischer Vorlage eine Theaterversion geschaffen, die jetzt, fast 30 Jahre nach der Geburtsstunde des Stücks, als Deutsche Erstaufführung am Theater Oberhausen auf die Bühne kam. Leider ist der Stoff wieder hochaktuell. Die Homophobie erhält in den USA, aber auch in Russland, in Orbans Ungarn und anderswo mit dem Segen und der Unterstützung der jeweiligen Regierungen einen großen Schub, der konservative Backlash schürt in manchen Ländern reaktionäres Verhalten. Die zarte, empathische Geschichte von Ennis del Mar und Jack Twist kommt da gerade recht.
Die Oberhausener Intendantin Kathrin Mädler legt bei der Deutschen Erstaufführung selbst als Regisseurin Hand an. Sie betont, sich weniger am Film als vielmehr an Proulx‘ Kurzgeschichte orientiert zu haben, deren direkte, präzise und raue Sprache sie seit langem schätze. Schaut man sich Ang Lees Film noch einmal an, so spürt man jedoch dessen übermächtigen Einfluss auch auf Mädlers Inszenierung. Bis hin zu kleinen Gesten, bis hin zur Intonation bestimmter Gesten haben die Oberhausener Schauspieler in manchen Szenen ihre großen Vorbilder aus Hollywood imitiert. Das schadet der Inszenierung nicht: Auch sie entwickelt wie ihr cineastisches Vorbild eine sogartige Atmosphäre voller Melancholie und Empathie – und auch sie hat wie ihr Vorbild ein paar Längen im Mittelteil, die aber nicht wirklich ins Gewicht fallen. Das Leben ist ein langer ruhiger Fluss, und so ist auch die Inszenierung, in der die Regie und die Akteure ein großartiges Gespür für den Rhythmus und den Wechsel zwischen wortkargen Szenen und Gefühlsausbrüchen zeigen.
Was das Theaterstück signifikant vom Film unterscheidet, ist die Einführung der Figur des gealterten, 68jährigen Ennis, aus dessen Perspektive die Geschichte erzählt wird. Klaus Zwick sitzt zu Beginn im Western Saloon allein an einem Tisch; sein Kopf ist auf die Tischplatte gesunken, vermutlich hat er den einen oder anderen Whiskey intus – und er schläft. Es ist wohl als Traum-Szene gedacht, wenn im Dunkel der nur schwach beleuchteten Bühne ein Neuankömmling den Pub betritt, der sogleich von allen männlichen Anwesenden umringt und zusammengeschlagen wird. Ein typischer Western-Beginn, denkt man. Doch es ist mehr: Bei dem vom alten Ennis imaginierten Neuankömmling handelt es sich um dessen Jugendliebe Jack, der bereits in jungen Jahren verstarb – angeblich bei einem tragischen Unfall im Zusammenhang mit der Reparatur seines Autos. Ennis hat das nie geglaubt. Als Kind wurde er von seinem Vater gezwungen, der bestialischen Ermordung eines Homosexuellen durch einen homophoben Mob zuzusehen. Tatwerkzeug: ein Wagenheber, wie er auch beim berichteten Unfalltod von Jack eine Rolle gespielt haben dürfte.
Zwick, der den alten Ennis spielt, greift ansonsten nur selten ein, um das an ihm vorbeiziehende Leben zu kommentieren. Gelegentlich wiederholt er einzelne Worte oder Satzfetzen, wenn ihn das Geschehen besonders berührt oder er in jungen Jahren getroffene Entscheidungen reflektiert oder in Frage stellt. Ob die Einführung dieser Figur einen Mehrwert bringt, mag jeder für sich entscheiden. Getragen wird der Theaterabend jedenfalls von den beiden Hauptdarstellern, Tim Weckenbrock als Jack und vor allem Philipp Quest als wortkargem, wohl auch aufgrund der traumatischen Erfahrung als Kind in sich verkapselter junger Ennis. Grandios spielen die beiden in einer wortlosen, aber nicht stummen Szene die Annäherung der beiden Kumpel, die ihre sexuelle Orientierung lange zu verleugnen versuchen und die beide ein letztlich scheiterndes heterosexuelles Familienleben aufbauen. Luise Ehl als Ennis‘ Ehefrau Alma und Regina Leenders als geschäftlich erfolgreiche, aber kühle Lureen (Gattin von Jack) nehmen die typisch amerikanisch-klischeehaften Figurenzeichnungen ihrer Film-Vorbilder ein wenig zurück, obwohl insbesondere Almas Spiel der ihrer Vorgängerin gestisch und mimisch ähnelt.
Alma leidet, Lureen flüchtet in die Arbeit einer Geschäftsfrau, aber beide bemühen sich bei aller Enttäuschung um einen Rest von Fairness in ihrer scheiternden Beziehung. Ob der Film und das Theaterstück die Tolerierung einer bisexuellen Beziehung propagieren, wenn Jack und Ennis sich ab und an für ein paar Tage am Brokeback Mountain treffen oder „zum Angeln“ hinausfahren – zu einem Angeln, bei dem, wie Alma bald feststeht, die Angel niemals das Wasser sieht? Vielleicht. Aber vielleicht ist das Teilen eines Partners unabhängig von der geschlechtlichen Orientierung ja auch ein wenig viel verlangt. Vielleicht ist die Scheidung da die konsequentere Haltung. Aber in einer homophoben Gesellschaft bedeutet das lebenslange Einsamkeit – und das deutlich zu machen, gelingt durch die Einführung der Figur des alten Ennis tatsächlich besonders intensiv. Dass lebenslange Ehe auch nicht immer eine Lösung ist, beweisen Anna Polke und Torsten Bauer als Jacks Eltern, die in einer toxischen Beziehung aneinandergekettet zu sein scheinen.
Jack jedenfalls stellt zu Beginn der Inszenierung einmal fest, Bullenreiten mache „mehr Bock als Weiber“. Seine Leidenschaft ist das Rodeo-Reiten. Und so senkt sich dann gegen Ende der Inszenierung in des alten Ennis‘ Traum ein riesenhafter Bulle vom Schnürboden des Theaters hinab. Es ist ein Bulle im Sprung. Gefährlich sieht er aus, als könne er töten. Der Traum vom Leben zu zweit hat bei Ennis und Jack eigentlich nie gelebt. Die gesellschaftlichen Vorurteile ließen das nicht zu. Ob es wenigstens den Brokeback Mountain gab, bleibt offen. Vielleicht war ja auch er nur so etwas wie ein eingebildeter Sehnsuchtsort. So unrealistisch, aber auch so stark wie der kräftige, riesenhafte Bulle.