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Mutter im Oberhausen, Theater

Nächste Station: Familie

Zuhause, ein Ort, an dem man sich im Idealfall sicher, geborgen, verstanden und angekommen fühlt. Vielerorts ist in Zeiten zahlreicher Kriege ausgerechnet diese Bastion der Sicherheit bedroht und viele Menschen gezwungen, ihre Heimat - ihr Zuhause - zu verlassen. Wie soll es gelingen, auf der Flucht ein neues Zuhause zu finden, ist doch der eigentliche Wunsch, so schnell wie möglich zurückzukehren? Und was ist mit den Generationen, die inmitten dieser Zerrissenheit aufwachsen? Unter Anbetracht dieser Entwicklungen scheint sich das “Zuhause” zunehmend von einem Ort zu einem Gefühl oder einem Zustand zu verschieben. Was, wenn als Zuhause nur noch die Familie bleibt?

Stark autobiografisch geprägt erzählt der Dramatiker Wajdi Mouawad in Erinnerungsfragmenten von den Erfahrungen seiner Familie im Exil. Als Kind flüchtete er mit seiner Mutter und seinen Geschwistern vor dem Bürgerkrieg im Libanon nach Paris. Konfrontiert mit einer neuen Sprache und unbekannten Kultur fällt es der Familie zunächst schwer, Fuß zu fassen, denn “Bald sind wir wieder im Libanon und dann ist Schluss mit dieser Schande hier!” Diese Prognose erfüllt sich jedoch nicht und so vergeht Jahr um Jahr des quälenden Wartens. Und doch ist es insbesondere die Mutter, die ihre Kinder dazu drängt, die Sprache perfekt zu beherrschen, sich zu integrieren und Teil der Gesellschaft zu werden. Während Wajdi und seine Schwester Nayla ihre Existenz somit zusehends in Frankreich gründen, blickt ihre Mutter anhaltend in die alte Heimat; pünktlich um 20:00 Uhr verfolgt sie die Nachrichten über die Entwicklungen des Krieges, die jedoch schnell den Regungen des Weltgeschehens, den Problemen Frankreichs und dem Wetter weichen müssen. Nachrichtensprecherin Christine Ockrent wird mithin zum personifizierten Abbild medialer Berichterstattung, zu der die Familie zunehmend eine persönliche Beziehung aufbaut. Zwischen Erinnerungen, Wünschen und Vorstellungen skizziert Wajdi Mouawad das Trauma vieler geflüchteter Menschen mit geschickten Mitteln auf feinfühlige Weise.

Mouawad gilt als einer der international erfolgreichsten Dramatiker, dessen Werke auch im deutschsprachigen Raum seit vielen Jahren häufig auf den Spielplänen stehen - das Theater Oberhausen präsentiert sein Stück Mutter in der deutschsprachigen Erstaufführung. In seinem Anfangsmonolog reflektiert Mouawad, gespielt von Khalil Fahed Aassy, sein Schaffen und zitiert dabei auch andere Werke, wie beispielsweiseVerbrennungen. Besonderen Fokus legt er dabei auf den Einfluss seiner Mutter, die ihn während seiner Kindheit in Paris wesentlich geprägt hat. Ausgesprochen liebevoll wirkt diese im ersten Moment jedoch nicht. Anke Fonferek pöbelt als weibliches Familienoberhaupt ungeniert vor sich hin und ist sich dabei für keine Vulgarismen oder Kraftausdrücke zu schade. Mit nahezu aggressiver Strenge triezt sie ihre Kinder zu dem, was sie für das Beste hält. Während sich ihre Kinder inmitten europäischer Normen entwickeln, fällt es ihr jedoch schwer anzukommen und die Vergangenheit hinter sich zu lassen, liegt in ihr doch auch ihre Identität und ihre Werte. Selbstredend führt dies zu Konflikten zwischen ihr und den Kindern, die regelmäßig lautstark ausgefochten werden: Insbesondere der Streit zwischen Nayla, gespielt von Mariann Yar, und ihrer Mutter führt zu einer emotionalen Zäsur in der Familie.Nayla soll einen deutlich älteren Libanesen heiraten, obwohl sie selbst einen Freund hat und feministisch kämpfend nichts von diesen veralteten Gepflogenheiten hält. Wajdi hingegen kritisiert die mangelnde emotionale Fürsorge seiner Mutter und konfrontiert sie später im Erwachsenenalter in einem fiktiven Gespräch damit. Selbst in diesem, von ihm selbst verfassten Dialog, vermag sie jedoch nicht das zu sagen, was er von ihr hören will. Und doch finden sich in den Erinnerungsfragmenten nicht nur Momente voller Verzweiflung und Sehnsucht, sondern auch solche, die die Familie zusammenschweißen und dessen Vertrautheit betonen. Dahingehend kommt auch der Humor nicht zu kurz. So unterhält sich die Familie besonders elaboriert vor den Nachbarn, um nur Momente später in der eigenen Wohnung den üblichen derben Sprachgewohnheiten freien Lauf zu lassen. Besonders nah kommt sich die Familie auch in den fast schon rituellen Momenten vor dem Fernseher. Egal ob bei Chansons oder Animes, die an die Wand aus Franziska Isensees Bühne projiziert werden, für jeden scheinen die Medien eine Art Bezugspunkt zu sein. Dies geht so weit, dass sogar die Nachrichtensprecherin Christine Ockrent, als plakatives Abbild der Allgemeinmedien teilweise in die Konflikte der Familie involviert wird. Franziska Roth spielt Ockrent dabei ambivalent, je nachdem, was sie für die einzelnen Personen bedeutet. Für Wajdi scheint sie eine Art konträrer Mutterersatz zu sein, der ihm Fragen beantwortet, keine Ansprüche an ihn stellt und ihm sanft zuredet: “Lass niemanden aus deiner Heimat eine Beleidigung machen!” Für Nayla spielt sie die Freundin, die ihr bei Konflikten zur Seite steht und für die Mutter, ist sie die Quelle, der sie ihre Verzweiflung entgegenbringen kann. Geschickt gelingt es Mouawad mit dieser Methode, die Wichtigkeit der Medien in subtiler Weise zu veranschaulichen. Die Erinnerungsfragmente verweben sich zunehmend zu einem dichten Netz aus Traumata, Bewältigungsmechanismen und Schuldgefühlen und vermitteln deutlich den emotionalen, aber auch realistischen Zustand vieler geflüchteter Menschen.

Auch Regisseurin Tamara Trunova gelingt diese Darstellung deutlich. Als Chefregisseurin des Left Bank Theatre in Kyjiw sind auch ihr die dargestellten Schicksale nicht fremd. In ihrer Ausarbeitung setzt sie dabei nicht auf Kitsch oder eine für solche Themen häufig belehrende Manier, sondern auf die Kraft des Textes in Kombination mit schlüssigen, subtilen und prägnanten Mitteln. Allein das Bühnenbild birgt dahingehend schon ein enormes erzählerisches Gewicht. Trunova legt das Stück auf der Studiobühne des Theater Oberhausens nicht in eine kleine Wohnung, sondern an eine Haltestelle. Vor einer brutalistisch anmutenden Betonwand reihen sich mehrere abgetrennte orange Sitze auf einer Bank aneinander, über ihnen befinden sich Lautsprecher und ein Bildschirm; es wirkt, als könne jeden Moment ein Zug einfahren. Damit wird die Wohnung der Familie zu exakt dem, was sie eigentlich ist: eine Station, in der man verdammt ist zu warten. Dabei sehnen sich nicht alle zurück in die Heimat. “Ich hoffe, der Krieg geht weiter, denn ich habe keine Lust, in den Libanon zurückzukehren”, murmelt Wajdi, der zunehmend seine Muttersprache vergisst und das für ihn anfänglich so schwierige Französisch zu seiner Hauptsprache macht. Aber nicht nur Wajdi entwickelt sich während des jahrelangen Aufenthalts in Frankreich, sondern auch seine Mutter und seine Schwester - anfänglich noch in viele, fast schon chaotische Schichten verschiedenster Stoffe gehüllt, entblättern sich die Figuren zunehmend, bis sie ein homogeneres Bild ihrer Selbst darstellen. Nur die Mutter fällt immer wieder zurück in ihre ursprüngliche, überbordende Form. Trunova balanciert fokussiert den Einsatz düsterer Lichtstimmungen, mit witzigen Videoeinspielungen und findet auch Raum für Musik. So singt unter anderem Khalil Fahed Aassy als Wajdi Mouawad den französischen Originaltext des Animes Goldarak von Go Nagai, der im arabischen Raum als Kultserie gilt, in einer melancholischen, selbstkomponierten Arie und betont damit die nostalgische Wehmütigkeit, die solche Erinnerungen weckt. Mit Mitteln wie diesen und einer stringenten künstlerischen Rhetorik gelingt es Trunova, einen sehr emotionalen Abend mit viel Tiefgang zu gestalten, der die Realität vieler Menschen widerspiegelt, die Wichtigkeit der Institutionen Zuhause und Familie hinterfragt und einen bewegenden Eindruck hinterlässt.

Im Theater könne man sich alles ausdenken, heißt es zum Ende des Stückes. Unmöglich sei hingegen die Vorstellung, den Krieg zu “töten” und doch sei all “dies”, also die Darstellung solcher Lebensrealitäten, der Diskurs in Theater, Literatur und Medien, und der Mut zur Veränderung, die “Pistole” auf dem Weg dahin. Das Theater Oberhausen wagt es, den Finger an den Abzug zu legen.