Übrigens …

Auf allen vieren im Recklinghausen Ruhrfestspiele

Vor der Menopause nochmal durchgestartet

Es gibt im Leben die Einparker und die Fahrer, stellt die Ich-Erzählerin in Miranda Julys 2024 erschienenem Kult-Roman fest. Die Einparker, man kann es sich denken, sind die Vorsichtigen, Risikoaversen und entsprechend etwas Langweiligen, die Fahrer dagegen geben Gas in ihrem Leben, kommen voran und entdecken Neues. Die Ich-Erzählerin beschließt, dass sie ab sofort zu den Fahrern gehören will, und bricht auf, um mit dem Auto die USA zu durchqueren, von ihrem Heim in Los Angeles bis New York. Schon nach circa 30 Kilometern parkt sie ein. Nicht aus Risikoscheu, sondern um richtig durchzustarten – in ihrem Sex-Leben nämlich. Sie verliebt sich in Davey, der ihr an der Tankstelle die Windschutzscheibe sauber macht.

Die 20.000 Dollar, die die Erzählerin (eine durchschnittlich begabte Künstlerin) überraschend für einen von ihr geschriebenen Whiskey-Werbespot erhalten hat, investiert sie in die Umgestaltung ihres Motelzimmers – vielleicht nur für zwei Wochen, denn danach muss sie zurück sein, um mit Arkanda, dem größten Popstar der Zeit, über das Trauma zu sprechen, das diese bei Geburt ihres Kindes erlitten hat. Traumatische Ängste hat die Ich-Erzählerin auch: Sie steht kurz vor der Menopause, und da drohe eine verminderte Libido, sagt man. Bloß: „Was weiß denn schon die männliche Wissenschaft von der weiblichen Libido?“, fragen die beiden Protagonistinnen auf der Bühne der Ruhrfestspiele Recklinghausen und legen gleich ein Chart auf. Das beweist: Tatsächlich stürzt bei Frauen mit Beginn der Wechseljahre der Östrogen-Spiegel dramatisch ab, während es mit dem Testosteron der Männer nur langsam und gemächlich bergab geht. Oma ist dieserhalb in einem Müllsack aus dem Fenster gesprungen, weil sie weder den Gedanken ans Alter noch den, dass fremde Menschen das Fleisch und Blut ihres aufgeplatzten Körpers von der Straße kratzen müssten, ertragen konnte. Aber vielleicht gibt es ja noch andere Lösungen als den Suizid…

Die Ich-Erzählerin, verheiratet mit einem fürsorglichen Gatten namens Harris, der ihre Emanzipationsbemühungen unterstützt und sich um das gemeinsame neunjährige, non-binäre Kind kümmert, legt nun also mächtig los: mit diversen Masturbationspraktiken sowie heterosexuellen und lesbischen Sex-Spielchen in allen Stellungen – nicht nur „auf allen vieren“. Sie erfindet ihre sexuelle Identität neu und besiegt ihre Angst vor der Menopause. In Recklinghausen teilt sie diese Erfahrung von Beginn an mit ihrer besten Freundin Jordi, berichtet aber auch Daveys Frau über ihre neuen Entdeckungen. Auf der Bühne des Festspielhauses entsteht ein Boulevard-Porno, der meistens lustig ist, aber manchmal auch arg ins Eklige abgleitet. Manche begreift das als Selbstbefreiung der mittelalten Frau, wobei der dem Text zugrundeliegende Feminismus niemals aggressiv ist.

Trotzdem könnte die Dramatisierung des Romans furchtbar schief gehen, wenn sich für die Uraufführung nicht so ein grandioses Schauspielerinnen- und Regie-Team gefunden hätte. Fritzi Haberlandt und Meike Droste sind im fraglichen prekären Alter, auch wenn man es kaum glauben mag. Zu fetziger Musik betreten sie den Raum, in sexy Hotpants und knallgelben Shirts, Rollkoffer in der Hand, selbstbewusst und temperamentvoll. Die patriarchale Welt würde ihnen auch im fortgeschrittenen Alter noch zu Füßen liegen. Lustvoll kitzeln sie die zahlreichen wunderbaren Pointen aus Julys Text hervor – einem Text, der alles andere als große Literatur verkörpert, aber in dem sich immer wieder kleine Perlen der Formulierungskunst verstecken. Die Musikerin Sarah Taylor Ellis begleitet die beiden Schauspielerinnen live mit Gesang und Spiel. Lieder von Whitney Houston, Portishead und anderen passen perfekt und sind teilweise bereits von der Romautorin vorgegeben. Auch Droste und Haberlandt singen; viele Passagen werden choreografiert und synchron vorgetragen. Oft unterstreichen die Lieder und Choreografien den Humor der Aufführung. Die wiederum besticht auch visuell: Kostüme und Requisiten sind durchweg in frischen, fruchtigen Farben gehalten – in Farben der Jugend, nicht des Alters, das die Ich-Erzählerin bekanntlich meidet. Dass auch das Alter seine Reize hat, wird sie zum Schluss erleben: beim lesbischen Sex mit einer weiteren Sexualpartnerin erkennt sie, dass auch Alters-Sex noch sehr erfüllend sein kann.

Die mehr als 400 Romanseiten auf zwei Spielstunden einzukürzen, ist sicher eine Leistung. Julys Roman ist Kult. Er habe neue Maßstäbe gesetzt bei der Behandlung von weiblichem Begehren in der Literatur, schreibt die Literaturkritik. Dennoch bekommt die Aufführung des hochprofessionellen, auch hinter der Bühne ausschließlich weiblichen Teams auf die Dauer Längen. Ihren Unterhaltungswert gewinnt die Aufführung von der das Auge verwöhnenden Ausstattung und den herausragenden Schauspielerinnen.