Übrigens …

Polaris im Theater Marl

Theaterspiele am Südpol

Da fliegt er dahin wie Kris Kelvin aus Stanislaw Lems Solaris: hin zu einem Planeten mit einer eigenen „Psyche, deren Existenz nicht zu leugnen“ ist. Der Planet ist die Antarktis; Wolfram Koch fliegt als Teil einer Theater-Expedition im Frachtraum eines Flugzeugs und zitiert aus Lems Roman. Er reist zur deutschen Forschungs-Station „Neumayer III“: ins ewige Eis. Monatelang leben die Forscher in der von Leon Bischof grandios ins Bild gesetzten unwirtlichen Welt. Übermächtig wirkt sie, doch die Forscher versuchen sie sich untertan zu machen. Der Stationsleiter erklärt dem kleinen Theater-Team die Aufgaben der Station. Die dienen vorrangig wissenschaftlichen Zwecken. Mutmaßlich spielen auch geopolitische Interessen eine Rolle: „Wir wollen nicht den Kosmos erobern. Wir wollen nur unsere Erde erweitern“, heißt es einmal bei Stanislaw Lem; Trump drückt das heute direkter aus. Für den Laien im Zuschauerraum des Theaters Marl, in der Polaris, die Koproduktion der Ruhrfestspiele mit dem Deutschen Theater Berlin, ihre Uraufführung feiert, erscheint es besonders beeindruckend, dass in der absoluten, menschenfernen Ruhe der Antarktis illegale Atom-Versuche, die irgendwo auf der Erde stattfinden, nachzuweisen sind. „Station Weltfrieden“ nennt man diesen politisch wichtigen Teil des Forschungsprojekts. Teamwork ist essentiell; verschiedene Nationen arbeiten unabhängig von politischen Differenzen zusammen. Gleich am ersten Tag nach Ankunft des Theater-Teams geht es um eine Rettungsaktion für verirrte Schweden – es ist nichts zu tun, als nach sechsstündiger Fahrt eine Konstruktion aus einer blauen Tonne und einer roten Schaufel aufzubauen, die ein Koordinatensystem für die Orientierung der Menschen darstellt. Blau und Rot – das sind auch die Farben der Sonnen, um die Lems Doppelsternplanet Solaris kreist.

Besonders weist der Stationsleiter auf die strikt einzuhaltenden Regeln auf der Station hin. Die Einsamkeit und Abgeschiedenheit, die langen Winternächte, in denen die Sonne niemals aufgeht, beeinflussen die Psyche der dort arbeitenden Menschen kaum minder als Polytheria auf Lems Solaris. Es gibt „Lagerkoller am Ende der Welt“, wie es im Vorbericht von westart zur Uraufführung von Jan-Christoph Gockels Theaterprojekt hieß. Das dreht sich um einen ganz realen Fall: Auf der russischen Station hat der Elektriker Sergej vor acht Jahren die strikten Regeln nicht eingehalten. Er hat sie gar bewusst umgangen. Denn er trachtete dem Schweißer Oleg nach dem Leben. Das Motiv, aus dem heraus er Oleg niederstach, ist für jeden Bücherwurm nachvollziehbar: Oleg hatte Sergej wiederholt den Ausgang der von ihm gelesenen Bücher verraten. Sowas tut man doch nicht!

Deshalb einen Mordversuch zu starten, weist auf extremen psychischen Druck hin. Wolfram Koch, der immer wieder literarisch-poetische Zitate aus Stanislaw Lems Science Fiction Roman aus dem Jahre 1961 einstreut, und Julia Gräfner versuchen, dieser Drucksituation auf die Spur zu kommen. Gockels Inszenierung mäandert hin und her zwischen nachgestellten Theater-Szenen mit Oleg (Gräfner) und Sergej (Koch) und filmischen Visualisierungen der Situation auf der Forschungsstation. „Üwis“ nennt man die Menschen, die auf der Forschungsstation beruflich überwintern müssen. Diese Üwis spielen mit: in aufgezeichneten Filmaufnahmen, aber auch live zugeschaltet. Schauspiel-Erfahrung haben sie: Gegen die Langeweile und den Lagerkoller spielen sie auf der Station Theater. Man sieht sie in Eisbärkostümen, als Oktopus, als Raumfahrer die Rampe von der Station herunterrutschen. Das ist lustig, aber reine Überlebensstrategie: ein über 100 Jahre altes Foto beweist, dass schon Sir Walter Scott auf das Theaterspiel als Mittel gegen Lagerkoller verfallen ist.

Gespräche mit englischen Forschern liefern Sachinformationen und werfen Fragen auf im Hinblick auf die Zusammenarbeit nach dem Auslaufen des Umweltschutzprotokolls im internationalen Antarktisvertrag, das bis zum Jahre 2041 die Rohstoffförderung und den kommerziellen Bergbau in der Südpol-Region untersagt: „Wenn der Vertrag endet, herrscht hier der Wilde Westen.“ Parallelen werden gezogen zum Kolonialismus, auch zum heute nach wie vor existierenden Werte-Kolonialismus. So wird aus dem Theaterprojekt, zu dem ein Kriminalfall die Initialzündung gegeben hatte, eine spannende Theater- und Film-Dokumentation, in dem die Beziehung zwischen Oleg und Sergej nur als eine Art roter Faden dient.

Gräfner und Koch geben ihren beiden Figuren extrem unterschiedliche Charakterzüge mit. Julia Gräfners Oleg ist umsichtig und äußerst korrekt, wenn nicht gar pedantisch. Kochs Sergej dagegen kommt respektlos, undiszipliniert und wenig werteorientiert daher. Ab und an lässt Koch schon mal ein Messer blitzen. Dass Gräfner am Ende behauptet, es sei in dem beinahe tödlichen Konflikt gar nicht um Bücher gegangen, sondern man habe sich „einfach nicht leiden“ können, wirkt angesichts der Unterschiedlichkeit der Charaktere glaubhaft; der echte Oleg, der heute auf einer Baustelle in St. Petersburg arbeitet, wird einmal zu Wort kommen und wirkt halbwegs versöhnlich. Vom Spoilern ist bei ihm nicht mehr die Rede, aber die Anekdote ist natürlich viel zu schön, um sie nicht weiterhin zu erzählen. Diesen Spoiler, der Oleg fast das Leben gekostet hätte, bringt die Aufführung augenzwinkernd gleich zu Beginn: Gräfner wandert durchs Publikum und sucht nach Menschen, die das Ende der Geschichte erzählen können. Vermutlich kennt das jeder, der ein Ticket für die Aufführung erworben hat, aber als sich endlich eine Dame findet, die es vernehmlich erzählt, wird sie furchtbar beschimpft: Die Geschichte vom Spoiler wird zum Spoiler und steht so auch für den Humor, der die Aufführung immer wieder durchzieht.

Die von manchen Rezensenten geäußerte Kritik, die Entwicklung des beinahe tödlichen Konflikts zwischen Sergej und Oleg werde nicht stringent genug erzählt, geht daher ins Leere. Denn um diesen Konflikt geht es nur peripher. Vielfältige Brüche und unterschiedliche Spielebenen gehören zum Konzept der Aufführung und machen diese zum Erlebnis. Die Aufführung funktioniert als Kaleidoskop. Sie beleuchtet in 100 Minuten die vielfältigen Probleme, die mit der Arbeit auf der Polarforschungsstation verbunden sind – auf individueller Ebene ebenso wie auf politischem Gebiet. Sie erzählt von Druck und Zusammenhalt, von harter Arbeit und herausragenden Errungenschaften, von internationaler Kooperation und Konkurrenz - und vom Menschlich-Allzumenschlichen. Dabei nutzt die Aufführung souverän die unterschiedlichsten Theatermittel. Lion Bischofs Filmbilder zeigen beeindruckende Landschaftsaufnahmen von erbarmungsloser Kälte. Doch: Die Antarktis sei gar nicht weiß; die Antarktis sei bunt wie ein Kirchenfenster, heißt es einmal. Man muss sie nur sehen lernen, die unterschiedlichen Facetten von Weiß, die von Poesie und Tod erzählen, von überwältigender Schönheit und großer Kälte. Der grandiose, spannungsgeladene, live erzeugte Soundtrack des Musikers Anton Berman bildet den psychischen Druck, der in der Einsamkeit der Eiswüste auf den Forschern lastet, perfekt ab und untermalt die Filmbilder effektvoll.

Neben Lems Solaris findet Jan-Christoph Gockel literarische Parallelen in Herman Melvilles Moby Dick; Das Scheitern des Käpt’n Ahab habe ihn schon seit seiner Kindheit fasziniert, berichtet Koch und fragt den Stationsleiter, ob die Antarktis so etwas wie der „Weiße Wal“ werden könne. Der denkt lange nach, bevor er sagt: „Ich hoffe nicht.“ – Immerhin (auch das wird gespoilert): Den todbringenden Weißen Wal überlebt ja auch einer. Wir nennen ihn Ismael.

 

Da fliegt er dahin wie Kris Kelvin aus Stanislaw Lems Solaris: hin zu einem Planeten mit einer eigenen „Psyche, deren Existenz nicht zu leugnen“ ist. Der Planet ist die Antarktis; Wolfram Koch fliegt als Teil einer Theater-Expedition im Frachtraum eines Flugzeugs und zitiert aus Lems Roman. Er reist zur deutschen Forschungs-Station „Neumayer III“: ins ewige Eis. Monatelang leben die Forscher in der von Leon Bischof grandios ins Bild gesetzten unwirtlichen Welt. Übermächtig wirkt sie, doch die Forscher versuchen sie sich untertan zu machen. Der Stationsleiter erklärt dem kleinen Theater-Team die Aufgaben der Station. Die dienen vorrangig wissenschaftlichen Zwecken. Mutmaßlich spielen auch geopolitische Interessen eine Rolle: „Wir wollen nicht den Kosmos erobern. Wir wollen nur unsere Erde erweitern“, heißt es einmal bei Stanislaw Lem; Trump drückt das heute direkter aus. Für den Laien im Zuschauerraum des Theaters Marl, in der Polaris, die Koproduktion der Ruhrfestspiele mit dem Deutschen Theater Berlin, ihre Uraufführung feiert, erscheint es besonders beeindruckend, dass in der absoluten, menschenfernen Ruhe der Antarktis illegale Atom-Versuche, die irgendwo auf der Erde stattfinden, nachzuweisen sind. „Station Weltfrieden“ nennt man diesen politisch wichtigen Teil des Forschungsprojekts. Teamwork ist essentiell; verschiedene Nationen arbeiten unabhängig von politischen Differenzen zusammen. Gleich am ersten Tag nach Ankunft des Theater-Teams geht es um eine Rettungsaktion für verirrte Schweden – es ist nichts zu tun, als nach sechsstündiger Fahrt eine Konstruktion aus einer blauen Tonne und einer roten Schaufel aufzubauen, die ein Koordinatensystem für die Orientierung der Menschen darstellt. Blau und Rot – das sind auch die Farben der Sonnen, um die Lems Doppelsternplanet Solaris kreist.

Besonders weist der Stationsleiter auf die strikt einzuhaltenden Regeln auf der Station hin. Die Einsamkeit und Abgeschiedenheit, die langen Winternächte, in denen die Sonne niemals aufgeht, beeinflussen die Psyche der dort arbeitenden Menschen kaum minder als Polytheria auf Lems Solaris. Es gibt „Lagerkoller am Ende der Welt“, wie es im Vorbericht von westart zur Uraufführung von Jan-Christoph Gockels Theaterprojekt hieß. Das dreht sich um einen ganz realen Fall: Auf der russischen Station hat der Elektriker Sergej vor acht Jahren die strikten Regeln nicht eingehalten. Er hat sie gar bewusst umgangen. Denn er trachtete dem Schweißer Oleg nach dem Leben. Das Motiv, aus dem heraus er Oleg niederstach, ist für jeden Bücherwurm nachvollziehbar: Oleg hatte Sergej wiederholt den Ausgang der von ihm gelesenen Bücher verraten. Sowas tut man doch nicht!

Deshalb einen Mordversuch zu starten, weist auf extremen psychischen Druck hin. Wolfram Koch, der immer wieder literarisch-poetische Zitate aus Stanislaw Lems Science Fiction Roman aus dem Jahre 1961 einstreut, und Julia Gräfner versuchen, dieser Drucksituation auf die Spur zu kommen. Gockels Inszenierung mäandert hin und her zwischen nachgestellten Theater-Szenen mit Oleg (Gräfner) und Sergej (Koch) und filmischen Visualisierungen der Situation auf der Forschungsstation. „Üwis“ nennt man die Menschen, die auf der Forschungsstation beruflich überwintern müssen. Diese Üwis spielen mit: in aufgezeichneten Filmaufnahmen, aber auch live zugeschaltet. Schauspiel-Erfahrung haben sie: Gegen die Langeweile und den Lagerkoller spielen sie auf der Station Theater. Man sieht sie in Eisbärkostümen, als Oktopus, als Raumfahrer die Rampe von der Station herunterrutschen. Das ist lustig, aber reine Überlebensstrategie: ein über 100 Jahre altes Foto beweist, dass schon Sir Walter Scott auf das Theaterspiel als Mittel gegen Lagerkoller verfallen ist.

Gespräche mit englischen Forschern liefern Sachinformationen und werfen Fragen auf im Hinblick auf die Zusammenarbeit nach dem Auslaufen des Umweltschutzprotokolls im internationalen Antarktisvertrag, das bis zum Jahre 2041 die Rohstoffförderung und den kommerziellen Bergbau in der Südpol-Region untersagt: „Wenn der Vertrag endet, herrscht hier der Wilde Westen.“ Parallelen werden gezogen zum Kolonialismus, auch zum heute nach wie vor existierenden Werte-Kolonialismus. So wird aus dem Theaterprojekt, zu dem ein Kriminalfall die Initialzündung gegeben hatte, eine spannende Theater- und Film-Dokumentation, in dem die Beziehung zwischen Oleg und Sergej nur als eine Art roter Faden dient.

Gräfner und Koch geben ihren beiden Figuren extrem unterschiedliche Charakterzüge mit. Julia Gräfners Oleg ist umsichtig und äußerst korrekt, wenn nicht gar pedantisch. Kochs Sergej dagegen kommt respektlos, undiszipliniert und wenig werteorientiert daher. Ab und an lässt Koch schon mal ein Messer blitzen. Dass Gräfner am Ende behauptet, es sei in dem beinahe tödlichen Konflikt gar nicht um Bücher gegangen, sondern man habe sich „einfach nicht leiden“ können, wirkt angesichts der Unterschiedlichkeit der Charaktere glaubhaft; der echte Oleg, der heute auf einer Baustelle in St. Petersburg arbeitet, wird einmal zu Wort kommen und wirkt halbwegs versöhnlich. Vom Spoilern ist bei ihm nicht mehr die Rede, aber die Anekdote ist natürlich viel zu schön, um sie nicht weiterhin zu erzählen. Diesen Spoiler, der Oleg fast das Leben gekostet hätte, bringt die Aufführung augenzwinkernd gleich zu Beginn: Gräfner wandert durchs Publikum und sucht nach Menschen, die das Ende der Geschichte erzählen können. Vermutlich kennt das jeder, der ein Ticket für die Aufführung erworben hat, aber als sich endlich eine Dame findet, die es vernehmlich erzählt, wird sie furchtbar beschimpft: Die Geschichte vom Spoiler wird zum Spoiler und steht so auch für den Humor, der die Aufführung immer wieder durchzieht.

Die von manchen Rezensenten geäußerte Kritik, die Entwicklung des beinahe tödlichen Konflikts zwischen Sergej und Oleg werde nicht stringent genug erzählt, geht daher ins Leere. Denn um diesen Konflikt geht es nur peripher. Vielfältige Brüche und unterschiedliche Spielebenen gehören zum Konzept der Aufführung und machen diese zum Erlebnis. Die Aufführung funktioniert als Kaleidoskop. Sie beleuchtet in 100 Minuten die vielfältigen Probleme, die mit der Arbeit auf der Polarforschungsstation verbunden sind – auf individueller Ebene ebenso wie auf politischem Gebiet. Sie erzählt von Druck und Zusammenhalt, von harter Arbeit und herausragenden Errungenschaften, von internationaler Kooperation und Konkurrenz - und vom Menschlich-Allzumenschlichen. Dabei nutzt die Aufführung souverän die unterschiedlichsten Theatermittel. Lion Bischofs Filmbilder zeigen beeindruckende Landschaftsaufnahmen von erbarmungsloser Kälte. Doch: Die Antarktis sei gar nicht weiß; die Antarktis sei bunt wie ein Kirchenfenster, heißt es einmal. Man muss sie nur sehen lernen, die unterschiedlichen Facetten von Weiß, die von Poesie und Tod erzählen, von überwältigender Schönheit und großer Kälte. Der grandiose, spannungsgeladene, live erzeugte Soundtrack des Musikers Anton Berman bildet den psychischen Druck, der in der Einsamkeit der Eiswüste auf den Forschern lastet, perfekt ab und untermalt die Filmbilder effektvoll.

Neben Lems Solaris findet Jan-Christoph Gockel literarische Parallelen in Herman Melvilles Moby Dick; Das Scheitern des Käpt’n Ahab habe ihn schon seit seiner Kindheit fasziniert, berichtet Koch und fragt den Stationsleiter, ob die Antarktis so etwas wie der „Weiße Wal“ werden könne. Der denkt lange nach, bevor er sagt: „Ich hoffe nicht.“ – Immerhin (auch das wird gespoilert): Den todbringenden Weißen Wal überlebt ja auch einer. Wir nennen ihn Ismael.