Schachmatt für das Patriarchat
Wer für die Freiheit kämpft, der handelt wohl gerecht und tut Gutes für die Gesellschaft. Dabei ist Gerechtigkeit so schwer zu definieren, wirkt doch des einen Unrecht gerechtfertigt für den anderen. Und was, wenn der Kampf für ein solch hohes Gut in ideologischem Fanatismus mündet und einen blind für generalisierte Unrechtstrukturen werden lässt? Wie gerecht kann der Kampf gegen Ungerechtigkeit sein, wenn er einen selbst in die Ungerechtigkeit treibt und damit gleichzeitig den Kreislauf unrechter Strukturen repliziert und antreibt?
Schon 1781 begehrte Schiller zunächst anonym mit seinem Stück Die Räuber gegen tradierte Ordnungen auf und zielte damit insbesondere auf den Herzog Karl Eugen von Württemberg, der sich angelehnt an den französischen Königshof großer Opulenz, Extravaganz und Absolutismus hingab. Den jungen Friedrich Schiller zwang er in die Militärakademie, in der er jahrelangen Groll gegen die Strukturen des Herzogs intensivieren und nach seinem Austritt aus der Akademie in seinem Debutstück Die Räuber kanalisieren konnte. Bei seiner Uraufführung 1782 sorgte das Werk wegen seines revolutionär anmutenden Inhalts für einen Skandal, der den damals 22 jährigen Dichter zu einer Berühmtheit werden ließ. Auch heute gilt das Werk noch immer als einer der berühmtesten Brüder-Zwists der Literatur: Als Söhne eines wohlhabenden Grafen könnten die Geschwister Karl und Franz kaum unterschiedlicher sein. Der erstgeborene Karl wird vom Vater bevorzugt, während der gemeinhin als hässlich angesehene Franz vernachlässigt wird. Dennoch ist es Karl, der sich als Student durch jugendlichen Leichtsinn in Schulden verwickelt. In der Hoffnung, beim Vater Vergebung und Hilfe zu finden, schickt er ihm einen Brief, den sein Bruder Franz abfängt und mit allerlei Eskapaden ergänzt, um die Verdrossenheit des Vaters zu bestärken. Mit dem Ziel, selbst das Erbe des Hauses zu erhalten, gelingt es Franz, seinen Vater davon zu überzeugen, Karl zu enterben und zu verstoßen. Erzürnt über diese Entwicklung gründet Karl eine Räuberbande, mit der er zunächst vermeintlich gute Taten vollbringen will, bis diese jegliche Moral verliert und in Gewaltexzesse ausartet. Indes sehnt sich Franz nicht nur nach dem Tod des Vaters, um endlich das Familienvermögen zu erhalten, sondern auch nach Karls verlobter Amalia. Diese hält trotz allem Treue zu Karl und weigert sich, sich Franz zu fügen. Als Karl letztlich in das Familienschloss zurückkehrt und die Intrigen seines Bruders aufdeckt, flüchtet dieser aus dem Schloss und nimmt sich das Leben. Auch das Wiedersehen mit Amalia endet im Tod; trotz ihrer anhaltenden Liebe fühlt sich Karl wegen des Bundes, den er mit seinen Räuber-Brüdern eingegangen ist, außerstande, zu Amalia zurückzukehren. Da Amalia ohne Karl nicht leben will, ersticht er sie auf ihren Wunsch hin, bevor er sich selbst wegen seiner Verbrechen der Justiz stellt.
Lucia Bihlers Inszenierung am Schauspielhaus Bochum destilliert den Text in einer feministischen Lesart und thematisiert dabei gleichzeitig die Entwicklung (toxischer) Männlichkeit. Ähnlich antiquiert wie alteingesessene Rollenbilder, setzt Bihler ihre Inszenierung in eine Art Lagerhalle oder Museum. Zunächst, im Hintergrund der strahlend weißen Bühne von Paula Wellmann, stehen abgestellt und teils in Plastik gehüllt diverse bekannte Skulpturen, wie bspw. die Venus von Milo oder der Diskobolos von Myron. Im Zentrum steht eine abgewandelte Version der Laokoon-Gruppe als Brunnen und untermalt subtil die Unmöglichkeit der Vaterfigur, seine Kinder vor größerem Unheil zu bewahren. Bei diesem Unheil handelt es sich aber im Gegensatz zur Sage nicht um eine göttliche Instanz, die Strafe sucht, sondern um ein strukturelles Übel, das die Folgegenerationen korrumpiert: das Patriarchat.
Dahingehend zeugt Regisseurin Lucia Bihler wieder einmal von hervorragender Figurenarbeit mit fokussierter psychologischer Tiefe. Dominik Dos-Reis sticht dabei als Franz mit seiner einfühlsamen Darstellung besonders hervor. Er spielt den „trockenen hölzernen Franz” nicht als maliziöses Ekel, sondern als fast schon schüchternes, unterdrücktes Opfer der mangelnden Liebe in seinem Leben. Bisweilen wirkt es, als gäbe es für ihn keine andere Möglichkeit, die anhaltende Ablehnung und daraus resultierende Frustration zu ertragen und ihr entgegenzuwirken, als durch Lug, Trug und Intrigen. In fast schon Mitleid erregender Manier wirken seine Gräueltaten beinahe gerechtfertigt und fast schon nachvollziehbar. Karl, gespielt von Alexander Wertmann, wandelt hingegen unentwegt zwischen kriegerischen Idealen, einem gekränkten Ego und männlicher Gruppenzugehörigkeit. Dahingehend tötet er Amalia nicht auf ihren Wunsch hin, sondern als Beweis der Treue zu seinen Kumpanen. Besonders viel Haltung gibt Stacyian Jackson dabei ihrer Amalia, sie lässt sich nicht dazu herab, als Spielball des Schicksals den Geschicken der Männer ausgesetzt zu sein und steht unentwegt vehement für ihre Liebe ein. Während des Vergewaltigungsversuchs von Franz wehrt sie sich, ringt ihn nieder, tötet ihn beinahe und quittiert anschließend ihre Stärke mit den Worten: “Ich bin eine Frau!”
Als einzige Frau des Stücks bleibt Amalia im Schauspiel Bochum aber nicht allein; ein zunächst im Hintergrund und ebenfalls wie Skulpturen anmutender, großer Frauenchor spendet ihr durch Gesang und Beistand Kraft und Trost und bildet damit einen sanften aber mächtigen Gegenentwurf zur marodierenden männlichen Räuberbande. Amalia weigert sich, den an ihr verübten Femizid unbeantwortet zu lassen, steht wieder auf und stimmt mit ihren Schwestern einen sirenenhaften Gesang mit dem Leitmotiv „Trink mein Blut” an und beendet den Abend mit einem klagenden Monolog, der nicht weniger fordert, als Erkenntnis, Wandel und Rechtschaffenheit.
Lucia Bihlers Inszenierung verbindet damit eine deutlich einprägsame Ästhetik mit einer klugen und zeitgemäßen Lesart. Mit subtilen, aber nachdrücklichen Mitteln gelingt es ihr, den Inhalt des Werkes unaufdringlich mit Themenkomplexen der heutigen Gesellschaft aufzuarbeiten und gleichzeitig eine prägnante Ästhetik zu bedienen. Zwischen dem bedeutungsstarken Bühnenbild von Paula Wellmann, den stimmigen, an Maßanzüge der 50er Jahre erinnernden Kostümen von Leonie Falke und der stimmungsvoll kuratierten musikalischen Leitmotivik von Jacob Suske zwischen Doom-Jazz und Wagner, finden sich in jeder Szene eine Vielzahl bewegender Details. Besonders emotional ist dahingehend bspw. die Szene, in welcher Karl versucht, nach dem mehrfachen Femizid an den Frauen des Chors, diese wieder aufzurichten und wie Skulpturen in Form zu bringen, nur damit diese Momente später wieder wie leblose Puppen ineinanderfallen. Auch die Motivik, mit welcher Franz sich selbst und seinen Bruder als Schachfiguren - ein schwarzes und ein weißes Pferd - darstellt, die Figuren zückt und sich immer wieder an sie wendet, betont plakativ, dass die Brüder ebenso festgefahren in ihren Denk- und Verhaltensmustern sind, wie die Figuren in ihren Bewegungen. Kurz vor dem Ende, treffen die Brüder wieder aufeinander und scheinen sich zunächst nicht zu bekämpfen - es ist die unerwartete, innige Umarmung, die eine tiefe Tragik mit sich zieht und sich zu einer Art Gerangel entwickelt, bevor die Schachfiguren fallen und Amalia, die einzig rechtschaffene und unschuldige Person, die Freiheit erhält, endlich laut zu werden. Die Inszenierung oszilliert hervorragend zwischen einer starken Bühnen- und Spielästhetik einerseits und einer stringenten, unaufdringlichen Auseinandersetzung mit dem Gefangensein in gesellschaftlichen Strukturen wie dem Patriarchat und veralteten Rollenbildern sowie deren Folgen andererseits. Lucia Bihler beweist wieder einmal eindrucksvoll, dass eine nuancierte Auseinandersetzung mit relevanten Themen und eine starke Bühnenästhetik bemerkenswert selbstverständlich zusammenfinden können.