Eine ukrainische Frau im Krieg
Aufstehen zum Appell. Besser: zur Vereidigung. Wir alle erheben uns im kleinen Theaterraum des Forums Freies Theater. Lastivka spricht die Eidesformel vor, in femininer Form vor 500 Soldaten und circa 30 Soldatinnen. Lastivka ist Künstlerin, Aktivistin und Feministin und hat zuletzt in Polen und Deutschland gearbeitet. Jetzt, im Jahre 2023, ist sie zurückgekehrt in ihre ukrainische Heimat, um in der Armee für ihr Land zu kämpfen: für die Freiheit und für die Verteidigung ihrer Werte. Die Performerin Agata Rozycka spielt diese Szene im langen Schleppenkleid zu barocker Cembalo-Musik: Zu Beginn wirft die Aufführung einen Rückblick auf die ukrainische Geschichte und die Fremdherrschaft Russlands über das Land, und die begann in der Barockzeit, in Folge des Chmelnyzkyj-Aufstands 1648 (bei dem Russland allerdings zunächst als Freund zu Hilfe kam).
Magda Szpecht, die Regisseurin und Ko-Autorin dieses Theaterabends, spricht von Lastivka als ihrer Schwester. Sie erzähle von ihrer persönlichen Geschichte, sagt die polnische Künstlerin. Die Ukrainerin Lastivka steht für eine ihrer engen Freundinnen und Kolleginnen. Szpecht will das tun, wozu Lastivka aufgrund ihres Kriegseinsatz nicht mehr kommt: die Erfahrungen und Erlebnisse der Freundin in Kunst umsetzen. Dazu hat sie eine Collage aus Briefzitaten, Telefonaten, Sprachnachrichten und Chats kreiert; Karolina Pawelczyks Videos aus Wald und Feld, von nachgestellten Unterständen und (mit subjektiver Kamera gedreht) einer halsbrecherischen Autofahrt mit einem schwerstverletzten Soldaten illustrieren den Text. Künstlerisch besonders eindrucksvoll gelingt Agata Rozycka der weitgehend live produzierte Soundtrack: Sie schreibt Briefe auf der Trommel (mit dem Trommelstock), schlägt auf Requisiten und ihre Kleidung, rappt einen Song mit gefühlt Hunderten von Flüchen, in denen das F-Wort vorkommt. Der Rhythmus der Musik, das Schlagen der Trommelstöcke, der Sound und das Blitzen eines schweren Gewitters lassen an feindliches Feuer denken. Die Angst wird spürbar – bei der daheim gebliebenen Freundin, wenn sie einmal über längere Zeit keine Nachricht erhält, bei der Soldatin, die allein im Unterschlupf Wache hält. Mit einfachen Worten und Bildern, aber aufgrund der Visualisierung des Fluchtwegs extrem spannend wird die Evakuierung des Soldaten Shevelev geschildert, den Lastivka rettet und der gemeinsam mit ihr zu einem viele Kilometer entfernten Not-Krankenhaus transportiert wird.
Die sensible Künstlerin und mutige Kämpferin für die Frauenrechte trifft im Krieg auf eine ganz andere, fremde Welt, in die zu integrieren ihr so schwerfällt, dass sie während der Grundausbildung hart mit ihren Vorgesetzten aneinandergerät. Die Welt im Krieg ist frauenfeindlich und sexistisch; zu ihrem Entsetzen nutzen das viele Soldatinnen aus, indem sie sich anbiedern und flirten, um sich Vorteile zu verschaffen. Sie beobachtet Rücksichtslosigkeit, Homophobie, Rassismus und Korruption: Viele Soldaten, so berichtet sie ihrer Freundin, haben noch die Sprache und die Verhaltensweise der einstigen Sowjet-Armee – Das Militär ist, trotz des sagenhaften Frauenanteils von 6 % in ihrer Einheit - noch ein extrem patriarchalisches System. „Ich lerne die Sprache der Verachtung“, schreibt sie.
Dass Themen wie Mitspracherecht und Demokratie in einer Armee im Kriegseinsatz keine Rolle spielen, lässt sich denken – und ist wahrscheinlich unvermeidlich. Lastivkas Überzeugungen widerspricht das selbstverständlich diametral, aber sie lernt widerwillig, damit umzugehen. Es gebe keine Zeit zum Trauern – und es gebe auch keine eingespielten, sinnvollen Trauerrituale beim Verlust von Kolleginnen und Kollegen, konstatiert sie emotionslos – für Emotionen bleibe ebenfalls keine Zeit. Trotz allem: Auf ihrem Grabstein solle stehen: „I still think it was a good idea“, sagt Lastivka. Die Verteidigung unserer Werte und unserer Demokratie fordert Opfer.
Als ihre Einheit aufgerieben wird und nur noch wenige überleben, bestellt Lastivka Leichensäcke. Doch für die benötigte Anzahl ist nicht genug Geld da. Zu Beginn, noch in der Grundausbildung, hatte Lastivka ihre Freundin gebeten, ihr zu erzählen, was in der richtigen Welt so vorgehe. Die Freundin überlegt: „Die Russen trinken Champagner auf der Biennale in Venedig“, sagt sie.