Unter dem Hochofen 5
Schon mal was vom Theaterprojekt Das letzte Kleinod gehört? Ich auch nicht. Dabei touren dessen Mitglieder seit 35 Jahren quer durch Deutschland und manchmal auch darüber hinaus. Sie spielten schon in Grönland und in einem spanischen Fischereihafen, in einer ehemaligen reichsdeutschen Luftwaffen-Munitionsanstalt, einem Außenlager des KZ Neuengamme und – bei Eiseskälte – in einem norddeutschen Kühlhaus. Auch am Strand von Spiekeroog und auf Sansibar waren die Schauspielerinnen und Schauspieler des ungewöhnlichen Theaterprojekts schon zu Gast. Ihr Markenzeichen ist der „Ozeanblaue Zug“, der mit seinen zehn oder elf Waggons Sitz- und Produktionsstätte, Werk- und Schlafstatt sowie die Haupt-Spielstätte der Gruppe ist. Das Prinzip der 1991 von Jens-Erwin Siemssen und Juliane Lenssen gegründeten Gruppe ist es, ihre dokumentarischen oder halbdokumentarischen Stücke an Originalschauplätzen oder zumindest an Orten aufzuführen, die sich unmittelbar zu ihren Inhalten verhalten.
Jetzt rollte der Zug von seinem Heimatbahnhof in Geestenseth nach Duisburg. Für fünf Tage macht er im Landschaftspark Nord Station. Unter dem Hochofen 5 wird die Geschichte der Stahlindustrie erzählt – nicht die der 1985 geschlossenen Hütte der damaligen August Thyssen AG, sondern die des EKO, des Eisenhüttenkombinats Ost in Eisenhüttenstadt. Über die Geschichte dieses Kombinats, seine Gründung nach dem Zweiten Weltkrieg und seine Stärken und Schwächen informiert ein hochinteressanter Artikel des Historischen Instituts der Universität Potsdam. Die Aufführung des letzten Kleinods konzentriert sich auf die Sicht der Arbeiterinnen und Arbeiter in dem Kombinat. En passant wird damit auch eine kleine Kulturgeschichte der DDR erzählt.
Die zur Duisburger Premiere leider eher spärlich erschienenen Zuschauer werden in Gruppen aufgeteilt und jeweils von einer Schauspielerin oder einem Schauspieler zu ihren individuellen Startpunkten geführt. Der Unterzeichner beginnt seinen theatralen Rundgang mit einem Bericht über die Arbeit in der Stranggießanlage: Auf einem offenen Pritschen-Waggon schaut man auf eine - reale - Bramme mit einem Gewicht von 20–30 Tonnen und lernt die Techniken und Gefahren des speziellen Gießverfahrens für Halbzeug aus Eisen- und Nichteisenlegierungen kennen. Auf solchen Pritschenwagen und in geschlossenen Waggons, manchmal auch neben dem Zug auf dem Gelände des Landschaftsparks erzählen die - in meist eher ärmliche Kostüme der Zeit gekleideten Kleinod-Akteure – überraschend tief in technische Details gehend – von den Anfängen der Stahlproduktion in der DDR, von der Zusammenarbeit mit der Sowjetunion und der VÖEST Alpine aus Österreich sowie den jeweils individuellen Erlebnissen und Lebenswegen einschließlich ihrer Träume. Von „Karrierewegen“ wollte der Rezensent gerade sprechen, aber das scheint für die DDR doch ein eher unpassender Begriff zu sein. Immerhin: Bewerbungen für Auslandseinsätze waren möglich und attraktiv, insbesondere wenn es zum Kooperationspartner nach Österreich oder sogar nach Salzgitter ging; mehrfach wird betont, dass auch in der Produktion Frauen die gleichen Aufstiegsmöglichkeiten und Berufswege offenstanden wie Männern, was im Westen nicht möglich gewesen sei.
Die von Theaterleiter und Regisseur Jens-Erwin Siemssen montierten Texte klingen weitestgehend nach kaum bearbeiteten O-Tönen der Werktätigen aus Eisenhüttenstadt und Umgebung: Eine Interpretation oder politisch motivierte Gewichtung (die ja zu einer Verfremdung der Aussagen der Stahlarbeiter führen würde) hat sich das Theaterkollektiv verkniffen. Vieles wirkt in den Erinnerungen der Arbeiterinnen und Arbeiter verklärt; betont werden der Schutz des Kollektivs durch die Politik und die Werksleitung sowie der gute Zusammenhalt untereinander. Der Stolz auf die geleistete Arbeit ist unverkennbar – und angesichts der schwierigen Rahmenbedingungen, denen Stahlarbeiter überall auf der Welt ausgesetzt sind, wohl mehr als berechtigt. Aber die Aneinanderreihung von Erzählungen lässt automatisch einen Blick auf die Schwächen des Systems zu.
Tatsächlich war das neu gebaute Werk des EKO – auch aufgrund der Zusammenarbeit mit VÖEST und teilweise mit Salzgitter – in Teilen besser ausgestattet als die meisten Stahlwerke im Westen. Die Kohle dagegen kam vorwiegend aus Polen, mangels eigener Rohstoff-Vorkommen wurde das Erz per Eisenbahn aus der kasachischen Steppe herbeitransportiert und war häufig von minderer Qualität. Verarbeitet werden musste es trotzdem: „Man konnte ja schlecht reklamieren beim Russen!“ Die vorbildliche Kinderbetreuung in den Krippen wird mehrfach gelobt, doch beiläufig bemerkt Kristina Guenthers Figur, manchmal habe sie ihre Kinder mehrere Tage lang nicht gesehen. Wie sehr die Kinderkrippen zu frühkindlicher Bildung und Infiltration im Sinne des Systems genutzt wurden, ist kein Geheimnis. Mehrfach wird von schweren Unfällen berichtet; insbesondere „Lokführer“ Oliver Walter, dessen lebhafte Erzählungen ganz besondere Aufmerksamkeit beim Publikum hervorrufen, erzählt von einem – glimpflich ausgegangenen – Zusammenstoß, und hochspannend und zu Herzen gehend berichtet Sophia Hahn von einem in flüssiges Eisenerz gestürzten Arbeiter. Hoher Druck wegen steigender Produktionsvorgaben – der Staat benötigte „Valuta“ -, dadurch ausgelöste Unachtsamkeit führten in den 1980er Jahren zu steigenden Unfallquoten; Arbeiten in asbestverseuchter Umgebung war damals auch im Westen noch an der Tagesordnung. Erst nach der Wende setzten sich strenge Arbeitsschutz-Regeln durch: „Heute steht Betriebssicherheit an erster Stelle.“
Ja, und dann ist da noch die Sache mit der Reisefreiheit. „In die Tschechoslowakei konnten wir immer“, wiegelt eine Arbeiterin ab. Aber schon Moskau war ein Sehnsuchtsort wie bei Tschechow, und als sowohl arbeitstechnisch als auch politisch zuverlässige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiten für einen mehrmonatigen Einsatz in Österreich gesucht werden, erscheint dies als einzigartige Chance. Es werden investigative Fragen nach den Familienverhältnissen gestellt bis in die letzten Verästelungen einer Generation. In einer hübschen Szene sind dagegen unter dem beeindruckenden Hochofen 5 der alten Thyssen-Hütte zwei klapprige Gartenstühle aufgestellt, die gemeinsam mit einer abgewetzten Luftmatratze das FDGB-Ferienheim „Freundschaft“ auf Rügen repräsentieren. Dort machte die Arbeiterschaft Urlaub; gebucht und genehmigt über die Einheitsgewerkschaft. Beim Sport war das Eisenhüttenstädter Kombinat erfolgreich: Stolz wird von seiner Teilnahme an den Weltfestspielen der Jugend erzählt. Und wie schön klingt der rührende Propaganda-Satz des Kombinats: „Jeder zweite Herzschlag ist ein Herzschlag für die Kultur.“ Das Herz schlug links in der DDR, aber mit durchaus ausbeuterischen Methoden.
Allerdings funktionierte die Ausbeutung anders als im Kapitalismus. Lokführer Oliver Walter hat als einziger der auftretenden Figuren nach der Wende vorwiegend positive Erfahrungen gemacht. Der Umgangston ändert sich, schnell wird mit Entlassung gedroht, Rücksichtnahme auf Krankheiten oder private Umstände gibt es nicht mehr. Krupp kauft Teile des Werks, andere werden geschlossen. Vorübergehend geben Aufträge des Kooperationspartners Salzgitter Hoffnung, aber auch das ist bald vorbei. Entlassungswellen wird mit Streiks begegnet, die kaum etwas bewirken. Die Mitarbeiter, die die Wende begrüßt und unterstützt hatten, werden in der überwiegenden Mehrzahl enttäuscht, wissen aber auch von Erfolgsgeschichten.
Als Zuschauer erlebt man eine 90minütige Geschichtsstunde in authentischer Umgebung. Es wird relativ wenig gespielt, mehr erzählt. Da singt mal einer ein FDJ-Lied oder einen Arbeiter-Song; gestisch angedeutet und mit spärlichen Bewegungen ausgeführt werden typische manuelle Arbeiten bei der Stahlproduktion. In der Kantine – einem kleinen Stand neben den Eisenbahngleisen – gibt es für jeden Zuschauer eine Spreewaldgurke; Kristina Guenther – jetzt als Kranführerin – bietet einen leckeren Kaffee an, bevor sie in das auf einem Eisenbahnwaggon montierte Kran-Führerhaus steigt. Man erlebt eine andere Form von Theater als gewohnt: eine, die sich nicht aus künstlerischer Originalität und origineller Interpretation speist, sondern aus der Authentizität der Aussagen und der Umgebung. Für die vielen Duisburger Stahlarbeiter, die in den letzten Jahrzehnten ihren Job verloren haben, wäre der Besuch sicher hochinteressant: Sie könnten vergleichen, was in Ost und West mit der Stahlindustrie geschehen ist. Ich hätte gern meinen Schwiegervater in die Aufführung mitgenommen, der sein komplettes Arbeitsleben bei Thyssen verbracht hat. Aber er ist vor 20 Jahren verstorben.