Übrigens …

2x241 Titel doppelt so gut wie Martin Kippenberger im Stadthalle Mülheim/Ruhr

Satanische Botschaften

Wenn man die Bibel vorwärts liest, kann man satanische Botschaften hören“, lautet die Nummer 59. Mit stoischer Miene präsentieren Elias Maria Burckhardt, Antonina Gruse und Anja Signitzer vom Künstlerkollektiv Frankfurter Hauptschule 482 mögliche Stücktitel und Aphorismen, nämlich 2x241 Titel doppelt so gut wie Martin Kippenberger. Mit viel Dada und Nonsens beginnt der Abend, doch je weiter man vorwärts schreitet im Text, desto satanischer werden die mal mehr, mal weniger versteckten Botschaften. Mal bleibt einem das Lachen im Halse stecken – und will dann doch befreiend raus, so wie bei Martin Kippenberger, dem Titel-Helden, den die drei Performer phantasievoll und kalauernd zu übertreffen suchen. „Martin, stell dich in die Ecke und schäm‘ dich“, hatte Kippenberger eines seiner bekanntesten Werke genannt und die Skulptur eines Menschen in die Ecke des Klassenzimmers gestellt, so wie es in der Volksschul-Zeit des Unterzeichners als Strafaktion gegen ungehorsame Kinder noch üblich war. Muss man sich schämen für solche Internet-Posts: „Bei gleicher Eignung Rechtsradikale bevorzugt“, heißt FHS-Titel 121. – „Ich kann beim besten Willen kein Hakenkreuz erkennen“, nennt Kippenberger ein anderes seiner Werke, in dem lauter rechtwinklige Haken durcheinanderpurzeln. Ein anderes heißt: „Heil Hitler, ihr Fetischisten!“ – Kleines Wortspiel, bitterböse.

Kippenberger und sein Werk 241 Bildtitel zum Ausleihen für Künstler sind Referenzen, die das Künstlerkollektiv bereits im Titel ihrer Kunst-Performance nennt. Gerade das letzte Zitat (die Bevorzugung von Rechtsradikalen) weist auf den anderen möglichen Urvater des urkomischen, aber politischen Abends hin, denn es könnte auch von Christoph Schlingensief stammen. Das Kollektiv nennt noch weitere Götter, die sein Denken und Schreiben beeinflusst haben: Heiner Müller, Bertolt Brecht und René Pollesch zum Beispiel. Janis El-Bira, dem Moderator des anschließenden Künstlergesprächs, fallen noch Dieter Roth und die Fluxus-Künstler ein, vielleicht auch Robert Gernhardt, einer der Protagonisten der Frankfurter Schule (ohne Haupt, aber mit hellem Kopf). Ja, bei all denen haben sie geklaut, von all denen haben sie sich beeinflussen lassen für eine Aufführung voller Scherz, Satire, Ironie und tieferer Bedeutung. Eine Aufführung, in der die Zuschauer vergnügt erleben, wie sie lustvoll vors Schienbein getreten werden.

Der Text hat einen im Grunde einfach zu durchschauenden dramaturgischen Aufbau: Es beginnt mit Wortspielen, Kalauern, falsch gesetzten Kommata, also dem, was man zur Jugendzeit des Rezensenten als „höheren Blödsinn“ bezeichnete: „Die Blumen des Blöden“, heißt denn auch Titel Nummer 20. Was natürlich ein veralberter Baudelaire ist, so wie viele Titel und Schlagwörter aus Literatur, Film und Kunst verballhornt werden: Fluch der Akribik heißt es da (und bekommt einen ganz anderen Sinn, dem der zum Chaos neigende Rezensent vorbehaltlos zustimmt); vor dem geistigen Auge des Zuschauers erscheinen die ikonischen Bilder der Kunstaktion von Joseph Beuys, wenn der Meister in einer Passage, in der es um Sexismus geht, zitiert wird: „Wie man den toten Bunnys die Bitches erklärt“. Ein nur projizierter, nicht gesprochener Titel erzählt von einem Besuch bei dem Thomas-Mann-Forscher Herbert Lehner. Der Titel hört und hört nicht auf, kommt von Hölzken auf’s Stöcksken, ist total verschachtelt. Irgendwann verliert man die Orientierung. So sind Thomas-Mann-Sätze…

Wir schweifen ab und springen schon wieder durch die Zeiten und die Nummerierungen. Dazu lädt der Abend ein. Zweimal 241 Titel werden gesprochen oder projiziert. Schon gegen Ende des ersten Teils, spätestens aber im zweiten werden die Anspielungen böser, politischer. Unterschwellig oder auch ganz direkt klagen sie Klassismus, Sexismus und vor allem immer wieder Nazismus an, oftmals durch provokante Affirmation. Kippenbergers Hakenkreuze sind beim besten Willen nicht zu übersehen und in diesen Zeiten leider hochaktuell, aber auch die linken Irrtümer unserer Gesellschaft werden bitterböse auf den Krampf genommen. Dabei ist Widerspruch Konzept: Zuverlässig führt jeder Spruch den vorherigen ad absurdum, konterkariert ihn, macht ihn lächerlich.

Einer der Juroren des Mülheimer Dramatikpreises, für den die Frankfurter Hauptschule nominiert war, bekannte, dass er Kippenberger nicht kannte, und kippte das ganze Projekt schlecht gelaunt in den Orkus. Er könne mit dem Text nicht das Geringste anfangen. Nun, ein bisschen sollte man schon im Leben stehen, wenn man möglichst viele der Anspielungen verstehen will. Es gibt ja auch Leute, die halten Mbappé für einen falsch geschriebenen Aktendeckel, und die sind sicherlich fehl am Platze in der Aufführung. Popkultur, TV und Alltags-Trash sind häufige Bezugsgrößen der 482 Titel – seien es nun Kalauer („Wer sieht morgens schon aus wie Vera am Mittag?“ oder intelligent um die Ecke gedachte Verwirrspiele. „Wenn ich das Telefonbuch auswendig lerne, interessiert es Thomas Gottschalk nicht, auf welcher Seite Einsamkeit steht“? Wer nie „Wetten, dass…“ geguckt oder zumindest die Rezensionen der Sendung verfolgt hat, weiß man auch nicht, wie tief dieser Satz gründelt, was für eine empathische Gedankenkette im Grunde dahintersteht – und dass er auf einer realen Wette beruht. Manchmal dauert es ein bisschen, bis der Groschen klingelt; gerade in Fällen, in denen er eigentlich eine tieftraurige Wahrheit verkündet, versteht man den „Witz“ oft mit Verzögerung – und schon hat man zwei, drei Pointen verpasst. Sprachen wir nicht von „Tritten vors Schienbein“? Was für eine gesellschaftliche Anklage steckt hinter einem Kalauer wie: „Wer gar nichts hat, hat Menschenkenntnis.“! Man braucht ein bisschen, bis man’s kapiert.  

Nicht nur inhaltlich wird das Assoziationsvermögen des Publikums herausgefordert. Niemand wird alle 482 Anspielungen verstehen, denn niemand kennt sich auf allen Gebieten anspruchsvoller Kunst und anspruchslosen Alltags-Trashs aus. „Cogito ergo dumm“? – Aber nein! Durch zunehmendes Tempo wird das Publikum überfordert. Ein „Accelerando“ nennt die Dramaturgin Julia Lochte das; es stehe im Zusammenhang mit dem Verstecken der Botschaften in den teils lustigen, teils provokanten Texten. Ob das notwendig ist? Nun ja, ein bisschen Tempo benötigt die Aufführung schon, denn sie kommt extrem minimalistisch daher. Die Schauspielerinnen und Schauspieler sind gehalten, ihre 482 Sätze vollkommen statisch, ohne jede Veränderung ihrer Mimik und Gestik vorzutragen. In zunehmender Zahl werden einige der – streng durchnummerierten – Titel nur schriftlich per Video eingeblendet; die Akteure, die die Ordnungszahlen mitsprechen und die Einblendungen nicht sehen, müssen dann in ihrem Zahlensystem springen. All das erfordere ungewöhnlich hohe Konzentration, berichten sie – in Mülheim haben die beiden Studierenden der Falckenbergschule und die diplomierte Schauspielerin die Herausforderung brillant bestanden.

Nicht allen Zuschauern gefiel dieser Minimalismus. Zwei oder dreimal wird er durchbrochen. Einmal singen die drei Akteure wunderbar melancholisch den Ballermann-Hit von „Mamma Lauda“ („Wie heißt die Mutter von Niki Lauda?“): So harmonisch zu Gehör gebracht, vermag der durchaus zu gefallen. Und einmal löst sich Antonina Gruse aus der Gruppe, spricht eine kleine Gruppe aus dem Publikum an und erzählt im Märchenton die traurige Geschichte einer verfehlten Grundschul-Liebe. Das ist ein irritierender, weil ästhetisch aus dem Rahmen der Aufführung fallender langer Moment. Der hat keinen Grund. Der führt zu nix. Der ist einfach nur schön. Das dicke Ende erzählt die Schauspielerin nämlich nicht. Das reicht Gruse später nach, und es ist gruselig.

So lacht man sich denn durch einen anarchischen Abend, der eigentlich eine ziemlich erschreckende Gesellschaftsanalyse ist und alle Kuriositäten, Irrwege und Schrecken der Sozialen Netzwerke gesampelt hat. Manche sind gegen die ja immun: „Draußen spielen Kinder. Haben die kein Internet?“ heißt Nummer 186, Teil 2. Und kurz darauf: „Kinder malen Sonnen, weil sie die Welt brennen sehen wollen.“ – Eine satanische Botschaft…