Mit Tricks zum Stillstand
"Wir verkaufen unser Omma ihr klein' Häusken", denkt die erstmals seit Jahren wieder gemeinsam angereiste Familie offenbar in Anlehnung an ein altes Lied, das wir früher im Schulbus sangen. Denn: „Städter zahlen viel für Orte, wo sie barfuß durchs Gras laufen können.“ Ob sie viel für Ommas klein‘ Häusken berappen würden? Das erscheint zumindest fraglich.
Zwei Neubaugebiete sollen zusammenwachsen, doch mittendrin stört Omas ranzige Immobilie. Die muss sich doch zu Geld machen lassen? Man könnte sie weiter verwittern und verfallen lassen, bis der Grundstückswert so in die Höhe geschossen ist, dass beim Verkauf alle Hinterbliebenen reich werden. Man könnte dort aber auch einen Supermarkt bauen. Oder ein Lavendelfeld wachsen lassen? Anja träumt von Ferienhäusern, eh bien, that's Cechov. Bloß was Omma will, hat keiner gefragt. Die scheint bei Katja Gaudard ja auch schon ziemlich durch den Wind.
Lukas Rietzschel hat so etwas wie eine Fortschreibung von Tschechows Kirschgarten ersonnen. Diese wirkt bei Regisseur Enrico Lübbe vom Schauspiel Leipzig deutlich komödiantischer als das Original des russischen Großmeisters. Viel ist von dem nicht übriggeblieben: die Struktur von vier Akten, das unentschlossene Verharren einiger Figuren, der Schrank, an den Oma eine Rede richtet wie Gajew beim guten alten Anton – und der Stillstand. Aber der offenbart sich erst spät in Rietzschels Stück. Zu Beginn der Aufführung hört man einen Knall - Schläge, als wäre man bereits dabei, den Kirschgarten abzuholzen. Bald erfährt man tatsächlich, dass nur noch ein einziger Baum an Ort und Stelle steht. Es ist später Abend und taghell, denn das Haus an einer vierspurigen Durchgangsstraße wird angestrahlt von Straßenlaternen, die flutlichtartiges Licht verbreiten. Hier will Anja eine Ferienhaus-Siedlung entstehen lassen?
Oma, mindestens so alt wie Firs, scheint noch mehr pleite zu sein als Tschechows Ranjewskaja, denn im letzten Winter ist sie, wenn man ihrer Klage glauben soll, fast erfroren. Das ist dem Rest der Familie herzlich gleichgültig, denn man will Oma ja eh so schnell wie möglich umsiedeln. Vorübergehend bildet Anjas Verlobter Anton (!) mit der Großmutter eine Koalition gegen den Raubtierkapitalismus, aber bald hat sich auskoaliert. Der Rest der mehrheitlich aus ziemlich unsympathischen Gesellen bestehenden Familie, der sich anfangs so einig war, streitet bald rum. Nicht mal die Größe von Omas Häuschen ist noch unumstritten; Onkel Alexander (Thomas Braungardt) misst mit dem Zollstock nach und kommt zu verwirrenden Ergebnissen. Anton (überzeugend, weil er in seinem Spiel als einziger eine Entwicklung seiner Figur zeigt: Niklas Wetzel) wirft der Family Tricks, Täuschung, Manipulation und Bandenbildung vor - das ist so maßlos übertrieben wie korrekt. Doch wirklich konkrete Fakten kommen nicht auf den Tisch, und wirklich zielgerichtet wird die Diskussion auch nicht. Viele Fake News werden verwandt, um eigene Interessen durchzusetzen. Vielleicht dienen die alternativen Fakten aber auch, wie Lukas Rietzschel im Einklang mit dem Bremer Soziologen Nils Kumkar mutmaßt, als „kommunikative Mittel …, Entscheidungen so lange hinauszuzögern, bis sie verunmöglicht sind“ (zitiert nach einem Interview mit Rietzschel im Programmheft). Die echte Wahrheit kennt allerdings auch keiner. Das dämmert den Figuren zwar irgendwann, aber wie WENIG sie die Wahrheit kennen, ahnen sie NICHT.
Spekulationsgeschäfte, das Sterben des Einzelhandels, der Niedergang des dörflichen Zusammenhalts - Rietzschel streift en passant viele Themen. Leider führt das bei Lübbe und seinem lange Zeit ziemlich uninspiriert agierenden Ensemble zu viel Geplapper. Erst nach einer Stunde nimmt die Inszenierung Fahrt auf. Dann wird es gespenstisch und geheimnisvoll. Es gibt nämlich noch eine merkwürdige Nebenfigur, die wir längst vergessen hatten, obwohl sie den Abend eröffnet hatte. Sie schleicht auf teuflischen Plateausohlen durch die Szenerie und trägt eine Axt über der Schulter. Sie steckt mit Oma unter einer Decke. Und diese Oma ist keineswegs wie vermutet durch den Wind. Sie hat es faustdick hinter den Ohren.
Dank einiger Tricks bleibt jedenfalls am Ende alles beim Alten. Zu diesem Resultat zu gelangen, war nicht einfach: Die größte Anstrengung sei die Herstellung des Stillstands, sagt Oma. „Alles bleibt, wie es war. Das ist eine beachtliche Leistung, die mehr Arbeit und Zeit erfordert, als du dir vorstellen kannst.“ Bei Tschechow damals hat das nicht so recht geklappt.