Marmormarco und die cuten Nixen
Kein -f-, kein -e-: Nein, nein, das ist kein Tippfehler. Kim de l’Horizon ist der Meister des Non-Binären. Die Meerjungwesen des Hans Christian Andersen sind mit ihren fischigen Unterleibern ja auch nicht wirklich einem binären Menschengeschlecht zuzuordnen. Doch nicht nur das „Frau“liche fällt weg, wenn man die beiden Buchstaben streicht: Geraunt wird dann auch vom Rauen. Kim de l’Horizon, der von sich berichtet, dass „Märchen (stets) … ein Schatz meiner Weltwahrnehmung“ waren, hat der „Mär des Meers“ auch Motive aus dem von den Brüdern Grimm aufgezeichneten Volksmärchen Allerleirauh hinzugefügt, in dem eine schöne Königstochter unter Mühen und Inkaufnahme mancher Erniedrigung per aspera ad astra, durchs Raue zu den Sternen gelangt. Etymologisch stammt der Prinzessin „rauh“ allerdings vom Begriff der Rauchwaren: Tierfelle trägt das Girl – vielleicht als ärmliche Verkleidung der Königstochter, aber vielleicht auch als Pelzmantel u••••••••nd mithin als Hinweis auf ihre Klassenzugehörigkeit. Irgendwann während der 90minütigen Aufführung der Bühnen Bern, die Die kleinen Meerjungraun bei den Mülheimer Theatertagen vorstellen, haben die Darsteller:innen pelzige Stofffetzen in Händen. Meist philosophieren sie über ihre Fischschwänze und den unerreichbaren Marcomann.
Klingt kompliziert? Isses auch. Vielleicht ist de l’Horizons Text ein bisschen zu verkopft für das Theater. Aber es handelt sich um einen zwar nicht unanstrengenden, aber wunderbar versponnenen Lesestoff. Das Stück verhandelt die „Andersheit“, und de l’Horizon will das ausdrücklich nicht nur auf die Genderfrage bezogen wissen, sondern auf jegliche Abweichung von der Norm – auch, siehe oben, im Hinblick auf Klassenzugehörigkeit. Die zarten, weichen Raun repräsentieren die Minderheiten. Sie haben eine solche Sehnsucht in sich nach dem Normativen, doch der Weg dorthin ist rau – und führt, wie man schon bei Anderson lernt, nicht zum guten Ende.
Claudius Körber, Lucia Kotikova und Linus Schütz geben die Raun, „cute Nixen“, wie sie einmal von sich selbst sagen, aber man trifft sie nicht mit Fischschwanz an, sondern im vornehmen schwarzen Anzug zu weißen Shirts, als wären sie längst assimiliert. Das Subjekt der Begierde liegt in der Inszenierung von Alia Luque wie hingegossen auf der Bühne – eine perfekt gemeißelte Skulptur eines wunderschönen nackten Männerkörpers. Marmormarco lebt: Es handelt sich um den Schauspieler Jonathan Loosli, der nicht nur über einen perfekten Körper, sondern auch über eine charismatische, volltönende Stimme verfügt. Doch die darf er nie erheben: Er liegt da, ein weißer cis-Mann, hart wie Marmor und dem Schönheitsideal der Mehrheitsgesellschaft entsprechend – und hat keine Sprache. Jedenfalls keine, die das Flutschige, das Andersartige, das sich so gerne ihm und seiner Kultur annähern möchte, verstehen und benutzen kann. Andererseits – wir wissen es von Andersen – ist der Preis der Anpassung für die Raun, ihre eigene Stimme, ihre eigene Sprache zu verlieren. Die Hexe Ursu La Sorcière, bei de l’Horizon auch schon mal als Ursu La Saucière durchs Wasser gleitend und in Alia Luques Inszenierung eher eine marginale Figur, warnt zu Recht vor der bedingungslosen Anpassung…
Kim de l’Horizon jedenfalls hat Sprache – und was für eine! Witzige, phantasievolle Wortschöpfungen und Formulierungen von einzigartiger, weil nicht zu kopierender Originalität kennzeichnen seinen Text, wobei de l’Horizon es mit seiner Sprachverliebtheit manchmal derart übertreibt, dass das Lesen oder Zuhören zur brotlosen Anstrengung wird. Trotzdem: Immer wieder freut man sich an Ironie (die Nixen finden das Menschige a priori „erstmal delfinsexy blaugeil“), Humor oder auch - auf eine irgendwie verquer-moderne Art und Weise – Märchenhaftem und Poetischem. Viele Verhaltensweisen unserer Gesellschaft werden mit freundlichem Spott auf den Krampf genommen; spitzer und satirischer sind die Bemerkungen über die Zerstörung der Natur durch den Klimawandel, die de l’Horizon gegen Ende in den Text einbaut. Das gleichzeitig Ironische und Märchenhafte wird auch durch das Bühnenbild ausgedrückt: Vor einer wunderschönen gemalten Hügellandschaft, durchzogen von allerlei Gewässern, die für Meerjungwesen mangels Ausschwimm eher keine Heimat bieten würden, stehen ausgestopfte Hirsche und Rehe, ein paar Scharlachsichler und ein Raubtier; ein Affe hängt von einem Strauch. Das ist nicht das Biotop der Wassernixen, aber es ist ein Bild von kitschiger Harmonie. Wir sprachen schon davon: Mit de l’Horizons Stück sind alle Minderheiten gemeint. Am Ende seines Stückes beschwört de l’Horizon die Kraft der Solidarität und der Vergebung. Bedingungslose Solidarität zwischen Mehrheitsgesellschaft und allen Minderheiten – das ist eine Utopie, an die de l’Horizon offenbar auch selbst nicht recht glauben mag. Aber es wäre der Startpunkt für eine Welt, so harmonisch wie Christoph Rufers Bühnenprospekt.
Alia Luque hat de l’Horizons Text auf die drei sprechenden Schauspieler:innen verteilt, ohne dass irgendwelche Rollenzuordnungen deutlich werden. Von Ausnahmen abgesehen, entspricht das dem Leseerlebnis. Doch wirkt die Inszenierung bisweilen spröde und verkopft. Ob der Text überhaupt theaterkompatibel ist? Sicher ist er das: Wir haben schon die erstaunlichsten Sachtexte spannend inszeniert gesehen. Man darf neugierig auf weitere Versuche sein; dem Trio ACE ist eine diskutable, aber nicht herausragende Uraufführung gelungen.
Jonathan Loosli, der stumme nackte Marcomann, wird am Ende eingekleidet: Der Mustermenschige bekommt ein fischiges Schuppenkleid übergestreift und darf 30 Minuten lang durch die Mülheimer Innenstadt wandern. Nun wird er zum Andersartigen, zur Dragqueen-Minderheit. Im Foyer der Stadthalle können wir am Bildschirm verfolgen, was ihm auf seiner Wanderung durch die Welt der Mehrheitsmenschen widerfährt. Das ist ziemlich langweilig. Ab und zu wird Loosli angesprochen, freundlich und zugewandt. Wahrscheinlich hat er Theaterbesucher getroffen; man weiß es nicht so genau. Aber er berichtet später, die Menschen in Mülheim seien aufgeschlossen, nett und kommunikativ gewesen. Das sei nicht immer der Fall gewesen, dort wo er aufgetreten sei. So sind wir halt, wir Menschen im Rheinland und Ruhrgebiet. Jedenfalls bilden wir uns das ein. Die queere Community weiß allerdings auch anderes zu berichten.