Mit einem blauen Auge davongekommen
Eine dunkle Guckkastenbühne mit breiter Umrahmung, darin eine hölzerne Parkbank mit geschwungener Rückenlehne, auf der man gut hocken kann. Wie sie da steht, könnte sie letzte Zuflucht, vielleicht Nachtlager für Obdachlose, gesellschaftlich Ausgegrenzte werden. Rechts und links stehen je vier Kameras, die etwas schwer zu entziffernde Liveaufnahmen auf den Bühnenrahmen werfen. Kontrolle?
Dumpfe Schläge aus dem Off, das Licht eines Spots strahlt auf einen schönen, südländischen jungen Mann mit Namen Hassan, der zum Publikum gerichtet sinniert, dabei kreisen seine Gedanken um seinen Bruder, der beim Dealen erwischt wurde und in U-Haft sitzt. Sie sind Kinder einer Exiliranischen Familie, in Wien geboren und aufgewachsen. Was ist tatsächlich passiert? Die Frage nach der individuellen Schuld, nach einer möglichen Mitschuld, nach gesellschaftlichen Zuschreibungen und Projektionen quält ihn.
Der Autor Arad Dabiri schreibt ihm einen eindringlichen und zugleich poetischen Text, lässt ihn die Schuldfrage an den Anfang des Stücks stellen:
Wessen Schuld ist es?
SEINE!
Der er jahrelang
Sich diesen Weg ebnete
MEINE!
Der ich jahrelang
Auf Einsicht hoffte
EURE!
Die ihr jahrelang
Nur zugesehen habt
Die neue Welt:
Zwischen dem Bruder
Und uns
Nur die Gitterstäbe
Dann füllt sich die Parkbank. Drei junge Männer, Kumpel der Brüder, hocken sich auf die Banklehne, ihre Bilder erscheinen in schwarz-weiß etwas wirr auf dem Rahmen. Es sind Omar, ganz offensichtlich mit afrikanischen Wurzeln, Murat, familiär dem islamisch-arabischen Raum verbunden und Freddie, blond blauäugig mit der Hypothek eines Nazi-Großvaters belastet. Später kommt Hassan dazu, der sich mehr und mehr aus der Gruppe entfernt, um zu sich selbst zu finden.
Es wird viel und manchmal auch gescheit diskutiert, dabei geht es um Familie, Bluts-Erbe – oder, wie Omar es nennt, simple Stammbaumanalyse - es geht um Islamismus, Kolonialismus und natürlich die Nazis – damals und heute. Die hochgelobten kulturellen Heimatgefühle brauchen sich dabei nicht immer aus den eigenen Erfahrungen zu ergeben. Zwischendurch werden auch mal Witze erzählt, die jedoch an diesem Abend beim Publikum nicht recht ankommen, obwohl es immer wieder angesprochen wird und an ganz anderen Stellen herzhaft lacht.
Wichtig und beruhigend ist die Gegenfigur zu den jointrauchenden, sich selbst und die Welt bemitleidenden Jünglingen: die selbstbewusste und selbstbestimmte Schwester der exiliranischen Brüder, die akademische Einserkandidatin Shiri (höchst differenziert und zugleich kraftvoll gegeben von Shiri Ali). Unglücklicherweise verliebt sich diese toughe Frau ausgerechnet in den smarten Freddie, der als einziger aus dieser Clique bis jetzt weiter dealt und das den anderen verheimlicht, die schweren Herzens aufhörten, obwohl sie immer wieder in Versuchung gerieten.
Da staut sich einiges an: Privat belogen, als „Schwarzköpfe“ diskriminiert, unter dem Druck der erwarteten Urteilsverkündung sich der eigenen Mitschuld bewusst, dabei auch noch voll Wut auf mögliches Racial Profiling und gesellschaftliche Diskriminierung. Unter diesem angestauten Druck wächst das Bedürfnis nach einer befreienden politischen Aktion. Eine Demo wird am Tag des Urteilsspruchs durchgeführt.
Der Bühnenrahmen fällt, donnernde Töne füllen den Raum, die Fünf stehen am Bühnenrand, sprechen, brüllen, skandieren chorisch in Richtung Publikum: Der Druck entlädt sich in blinder Energie, schließlich in unkontrollierter Gewalt. Die Demo gerät außer Kontrolle. Was als Joint-Idee begann, radikalisiert sich, eskaliert zum Straßenkrieg. Hassan schlägt im Gewaltrausch einen Rechten fast tot. Das Opfer erholt sich, Hassans Strafe wird auf Bewährung ausgesetzt. „Die Jungs auf den letzten Metern also nochmal mit einem blauen Augen davongekommen.“
Dennoch bleibt für Hassan als Fazit, das er schon seinem Nachdenken vorausstellte:
In unserer Stadt
Wirst du etwas
Oder aber du fällst
Aus dem sechsten Stock
Wir erleben einhundert Minuten rasantes, gescheites Diskurstheater mit viel Ansprache des Publikums. Jeder kann sich gemeint fühlen. Es gibt einen sehr strengen und einen sehr milden Richterspruch. Nur die junge Frau nutzt ihre Chancen, die Männer kommen schlecht weg. Doch man begegnet ihnen verständnisvoll, es bleibt wie immer: die Hoffnung stirbt zuletzt. Es reizt, den klugen Bert Brecht zu zitieren: Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen/ den Vorhang zu und alle Fragen offen.