Von Burger King zum Bürgerkrieg
Auf die Frage, an welchen Ort in Düsseldorf wir mit unserem besten Freund oder unserer besten Freundin besonders häufig gehen, antwortet Doro: Ins Düsseldorfer Schauspielhaus. Wir bewegen uns halt alle in der gleichen Blase. Heute aber treffen Doro, Sandra, Sandra und ich uns mit Chris - und zwar im Burger King am Düsseldorfer Hauptbahnhof, dank des benachbarten UFA Palast Kinos ein noch einigermaßen safe place in einer prekären Gegend. Gleich um die Ecke wurde vor gut einem Jahr der Fahrgast eines Uber-Taxis erschossen, erzählt Chris. Chris ist unser Taxifahrer; er kommt aus Kopenhagen und ist Mitglied von fix + foxy, der renommiertesten freien Theatergruppe Dänemarks, die zum dritten Mal eines ihrer immersiven Theaterprojekte beim Asphalt Festival zeigt. Chris spendiert eine Tüte Pommes - als Los-Box: Wer die längste Kartoffel zieht, bekommt den bequemsten Sitz neben dem Fahrer. Also ich.
Kurzerhand bekomme ich den Mittelplatz auf der Rückbank angewiesen: „Change of the Rules“, sagt Chris achselzuckend. Und fragt: „How do you feel when rules are changed without any reason?“ - Das Spiel wird sich noch ein paarmal wiederholen in den zwei Stunden unserer gemeinsamen Fahrt durch Düsseldorf: ein willkürlicher Bruch getroffener Vereinbarungen. Sagen wir besser: erlassener Regeln, denn von Vereinbarungen kann keine Rede sein. Natürlich will Chris wissen: Wie reagieren wir auf Ungerechtigkeiten, die uns widerfahren, auf Willkür?
Chris fährt mit uns zum Landtag. Was wir von unseren Politikern halten, will er wissen. Doro, Sandra, Sandra und ich - die drei Frauen sind Freundinnen, ich bin solo angereist - sind keine Wutbürger. Mit der Zusammenarbeit in der nordrhein-westfälischen Landesregierung sind wir einigermaßen zufrieden, mit der Bundespolitik weniger. Chris wird deutlicher: Was halten wir von Politikern, die uns das Blaue vom Himmel versprechen und nach der Wahl kein einziges ihrer Wahlversprechen einlösen? Hat auch das mit Willkür zu tun, mit Ungerechtigkeit? Mit Betrug gar? Oder gehört es zum Beiwerk der Demokratie, dass Kompromisse geschlossen werden müssen und kaum ein Wahlversprechen vollständig umgesetzt werden kann?
Vermutlich wünscht sich Chris seine vier Fahrgäste gerne etwas kämpferischer als uns. Immerhin steigt eine von uns aus und schreit einen Satz des Frusts in den Wind, einen Wunsch an die Politiker, dem Volk besser zuzuhören. Auch Chris ist ein supernetter, empathischer Typ. Er verwickelt uns in harmlose Gespräche - how was your day, wer ist dein bester Freund, wer sind die wichtigsten Personen in deinem Leben? Ein wenig werden die Neidreflexe angetriggert, als wir den Rhein überqueren und in den Nobel-Vorort Oberkassel fahren: Wir unterhalten uns über soziale Ungleichheit und zu ergreifende Gegenmaßnahmen. Chris erwähnt die Orte, die wir passiert haben und an denen sich in der jüngeren Düsseldorfer Geschichte ungute Dinge abgespielt haben: der Mord an einem Obdachlosen, die erwähnte Hinrichtung eines Fahrgasts. Und dann braust unser Taxi (das eigentlich ein Mietwagen ist) auf einen krass heruntergekommenen Hinterhof. „Wusstet ihr, dass hier vor einigen Jahren ein junger Mann von drei aus einem Fahrzeug springenden Tätern überfallen und vergewaltigt wurde?“ - Plötzlich springt auch Chris aus dem Auto, knallt die Tür zu, schlägt ein paarmal heftig aufs Autodach, öffnet lärmend den Kofferraum. Theaterblut und -exkremente spritzen auf die Windschutzscheibe und bedecken die Karosserie. Ein zur Bedrohung gewordener, wütender Chris klettert wieder hinter das Lenkrad - und sagt ernst: „You all don’t know me, but still you got into my car…“
Wir wissen: Das war nur eine Theatersituation. Längst haben wir begriffen, dass wir mitspielen in diesem Stück, dass wir sogar seinen Fortgang beeinflussen. Und doch ist uns allen mulmig geworden, einen Moment lang herrschen Totenstille und Nachdenklichkeit in unserem Auto. Was würden wir tun, wenn wir selbst einem solchen Verbrechen zum Opfer fielen, fragt Chris? Und was, wenn wir ein solches Verbrechen beobachten würden? Es ist die Frage nach der Übernahme von Verantwortung, nach Zivilcourage, aber auch nach dem notwenigen Selbstschutz. Jeder wird für die Frage nach der Art des Eingreifens (oder Wegsehens) anders beantworten, aber wenn man erst einmal selbst einer solchen Situation ausgesetzt ist, dürften alle theoretischen Überlegungen zur Makulatur geworden sein. Niemand weiß sicher, wie er oder sie dann reagieren wird.
Wir feiern. Wir setzen verspiegelte Sonnenbrillen und Base-Caps auf, Chris dreht die Mucke bis zum Anschlag auf und lässt die Seitenfenster herunter, Doro öffnet eine heftig geschüttelte Flasche Sekt und lässt die Fontäne im Vorbeifahren auf die Bürgersteige spritzen. Das ist Party am Rande des Hooliganismus. Uns vier Kulturbürgern im Auto ist das Spiel peinlich. Illegal ist es nicht. Noch nicht…
Unter einer Brücke erhalten wir erste Lektionen zur Selbstverteidigung - oder zum Hooliganismus? Jeder sucht sich einen Hammer, einen Schraubenzieher oder sonstige Mehrzweckwaffen aus dem Werkzeugkasten im Kofferraum aus. Wie würden wir die Instrumente einsetzen? Als Drohgebärde, als Abwehrinstrument unter Hinzufügung von Verletzungen? Als Mordinstrument gar? Chris gibt Tipps. Und fragt mich, wo ich ihn mit meinem Hammer treffen wollte: „Auf die Brust“, sage ich. Die Beine zu treffen, hätte ich keine Kraft, den Kopf anzugreifen, hätte ich keinen Mut - bleibt also die Brust. Die Antwort scheint zu gefallen.
In einem abgewrackten alten Wohnwagen wird der Lehrgang fortgesetzt. Es gibt Snacks und was zu trinken, und Chris erläutert, wie man einen Angreifer nur mit geschicktem Einsatz des Körpers unschädlich macht: mit den Fingern in die Augen stechen, mit der Handkante gegen die Nase schlagen - oder gar gegen den Kehlkopf. Letzteres kann tödlich ein, lesen wir zu Hause nach. Plötzlich halten wir schwere Handfeuerwaffen in der Hand. Richte die Waffe auf mich, fordert Chris mich auf. Und verrät mir später ganz ruhig, welchen fatalen Fehler ich gemacht habe: Ich hatte den Finger am Abzug. Das ist nur im Augenblick höchster Lebensgefahr zulässig, wenn man die Tötung des Gegners billigend in Kauf nimmt. - Molotow-Cocktails übrigens sind ganz einfach in der Herstellung. Chris demonstriert’s - zumindest ansatzweise. Und spätestens jetzt glaubt man, dass die Anleitung zur Selbstverteidigung längst in eine Anleitung zum Terrorismus gekippt ist. Oder etwa nicht? Können Molotow-Cocktails zur Selbstverteidigung dienen? - Warten wir’s ab.
Wir düsen weiter. Das Ambiente unserer Reise würde längst jedem „Tatort“ zur Ehre gereichen. Mit hoher Geschwindigkeit fahren wir durch ein mit einer kaputten Plastikplane verhängtes Tor in eine weitere Fabrikhalle, drehen ein paar Runden und steigen aus. Ich bekomme erstmals im Leben eine schwere Waffe in die Hand gedrückt. Traue ich mich, auf einen Menschen zu schießen? Auf das Abbild eines Menschen zumindest? - Ich bezwinge meine Skrupel. Das hier ist ein Theater-Event, sage ich mir, es ist auch ein Test der eigenen Resilienz, der eigenen Widerstandskraft, des eigenen Aggressionspotentials. Ich treffe den Menschen auf dem Foto in die Brust. Ich erschrecke mich selbst. Und erlebe, wie der zweite und der dritte Schuss viel leichter von der Hand geht, wie die inneren Widerstände schwinden. Was für eine furchtbare Selbsterfahrung!
Unsere erste Station war der Landtag gewesen. Immer wieder stellt Chris uns Fragen zur Politik und zu den Gefahren, denen unsere Gesellschaft ausgesetzt ist. Doro, Sandra, Sandra und ich kommen alle aus der gleichen Blase: der kulturbegeisterten, demokratische Werte verkörpernden Bildungsbürger-Schicht. Was ist, wenn diese Demokratie in Frage gestellt wird? Wenn neue Machthaber sie abschaffen wollen? Wenn es keine Meinungs- und Pressefreiheit mehr gibt, wenn Wahlen abgeschafft werden, wenn Regimegegner verhaftet und vielleicht gar getötet werden? Werden wir uns auflehnen? Werden wir in den Widerstand gehen? Wie wird dieser Widerstand aussehen? Würden wir zur Waffe greifen, um unsere Demokratie zu verteidigen?
Was als harmlose Kaffeefahrt begann, ist zur hochbrisanten Selbstbefragung geworden. Die schweren Waffen und die Molotow-Cocktails machen plötzlich wieder Sinn. Es geht nicht um Terrorismus, es geht um Bürgerkrieg zur Verteidigung der Demokratie. Zu Hause erreichte mich eine SMS von Chris: „Hi Dietmar, … Your anger towards fascist politicians is okay … it’s up to you what the rest of your life will look like. You can return to business as usual. Or you can make a difference.“
P.S.: Zwei Tage später erfahre ich von einer Theaterfreundin, dass ihre Gruppe während einer anderen Fahrt mit Chris den Klimawandel als wichtigste Bedrohung angesprochen hat. Der Inhalt von Chris‘ Fragen, der „Monolog“, den er auf der Rückfahrt zum Burger King hielt, während seine Gäste die Augen schließen sollten, war entsprechend ein ganz anderer. Bis zum Schluss - und mutmaßlich bis zum Text von Chris‘ individueller SMS - passt fix + foxy die Performance auf die Teilnehmerinnen und Teilnehmer an. Grandios!