Übrigens …

Tanzende Idioten im asphalt-Festival

Unterwegs, einen tanzenden Stern zu gebären

Die Bühne: ein schwarzes Nichts. Dann Licht und ein markerschütternder Knall. Ein Haufen Bretter stürzt aus dem Bühnenhimmel auf die leere Bühne: Sägeraues Kiefernholz. Dann noch ein kleines Päckchen vorne am Bühnenrand. Stille.

Aus dem Back taucht auf allen Vieren ein männliches Wesen auf: nackter Oberkörper, grauglitzernde Hose, bis auf Socken über Händen und Füßen keine Maske. Ganz langsam klettert es über den Holzhaufen zu dem Päckchen, entnimmt ihm einen Fisch, den es mit tierischen Kaugebärden genüsslich verzehrt. Dann schaut es sich um. Wartet. Es ist Apollo, der Kater, der mit berührender Mimik und Gestik - ausgenommen die letzte Szene - eine hoch sensible, stumme Hauptrolle spielt (grotesk, hinreißend: Sebastian Blomberg).

Seine Herrin Goldie (herzzerreißend: Ursina Lardi) wird in blauer Plastikfolie von zwei Bauarbeitern (beide allzeit einsatzbereit, der Schauspieler Benjamin Eggers- Domsky und der Musiker Willi Kellers) hereingetragen, kriecht auf Apollo zu, sie kuscheln. Ihre Beine tragen sie nicht mehr. Wie einem verständnisvollen Partner schildert sie Apollo ihre Situation „Ich bin sehr, sehr krank. Aber das gebe ich nicht gerne zu, “, gesteht sie. Aber sie gibt nicht auf. Im Jahr der ersten Mondlandung geboren, ist sie viel zu jung zum Sterben „Anerkennung, Geld, Erfolg, sogar Liebe sind nichts als Schwindel, verglichen mit meinem Wunsch, einfach nicht zu sterben“, klagt sie. „Dabei duzt der Tod“ sie schon. Sie weiß es.

Da sie allein nicht mehr raus in die Natur kann, holt sie sich einen Teil davon ins Haus. Lässt eine Kiefernwand „auf die ganze Breite“ durchs Zimmer ziehen, holt sich mit den Brettern als „kubistischen Bäumen“ den Wald mit all der darin steckenden Zeit - dem vielfachen Frühling, Sommer, Herbst und Winter - ins Haus.

Dann soll die Decke durch eine Glasdecke ersetzt werden, damit sie sich dem Himmel mit Sonne, Mond und Sternen näher fühlt. Schon jetzt lässt sie sich mit einem Gabelstapler ein Stück in die Höhe fahren. Bei den Versuchen des Katers, ihr zu folgen, gibt es urkomische Szenen, die vom Publikum mit Lachern und Szenenapplaus belohnt werden. Nicht zuletzt ein Zeichen für die Leichtigkeit, mit der dieses so tiefernste Thema von dem grandiosen Ensemble auf die Bühne gebracht wird.

Goldie fühlt sich allein. Apollo versteht sie dann doch nicht. Sie weckt seine tierischen Instinkte, indem sie mit der Taschenlampe einen Lichtfleck auf den Boden wirft, dem er instinktiv nachjagt. Die Wand steht. Durch einen Spalt zwängen sich Goldies Vater Tony (André Jung) und seine neue Liebe Vivian (Karin Neuhäuser) herein: Richtig alt und doch jung verliebt, weit weg vom Gedanken ans Sterben. Sie machen nur einen kurzen Stopp, um die Batterie des Fahrzeugs aufzuladen.

Es ist kein Krankenbesuch, im Gegenteil: an seine Vaterrolle erinnert, von Goldie nach ihrem eigenen Anfang befragt, der für sie selbst im Dunklen liegt, wie die ersten 80 Seiten eines Buches, schreckt er zurück. Sie möchte erfahren, was sie „gedacht, gefühlt, gewusst“ hat. Doch Tony reagiert mit einem grellen Schrei, fasst seine Erinnerung zusammen mit der Beschuldigung: „Von Anfang an hast du Gewalt ausgeübt“. Es ist die krass-temperamentvolle Vivian, übersetzt, die Lebendige, mit Geburtsnamen Rosa Olivia, die mit ihrer bizarren Autobiographie die Schrecken und Chancen eines Lebens präsentiert: zwei überlebte Mordversuche, deren Narben erkennbar sind, ein Suizidversuch und doch immer weder Neuanfänge. Auch jetzt soll es ein Neubeginn in Verständnis füreinander und illusionsloser Zärtlichkeit werden - nach nur sieben Tagen Gemeinsamkeit. Goldie schmeißt sie raus.

Jetzt geht mein Sterben los“, erklärt Goldie nach der Pause, schlüpft in einen metallisch-silbrigen Astronautenanzug und findet sich umgehend mit Kater Apollo - jetzt auf zwei Beinen und sprachtüchtig als Neil Armstrong - auf dem Mond wieder. Thorsten Lensing macht es genau, lässt Originaltexte der NASA-Apollo-Missionen zitieren und so deklamiert der Astronaut nach einem vertrackten Kampf mit der Technik den berühmten Satz: „Mein Auge ist das Auge der Menschheit. Ich bestimme, was die Welt sieht“.

Sie sind in der Wirklichkeit zurück. Willi Kellers spielt auf, alle tanzen dazu: Tanzende Idioten. Vielleicht auch ein tanzender Stern? Eine eindrucksvolle, titelgebende Szene.

Alle gehen, als Letzte verabschiedet sich Vivian mit: Aufbruch der Giganten. Mag sein, ein Hinweis auf Ken Folletts Jahrhundert-Saga um die Jahre 1939-1940.

Goldie ist gestorben, der stumme Kater entschlüpft der Pantomime, ruft nach ihr, wütend, beleidigt, enttäuscht verlässt er mit seinem ersten und einzigen MIAU die Bühne.

Wer nun sind diese intelligenten Idioten? Sind es alle einfachen Bürger, wie es im Altgriechischen ursprünglich gemeint war? Oder ist es der Sonderling, wie man ihn in Dostojewskis Roman Der Idiot findet? Zweifellos hat Thorsten Lensing, Autor und Regisseur des Stücks, nicht nur Motive, sondern auch den Titel vomamerikanischen Schriftsteller Denis Johnson übernommen, aus dessen Werken im Stück verschiedene Text-Fragmente zitiert werden. Auf die Frage nach seinen Figuren, soll Johnson geantwortet haben: „Ich würde sie so beschreiben, wie mich selbst: Wir sind tanzende Idioten.“ Mag sein, dass er dabei Nietzsches Bild aus Der Wanderer und sein Schatten im Sinn hatte, dass „Frei ist, wer in Ketten tanzen kann“, wie Ursina Lardi im Interview mit der RP vermutet. Ebenso kommt einem ein anderes Tanz-Bild Nietzsches in den Sinn: der aus dem Chaos geborene Tanzenden Stern, nach dem der letzte Mensch in Also sprach Zarathustra fragt.

Nach drei Stunden existenzieller Fragen um Krankheit, Demütigungen, Trennungen und Gewalt, siegt in dieser poetisch-schwerelosen Inszenierung der kreative, lebensbejahende Mensch, der nicht aufgibt, und entlässt uns getröstet als Tanzende Idioten, vielleicht auch im Glauben an den Tanzenden Stern. Jubel und Begeisterung mit Standing Ovation.