Welt ohne Netz
Zwei Clicks – und zack: ist das Internet kaputt. Ein Geräusch fast wie bei einem Flugzeugabsturz durchweht die Werkshalle des Kölner Theaters Der Keller. Weltweit herrscht digitale Dunkelflaute – world-wide weg. Vielleicht hat Oma aber auch nicht nur falsch geclickt, sondern einfach durch Null geteilt. Man kann alles im Leben teilen, aber nicht durch Null. Das widerspricht so sehr jeder Logik, dass sogar das Internet zusammenbricht.
Oma nimmt das einigermaßen gelassen, besteht nur darauf, dass alles aus Versehen geschah. Aber die Auswirkungen sind fatal. Opa kann in der Mediathek keine Tierfilme mehr streamen, Luisa keine Musik mehr hören, Max nicht mehr auf dem Handy daddeln, Mama und Papa kommen frühzeitig nach Hause, weil auf der Arbeit nichts mehr geht. Und das alles, weil die fünfjährige Tiffany nicht richtig auf die Oma aufgepasst hat. (Oder umgekehrt? Die Lage ist ungeklärt, aber wer einander liebt, passt gegenseitig aufeinander auf.) Luisa, 14, seit der Trennung von ihrem ersten Freund grünhaarig, krakeelt ein bisschen rum und behauptet naseweis, man könne das Internet gar nicht kaputt machen, aber da kommt der einsilbige, lakonische, aber gutmütige Opa um die Ecke und brummt: „Deine Oma schon.“ Sein Versuch, das Internet aufzuschrauben, ist vergeblich, aber er zaubert „ein Relikt aus den ersten Tagen der Menschheit, von den Anfängen der Zivilisation“ hervor: ein uraltes analoges Kofferradio. Mag sein, dass das nicht die Musik spielt, die die pubertierende Luisa hört, aber die Familie kann wunderbar dazu tanzen.
Volker Hein hat Marc-Uwe Klings Erzählung Der Tag, an dem die Oma das Internet kaputt gemacht hat, für das Theater Der Keller entzückend dramatisiert und auf die Bühne gebracht. Das Internet ist stumm, und gibt Raum für ganz altmodische Beschäftigungen: Oma liest (und zwar Die Känguru-Chroniken, Klings erfolgreiche Kurzgeschichten-Sammlung), Pizza-Peter lässt die Pizza-Bestellung im Haus, da er angesichts des Navi-Ausfalls ohnehin nicht mehr weiß, wohin er sie liefern soll, und die Kinder spielen den Gesang der Blauwale (Max gibt ein Korallenriff), so dass Opa Ersatz für seine Gelbschwanzflossenflunder-Filme hat. Es entwickelt sich ein wunderschöner, gemütlicher und erlebnisreicher Familientag. Als Maximilian Sassinek vom Internet-Reparatur-Service dann tatsächlich mit ein bisschen Schrauben und Klopfen an Omas Laptop das weltweite Netz wiederhergestellt hat und das Leben in seinen langweiligen Trott zurückfällt, fragt Tiffany, ob Oma nicht erneut mit ein paar Clicks Technik gegen Magie eintauschen kann. So nämlich erklärt Mama die Geschehnisse: Oma sei eine Hexe, und sie habe das Internet kaputt gehext, weil alle Gedanken nur noch um Technik statt Magie kreisten.
Die Botschaft ist einfach, wichtig und für Jung und Alt leicht verständlich: Legt einfach mal das Handy zur Seite, genießt das Zusammensein in der Familie und entwickelt eigene Phantasie bei der Freizeitgestaltung. Gleichzeitig führt Regisseur Hein den jungen Zuschauerinnen und Zuschauern (die Aufführung ist für Menschen ab acht Jahren empfohlen, dürfte aber auch schon bei jüngeren Kindern ab Schuleintritt funktionieren) spielerisch sämtliche Tricks, Kniffe und zeitgeistigen Usancen des Erwachsenen-Theaters vor: das Verlassen der Bühnen-Identität und Durchbrechen der Vierten Wand, schnelle Rollenwechsel on stage durch einfachen Wechsel eines Accessoires, Transgender-Besetzungen, (Bettina Muckenhaupt ist eine Bilderbuch-Großmutter und mutiert durch einfaches Aufsetzen einer Kopfbedeckung zu einem knurrigen, aber gutmütigen Opa; Malte Halling gibt den zehnjährigen Max und die genderfluid anmutende Mutter). Die Erwachsenen werden schmunzeln beim zartem, zurückhaltenden Musikeinsatz: Nach dem von den Kindern analog generierten Blauwal-Gesang erklingt aus Opas altem Dampfradio der Beatles-Song von „Octopus’s Garden“, und nur wenige instrumentale Takte von Whitney Houstons „I will always love you“ genügen, um mit liebevoller Poesie anzudeuten, dass da gerade ein zarter Liebes-Funke zwischen Luisa und dem Pizza-Boten Peter entzündet wird. Peter sorgt übrigens dafür, dass Emelie Pütz in Sekundenbruchteilen von der bezaubernden fünfjährigen Tiffany zur sympathisch-krawalligen vierzehnjährigen Luisa mutiert, denn in einem seiner Pizzakartons versteckt sich Luisas grüne Perücke…
Nach 50 Minuten ist alles vorüber. Das Netz funktioniert wieder; der Pizzabote muss sich beeilen, denn inzwischen sind 100 neue Bestellungen auf seinem Handy eingegangen; Max hält stolz die Sicherheitsweste des Internet-Reparateurs in Händen, und Luisa schreibt dem Pizzaboten noch schnell ihre Telefonnummer auf den Karton. Einen Schluss mit Aplomb findet Klings Geschichte nicht, aber schön war’s doch. Stellt Euch einmal vor, die Oma hätte das Internet tatsächlich nachhaltig zerstört: Dann könntet Ihr diese Zeilen bei theater:pur nicht lesen und anschließend nicht ganz analog ins Theater gehen. Ihr hättet was verpasst…