Der Fluch des Wachstums
Wenn wir über Schuld reden, sprechen wir von Verantwortung oder gar Verbrechen an uns Individuen oder der Gesellschaft. Was ist aber mit der Schuld, die die Menschheit auf sich geladen hat, um zu gedeihen und sich zu entwickeln, all den Verbrechen, die wir unserem Planeten im Namen des Wachstums angetan haben? Kann heute überhaupt noch irgendjemand belangt werden, liegt der Anfang dieser fortlaufenden Misere doch bereits viele Generationen zurück, oder trifft die heutige Generation ausschließlich der Fluch ihrer exponentiellen Folgen?
AIschylos’ Orestie erzählt eigentlich von einem anderen Fluch; durch einen Frevel, den König Tantalos an den Göttern beging, brachte dieser den sogenannten Tantalidenfluch über seine Familie, der jede Generation zum Verwandtenmord und zu Rache zwingt und somit einen nie endenden, blutigen Kreislauf bildet. So opfert Kriegsfürst Agamemnon Generationen später seine Tochter Iphigenie für günstige Fahrtwinde, um später durch die Rache seiner Frau Klytaimnestra zu sterben, die wiederum den Tod durch ihren Sohn Orest findet. Erst die Götter sind es, die durch die Einführung einer vermeintlich funktionalen Rechtsprechung den Kreislauf der Rache und den Fluch brechen können. Auch Dramatiker Thomas Köck verdammt in seiner Neufassung des Werks, Circus Oresteia, die Figuren mit einem generationellen Fluch. Dieser trifft allerdings nicht nur die Atreiden, sondern gleich die ganze Menschheit, denn auch diese hat sich eines schweren Vergehens schuldig gemacht: der Ausbeutung der Erde. Nicht im Krieg, sondern auf Handelsreisen, begehrt Iphigenie gegen die Methoden ihres Vaters Agamemnon auf. Um ihn von weiteren Umweltverbrechen wie Fracking abzuhalten, ist es ausgerechnet dieser Protest, der ihr den Tod bringt. Klytaimnestras Rache besiegelt allerdings auch in Thomas Köcks Fassung ihr eigenes Schicksal. Nachdem sie ihren Gatten tötet und somit zur Matriarchin wird, schlägt sie keinen neuen Weg ein, im Gegenteil, auch sie schürft weiter in den Minen und will Energie und Macht maximieren. Während der Fluch nicht nur die Familie, sondern den gesamten Planeten hinrafft, entscheiden sich Orest und seine Schwester Elektra diesmal gemeinschaftlich, das Regime zu beenden und ihre Mutter gewaltsam zu stürzen. Schmerzlich müssen sie sodann feststellen, dass die Notwendigkeit für Rohstoffe, Ressourcen, seltene Erden und Energie noch immer besteht und auch durch den Umsturz der langanhaltende Schaden nicht bereinigt und vor allem noch immerDer Fluch des Wachstums ungesühnt bleibt. Im Gerichtsprozess am Ende klagen deshalb auch nicht die Erinnyen als Rachegöttinnen, sondern die Erde selbst.
Das Theater an der Ruhr bringt Thomas Köcks Neufassung des antiken Werks erstmals als Open-Air-Inszenierung auf die Bühne. Regisseur Philipp Preuss setzt die Figuren dafür in ein karges, fast schon apokalyptisch anmutendes Feld. Die triste Erde von Sara Aubrechts Bühne wirkt samt hinten anschließender Tribüne als starker Kontrast zum sommerlich florierenden Mülheimer Raffelbergpark, der die Bühne umschließt. Als schwarz-weißer, zynischer Harlekin führt Bernhard Glose immer wieder als Narrator durch den Abend und muss gelegentlich nur Lea Reihl als Iphigenie weichen, die als düsterer Todesengel zwischen konsternierter Hoffnungslosigkeit und zornig-inbrünstiger Klage wandelt. Dagmar Geppert betont die gesellschaftliche und wirtschaftliche Festgefahrenheit ihrer Klytaimnestra mit einer ebenso starren und dogmatistischen Spielart. Hingegen färbt Fabio Menéndez seinen Agamemnon mit arroganter Ignoranz und Überheblichkeit und unterstreicht somit deutlich die Selbstgefälligkeit und das mangelnde Schuldbewusstsein seiner Figur. Elektra, gespielt von Marie Schulte-Werning, scheint sich hingegen jeder Schuld bewusst zu sein, da sie es ist, die energisch den Tod der Mutter fordert und sich sogar aktiv daran beteiligt, da sie nicht länger “stumm” sein und “daneben stehen” will. Feinfühlig entwickelt sie sich von “Seit wann löscht Mord irgendeinen Brand?” zu “Lass uns Mord durch Mord ersetzen!” und wird selbst zur vermessenen Vollstreckerin. Besondere Tiefe verleiht auch Joshua Zilinske seinem Orest, der seinen Anfangsmonolog mit aufgesetzter Kokettiertheit spielt und damit subversiv dessen Affektiertheit moniert, um anschließend mit glaubwürdiger Zerrissenheit seine Haltung und blutigen Taten zu konkretisieren. Dabei wirkt es, als wären er und seine Schwester Elektra gezwungen, den Weg der Gewalt zu gehen, da sich auf dem sterbenden Planeten kein anderer Weg offenbart. Und doch müssen sie letztlich der mangelnden Veränderung unterliegen und sich der Anklage der Erde zum Schluss stellen.
Philipp Preuss gelingt es Thomas Köcks modernen Text mit diversen stilvollen Mitteln in eine teils düstere, teils humorvolle Bildsprache zu übersetzen. Die meisten Figuren stellen zunächst auch Teile des Chors dar, bevor sie sich aus ihren schwarzen Kutten schälen und ihre eigentliche Rolle freigeben - ein wunderbarer Kontrast zwischen Gesellschaft und Individuum. Die Ausbeutung des Planeten und die damit verbundenen Gefahren schwingen permanent durch subtile Mittel mit; so zieht Bernard Gloses Harlekin zu Beginn der Inszenierung eine Spur aus Spiritus oder einem ähnlichen Brennstoff in den Zuschauerraum, genehmigt sich einen Schluck und zündet sodann eine Zigarette an, die er mit dem Chor teilt. Zerstört von all der Ausbeutung kann die Erde bald nur noch in Strahlenanzügen betreten werden. Auch Blumen lassen sich nicht mehr pflanzen, weshalb Elektra am Grab ihres Vaters als Grabesspende Bengalos entzündet und diese in den Boden rammt, was die apokalyptische Szenerie noch zusätzlich auflädt. Besonders eindrücklich sind auch die Todesszenen, in denen die Figuren nicht mit Blut, sondern mit Öl überströmt werden. Das Blut der Erde wird somit auch explizit dem Blut der Menschen gleichgesetzt.
Mit bedeutungsstark aufgeladenen und stringent gestalteten Bildern überzeugt das vielschichtige Ensemble am Theater an der Ruhr sowohl künstlerisch, als auch inhaltlich. Trotz der modernen Sprache Thomas Köcks voller Anglizismen und umgangssprachlicher Floskeln sowie der beinahe ausufernden Anklage der Erde am Ende, in der quasi wortwörtlich Stock und Stein, Wind, Dürre, das Magnetfeld, Methanblasen und schließlich unzählige aussterbende Spezies zu Wort kommen, verliert die Inszenierung zu keinem Zeitpunkt an Tiefe. Ebenso fängt Preuss die diversen moralischen Reflexionen voller übertriebenem Pathos zwischen den handlungsrelevanten Szenen gekonnt ein und verwebt sie geschickt mit der Erzählung. Die Inszenierung balanciert hervorragend ihre starke Haltung mit einer prägnanten ästhetischen Bildsprache, die nicht nur unaufdringlich unterhält, sondern durch viele kluge Mittel auch intellektuell fordert.