Big Six
Lounge Musik. Vermutlich befinden wir uns in der großzügigen Bar eines eleganten Hotels in den Weiten Afrikas. Die drei Schauspielerinnen, gekleidet in langen Roben oder Kostümen in den Farben der afrikanischen Wildnis, nippen an ihren Whiskey-Gläsern. Matthias Herrmann spielt Klavier, die drei singen Nancy Sinatras (oder Chers) Tophit: „Bang bang, I shot you down, bang bang, you hit the ground…“ - Man denkt an die letzte Afrika-Reise und möchte sich gern dazustellen, um anzustoßen mit den drei Figuren auf der Bühne. Doch da: „Ein Schuss zerreißt die morgendliche Stille.“ Ein Prachtschuss. Abgegeben aus Hunter Whites geiler Doppelbüchse. Einer Flinte wie sie einst Ernest Hemingway benutzte.
Zwei Monate nach der Premiere an den Bühnen Bern gastiert Roger Vontobels grandiose Dramatisierung von Gaea Schoeters‘ Roman Trophäe bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen. Hunter White, der Mann mit der Flinte, ist Investment Banker und Großwildjäger. Hemingway besaß nicht nur das gleiche Gewehr, er scheint auch in anderer Hinsicht Whites Vorbild zu sein: als Inbegriff des Machos, als - heute längst nicht mehr lebbares - testosterongesteuertes Männlichkeitsideal. Wie so viele literarische Hemingway-Gestalten reizt auch White die Gefahr. Sein langjähriger Jagdleiter und Begleiter Herbert van Heeren, der inzwischen zu einem Freund geworden ist, ist ein gleichermaßen skrupelloser Macho, der noch das Gedankengut aus früher kolonialer Zeit pflegt. Gespielt werden die beiden - ebenso wie alle anderen Figuren, die in der herausragenden Aufführung der Bühnen Bern auftauchen, von drei Frauen. Das halte die Figuren auf Distanz, glauben einige Rezensenten. Doch man vergisst die genderverkehrte Besetzung sofort. Das Spiel der Damen ist ein Spiel der Herrenmenschen. Es zieht von der ersten Minute an in den Bann.
Hunter hat für viel Geld eine besondere Jagdlizenz erworben. Er will ein Spitzmaulnashorn schießen, eine unter Artenschutz stehende, vom Aussterben bedrohte Tierart. Damit will er seine Trophäensammlung der „Big Five“ komplettieren: Elefant, Nashorn, Kaffernbüffel, Löwe und Leopard. Nur das Nashorn fehlt ihm noch. Wir erfahren: Der letzte Jäger, der eine solche Lizenz erhalten hat, bekam mehrere Morddrohungen. Doch schon läuft eines dieser Tiere Hunter vor die Flinte - und wird, bevor er schießen kann, von Wilderern erlegt. Hunter gerät in Lebensgefahr.
Ist das Hunters Niederlage? Van Heeren präsentiert eine ungeheuerliche, aber offenbar keineswegs einzigartige Idee: „Schon mal was von den Big Six gehört?“ Er bietet seinem Geschäftspartner einen Menschen als Jagdwild an: einen „Buschmann“, einen Indigenen, „dessen Eleganz der einer Antilope gleicht.“ Hunter, zunächst skrupulös, hat längst selbst entsprechende Phantasien entwickelt. Die Parallelen zwischen Nashörnern und der indigenen Bevölkerung sind schnell hergestellt, gehören doch beide zu den bedrohten Arten. Die Lizenz, einen Menschen zu töten, ist um ein Vielfaches teurer als bei Tieren, aber auch sie kann man kaufen. Denn es gilt: Nashörner wie Buschmänner müssen Geld einbringen. „Was wertlos ist, wird nicht geschützt.“
Darwinismus in Reinkultur ist die Philosophie, die diesem Denken zugrunde liegt. White Suprematism gehört eh zum Selbstverständnis Hunters und van Heerens. „Die westliche Moral ist ein Luxus, den man sich leisten können muss“, lautet einer der provozierenden Kernsätze von Gaea Schoeters‘ Roman. Hunter geht also auf die Jagd auf den Indigenen !Nquate, ein weiterer Indigener wird ihn begleiten. Ein Mann aus !Nquates Volk - somit begleiten Hunter auch Angst und Verunsicherung. Wem gegenüber wird Dawid loyal sein?
Wir wollen das Ende der Geschichte nicht spoilern. Das Nashorn sei „der vergessene Prototyp einer nicht weiterentwickelten Art“, sagt van Heeren. Dem Anfang der Evolution so nahe zu sein, weckt Ehrfurcht in dem nicht vollständig gewissenlosen Großwildjäger. Doch könnte man auch Machos der Hemingway’schen Art wie Hunter White und Herbert van Heeren als Prototypen einer seit der Hochzeit des Kolonialismus nicht weiterentwickelten Art bezeichnen. Aber was ist eigentlich mit uns, den Zuschauerinnen und Zuschauern im Publikum? Mit uns, die wir vor einer Stunde das Theater betraten in der Gewissheit, der Großwildjagd und der Jagd auf bedrohte Tierarten ebenso wie postkolonialem Gedankengut radikal ablehnend gegenüberzustehen? Im Einklang mit der Romanvorlage erzählt das Team der Bühnen Bern die Geschichte aus der Perspektive des Jägers - und prompt fiebern wir mit atemloser Spannung mit ihm und seinem skrupellosen Verführer mit. Wir verabscheuen, was sie tun - und gehen doch der unerbittlichen, unangenehmen Logik auf den Leim, die van Heeren seinem Klienten präsentiert: „Trophäenjagd ist die einzige Überlebenschance der Spezies.“ Mit dem Verkauf weniger, aber sündhaft teurer Jagdlizenzen nehmen die Nationalparkbehörden mehr Geld ein als mit den Bestechungsgeldern der korrupten Wilderer. Ein Teil des Geldes fließt zurück in Schutzgebiete und die Bekämpfung der Wilderei. Die Argumentation ist so empörend wie bezwingend: Die Jagd dient quasi dem Tierschutz.
Diese Logik wird auf die Spitze getrieben. Denn auch der Tod eines Menschen dient im Falle des geopferten Buschmanns dem Überlebenskampf eines Volkes. Das eingenommene Geld ermöglicht ihnen das Fortleben in ihrem natürlichen Habitat. Ohne dass es konkret ausgesprochen wird, entsteht in Roger Vontobels Inszenierung der Eindruck, dass !Nquate, der zwar Haken schlägt und Hunter immer weiter in das Herz der Finsternis hineinzieht, sich freiwillig dem Tod stellt: Er ist auserwählt, zum Märtyrer seines Stammes zu werden.
Vontobels Inszenierung bleibt spannend von der ersten bis zur letzten Minute, obwohl es kaum Dialoge gibt. Stattdessen verschmelzen Sprache, Choreographie und der hammerstarke Soundtrack von Matthias Herrmann zu einer mitreißenden Partitur zwischen Pathos und ätzender Ironie. Dabei wechseln sich von den drei Schauspierinnen abwechselnd gesprochene Erzählung, Sachinformation und großartige chorische Passagen ab; gegen Ende, als die Menschenjagd ihren Lauf zu nehmen droht, vollführt ein im Kontrast zu den in goldgelbe Kostüme gekleideten Schauspielerinnen schwarz angezogener Balletttänzer gazellenartige Choreografie-Bewegungen. Immer geheimnisvoller, aber auch immer bedrohlicher wird die Welt, in die Vontobels Inszenierung führt.
Im zweiten Teil kristallisiert sich im Spiel der herausragenden, immer mehr zur Solistin werdenden Patrycia Ziólkowska eine konkrete Figur heraus: die des immer mehr in eine krankhafte Melange von Jagdlust, Angst und Schizophrenie abgleitenden Hunter White. Phasenweise gelingt es Ziólkowska und ihren Mitstreiterinnen Susanne-Marie Wrage und Ellys Mach, nur mit Hilfe der Sprache und ihrer Suggestionskraft konkrete Bilder auf die Netzhaut der Zuschauerinnen und Zuschauer zu projizieren. Als Zuschauer vermag man nur mühsam seine Faszination für das Geschehen zu unterdrücken - der Ruf der Wildnis, der Rausch der Jagd wird zum Sog.
Durchgeschüttelt wacht man nach gut 100 Minuten aus diesem Rausch auf und stellt verwirrt fest, wie sehr man dem kolonialen, toxisch maskulinen Denken von White und van Heeren auf den Leim gegangen ist. Virtuos haben Schoeters und Vontobel auf glitschiges Terrain geführt: Man hat die geschilderten Rituale und Weltbilder der Indigenen aus weißem Überlegenheitsgefühl heraus betrachtet, ist darüber hinweg gegangen, dass wieder einmal die Länder dieses so heterogenen Kontinents Afrika undifferenziert in einen Topf geworfen wurden, und ist über die explizit in der Aufführung benannten Probleme, die aus der - freiwilligen und unfreiwilligen - Umsiedlung indigener Völker in die Städte entstehen, hinweggehuscht. Man schüttelt sich noch einmal, applaudiert einem der schauspielerisch, inszenatorisch und inhaltlich großartigsten Theaterabende der aktuellen Spielzeit - und ist ratlos im Hinblick auf die angesprochenen Probleme.