Ein virtuelles Lebensende
Mit der zum Berliner Theatertreffen 2025 eingeladenen VR-Aufführung [EOL]. End of Life hat die Wiener Gruppe DARUM vor zwei Jahren nicht nur ihren Durchbruch gefeiert, sondern nach Auffassung aller Experten für Virtual Reality Produktionen auch Maßstäbe gesetzt. Auch der Rezensent, der die Aufführung im Rahmen des „Impulse“-Festivals sah, war restlos begeistert: siehe https://theaterpur.net/theater/schauspiel/2025/07/duesseldorf-impulse-eol Das Asphalt Festival von Christof Seeger-Zurmühlen und Bojan Vuletic ist stets auf dem Kiwief und hat prompt die Folge-Aufführung von DARUM koproduziert. Diesmal findet etwa ein Drittel der 100 Minuten langen, Auflösung betitelten Aufführung einigermaßen analog statt. Mehr als eine Stunde lang irrt man jedoch erneut ein wenig verloren durch verschimmelte Räumlichkeiten oder virtuelle Landschaften. Der Kontrollverlust, der im Untertitel angesprochen ist, ereilt einen auch schon mal auf der virtuellen Reise, wenn man versehentlich den Ausgang zur nächsten Station nicht findet (oder zu früh nimmt). Gemeint ist aber anderes: der Kontrollverlust, der vielen Menschen verwehrt, ihre letzten Lebensjahre in Würde zu verbringen. Gemeint ist vielleicht aber auch der Verlust der Kontrolle, die in einer zunehmend automatisierten und rationalisierten Welt der Pflegeindustrie entgleitet.
Im ersten, noch analogen Raum fordert die Puppe eines alten Opas einen auf zu spielen: eine Kugel über einen Löcher-Parcours ins Ziel zu balancieren, seinen Namen in den Sand zu schreiben, mit Bauklötzen ein Haus zu bauen. Was das soll im Zusammenhang mit dem später Erlebten, erschließt sich nicht sofort. Vielleicht sind es die Spiele, die man als Kinder lernt – und die man, wenn (if, falls) man im Alter die Kontrolle über den Körper und den Geist verliert, nicht mehr beherrscht. Spätestens im nächsten Raum erfährt man, dass man sich in einem von der Immobilienverwaltung (?) Solenys bewirtschafteten Objekt befindet, das mächtig heruntergekommen ist. Ein Hausmeister (ganz real und analog: Simon Dietersdorfer) weist uns, die wir offenbar im Auftrag des Unternehmens unterwegs sind und eine Bestandsaufnahme der Mängel machen sollen, darauf hin, dass sogar die Wände instabil sind und sich gelegentlich verschieben. Und, wie gesagt: Schimmel gibt es überall. Den gelte es zu notieren.
Auf geht’s also: VR-Brille auf, und tastend bewegen wir uns fort – in ein Foyer mit einer breiten, großzügigen Treppe. Später werden wir ein zweites Mal an ihr vorbeikommen und feststellen, dass sie zwischenzeitlich vollkommen unter Sand verschüttet ist. Wer schon mal in Kolmanskop in Namibia war, weiß, wie das aussieht. Um die Ecke befindet sich die Rezeption. Und langsam klingelt’s: Offenbar befinden wir uns in einem Seniorenheim. (Wobei: Der Plural „Wir“ ist vollkommen unangebracht: Ich bin allein unterwegs, sehe auf meinem 100minütigen Trip keinen Menschen, höre allerdings die ein wenig störenden Reaktionen der übrigen Probanden, die in den Slots vor und nach mir eingelassen wurden.) Die Rezeption gilt es durch die Hintertür zu verlassen, was der orientierungslose Rezensent nicht begriff: Ganz analoge helfende Hände führen den Verirrten in solchen Fällen schnell wieder auf den richtigen Weg.
Dieser Weg wird plötzlich ziemlich prekär: Ein schmaler Steg führt vorbei an tiefen Abgründen, einmal erstreckt sich eine tiefe Schlucht unmittelbar zu Rechten des tastenden Besuchers. Der tastet, obwohl er genau weiß, dass er sich auf wenigen Quadratmetern in einem schmucklosen ebenerdigen Raum bewegt: Die Kraft der Illusion, die eine VR-Installation ausübt, ist immer wieder überwältigend. Wunderschön gelingt eine Gondelfahrt durch ein hohes Gebirgsmassiv; es gibt Bilder eines Griechenland-Urlaubs, und auf einem Bahnhof wohnt man dem Beinahe-Suizid einer Frau auf dem gegenüberliegenden Bahnsteig bei; in einer Kurve beobachtet man einen schweren Autounfall und eine schockierte Autofahrerin. Man begreift, dass man in diesem heruntergekommenen Altenheim gerade den bröckelnden, unsortierten, langsam in Auflösung befindlichen Erinnerungen einer alten Frau beiwohnt, dem Rückblick auf ein zu Ende gehendes Leben.
Und dieses Leben, das sicherlich auch einmal glücklich war, endet bei der Solenys grausam unwürdig. Warum, wird sonnenklar in einem zwischen der Heimleitung und dem Investor geführten Telefonat, dessen Zeuge man wird. Nicht nur die Immobilienverwaltung, auch die Altenpflege ist offensichtlich inzwischen voll automatisiert worden. Und da das Geld fehlt, da die KI noch nicht kostenlos kocht, putzt und renoviert, kommt nicht nur das Haus herunter, fährt nicht nur seit Monaten vergammeltes Essen den Speiseaufzug herauf und hinunter, sondern es gibt auch niemanden mehr, der den Insassen die richtige Tür zeigt, wenn die Menschen sich – ganz real oder metaphorisch – einmal verlaufen haben. Kosteneffizienz um jeden Preis, heißt die Devise. Was die spannende, technisch im Vergleich zu End of Life vielleicht ein wenig sparsamer gestaltete, aber immer noch zutiefst beeindruckende Arbeit von Victoria Halper und Kai Krösche aufzeigt, ist eine Dystopie, von der wir in der heutigen Realität nur wenige Schritte entfernt sind.
Und so ist es denn die Frage, ob wir mit dem Türen öffnenden Controller, den wir auf unserem Marsch durch die virtuellen Welten stets fest in der rechten Hand halten, am Ende nicht sogar ein gutes Werk tun. Da begegnen wir nämlich der alten Dame, durch deren Erinnerungen wir gewandert sind, ganz nah. Brabbelnd liegt sie vor uns in einem unbequemen Kranken- oder Sterbebett. Die Stimme in unserem Ohr fordert uns auf, unseren Controller, der sonst immer rot leuchtende Türschlösser öffnete, an einen grün blinkenden Schalter zu halten. Und schwupps, haben wir das Lebenslicht der alten Dame ausgelöscht. Auf die – in der Aufführung nicht explizit, aber doch irgendwie implizit gestellte - Frage, ob das nun Mord, legal oder illegal assistierter Suizid oder Erlösung ist, lässt sich der Rezensent an dieser Stelle nicht ein. Aber sollte er eines vermutlich nicht mehr ganz fernen Tages in einer solchen Situation wie die arme virtuelle Frau P. in dem Solenys-Altenheim landen, wünscht er sich einen gnädigen Besucher, der einfach den Schalter umlegt. Licht aus, Schimmel weg. Und die bösen Erinnerungen auch.