Was kostet ein Menschenleben?
Seit dem letzten Jahr ist das asphalt Festival wieder an den Rand der City nach Flingern gezogen und hat dort im Industriegelände Alte Farbwerke die Halle_12 als dauerhafte Art-Lokation eröffnet. Dabei ist es nur eine von vielen über die Stadt verteilten Spielstätten, da es zur Grundidee des Festivals gehört, die Stadt selbst als „Bühne“ zu begreifen.
Heute wird in Halle_12 gespielt. Zu Gast ist aus Köln das Performancekollektiv Futur3 um den Regisseur André Erlen mit dem Doku-Theaterstück MAKING THE STORY, das um das Geschäft der Kriegsberichterstatter in der Ukraine spielt. Dabei wird ein Licht auf Menschen geworfen, die unter größter persönlicher Gefährdung mitten im Kriegsgeschehen den internationalen Journalisten zuarbeiten, meist ohne in den Medien erwähnt zu werden: die sogenannten „Fixerinnen “ und „Fixer“. Es sind einheimische Frauen und Männer, die vorort Kontakte zu Menschen im Kriegsgebiet herstellen, Gefahrenlagen einschätzen, Türen öffnen zu traumatisierten Menschen und in Trümmer- Häuser, die Sprache und kulturelle Codes beherrschen, die den internationalen Reportern weitgehend abgehen.
Man kann sie als Scharnier zwischen der internationalen Presse und der einheimischen Bevölkerung verstehen, manchmal auch als Schutzschild. Dabei werden die Honorare meist zwischen den beiden Zusammenarbeitenden vereinbart, nicht unbedingt mit den Medien im Ausland. Dabei kann es dann passieren, dass jemand ausgenutzt wird. So berichtet Artem (Anja), dass sie anfangs für 35 $ Tageslohn im Wesentlichen als Chauffeurin engagiert war, während Konstantin (Lev) versichert, dass für ihn im Kriegsgebiet 300 $ das „absolute Minimum“ täglich ist.
Basierend auf einer Recherchereise im April 2024 in die Ukraine, verarbeitet das Kollektiv Futur3 das Ergebnis intensiver Gespräche und ergreifender Erfahrungen in einer gemeinsamen Stückentwicklung zu einem erschütternden, aufrüttelnden Theaterabend.
Als der Einlass beginnt, scheint das Spiel schon in vollem Gange. Auf der Bühne herrscht Chaos: umgestürzte Möbel und Bauzäune. Rechts ein Drummer, der mit Schlagzeug und Laptop eine bedrohliche Stimmung schafft; von hinten düsterer Gesang mit Klavierbegleitung. Auf der groben Backstein-Rückwand zeigen Schwarz-Weiß-Videos unscharf Trümmerlandschaften.
Zwischen dem Gerümpel auf der Bühne kriechen drei Figuren, richten sich auf, stürzen, lesen Textfragmente von losen Blättern, die auch an der Video-Wand erscheinen. Viel später erst lassen sich die Texte zuordnen: es sind Zitate aus der Klageschrift. gegen das amerikanische Medienunternehmen Fox News um den Tod der Fixerin Oleksandra „Sasha“ Kuvshynova, die bei einem russischen Raketenangriff am 14. März 2022 ums Leben kam - deren realer Fall sich durch den Abend zieht und es bis in die deutschen Nachrichten schaffte.
Die Drei erheben sich, stellen sich vor: Anja Jazeschann, Stefan H. Kraft, Lev Friedmann, nennen auch die Namen der Betroffenen, denen sie in den folgenden zehn Szenen ihre Stimme leihen werden. Bei der Fülle der zumeist ukrainischen Namen bleibt da nur der Eindruck einer kolossalen Vielfalt. Allerdings werden später vor jeder Episode die Namen und Rollen aller Dargestellten - seien es Fixer, Journalisten oder Angehörige - noch einmal genannt. Dabei geht es bei den erspielten Szenen immer um authentische Texte der tatsächlich vorort geführten Gespräche.
Das gilt nicht für die melancholischen, berührenden Gesänge der Mariana Sadovska; die sind vielmehr eigens für diese Inszenierung von ihr vertonte Gedichte ukrainischer Poeten, die sie der dargestellten Realität gleichsam interpretierend und kommentierend hinzufügt. So setzt sie zu Beginn mit dem Gedicht Tiraden, Dekrete von Grygorij Chuba gleichsam ein Motto vor alle Berichte, wenn es heißt: „Und die Welt ist nackt. Und die Welt ist barfuß. Und die Welt kann nirgendwohin fliehen.“ Leider werden die wichtigen Texte ukrainisch gesungen und nicht auf Deutsch eingeblendet.
Phantastisch, wie das Ensemble mit geringstem Requisiten-Einsatz und Kostümwechsel erschütternde Bilder heraufbeschwört. Mal ströppt sich Anja einen dunklen Blouson über ihr Rüschenkleid, um einen arroganten ausländischen Journalisten darzustellen. Auch gibt’s da eine zynische Einlage in der sonst so ernsten Geschichte, wenn sich die Drei – scheinbar Zigaretten rauchend - auf einem inzwischen aufgerichteten Plüschsofa flätzen und die ausländischen Reporter in einer Persiflage böse karikieren. Hier darf auch mal gelacht werden. Grundsätzlich gelingt es, durch Stimme und Gestik die größere Distanz der Journaille zum Geschehen deutlich zu machen, während die Fixer eher „dazugehören“, sich Nähe zu den Gesprächspartnern leisten dürfen. Da umarmt Stefan als Fixer auch mal den Vater beim Anblick des gefallenen Sohnes; und noch beim Bericht darüber versagt ihm die Stimme. Dennoch gibt’s auch für die Fixer “Regeln“, mindestens achtzehn, die immer mal wieder eingeblendet werden, jeweils von einem heftigen Paukenschlag begleitet. Mit zarteren, aber durchaus bedrohlichen Tönen seiner eigenen Kompositionen greift der Musiker Jörg Ritzenhoff immer wieder ins Geschehen ein.
Kurz vor Schluss verschwinden alle in einem Zelt. Das Geschehen darin ist auf diversen Videowänden – die ohnehin schon während der Aufführung immer mal wieder auf- und abgeräumt wurden - in Bruchstücken zu verfolgen.
Irgendwann kommen sie mit Tiermasken als Hase, Hund und Katze auf allen Vieren herausgekrabbelt. Mariana setz sich mit Hundekopf ans Klavier und fordert die Welt kraftvoll auf: „Bevor es zu spät ist, schlag deinen Kopf gegen das Eis. Brich durch! Du wirst eine wunderschön Welt sehen.“ (Text: Olch Lyschcha) Während Mariana mit Gesang und Klavier ins Crescendo geht, verschwinden die „Tiere“ rückwärts im Back und Ritzenhoff setzt mit einem gewaltigen Paukenschlag den Schlusspunkt.
Begeisterter Applaus und noch lange Gespräche mit den Akteuren am warmen Sommerabend auf dem Hof vor der Spielstätte.