Übrigens …

Tage aus Glas im Asphalt-Festival

Im Wald und an der Düssel

Mitten im Düsseldorfer Stadtteil Gerresheim erstreckt sich eine 35 Hektar große, umzäunte Industriebrache. Zwei unter Denkmalschutz stehende Ruinen werden von Gras umwuchert; ein Löschwasserturm mit einem großen G ragt mit gebrochenem Stolz empor. Das „G“ war das Logo der Gerresheimer Glashütte. Einst war sie die größte der Welt; jetzt ist sie zum Lost Place geworden. Seit ihrer Schließung im Jahre 2005 soll hier ein urbanes Viertel mit Wohnungen und Klein-Gewerbe entstehen. Für Bauträger und Investoren wurde das Gelände zum Spekulationsobjekt; Kauf und Wiederverkauf versprach offenbar höhere Renditen als Bauaktivität. Derzeit spricht man von 1.700 Wohnungen, die hier geschaffen werden sollen; ein Baubeginn ist nicht in Sicht. Nun, es sind erst 21 Jahre her, seit das Gelände frei ist; im Wohnort des Rezensenten steht der Bau einer Bahnunterführung bevor, die seit dem Jahre 1913 geplant ist. Man muss ja nichts übereilen…

Um 1900 wurden in der Gerresheimer Hütte ca. 150 Millionen Glasflaschen pro Jahr produziert – in Hand-, besser: in Mundarbeit. Es war eine anstrengende, ungesunde Arbeit, die die Lebenserwartung der Beschäftigten massiv beeinträchtigte. Im Jahr 1901 kam es zum ersten deutschlandweiten Glasmacherstreik. Es ging um besseren Lohn, bessere Arbeitsbedingungen und mehr Mitbestimmung. Im Vergleich zu ihren Kollegen an anderen Standorten waren die Gerresheimer Glasmacher privilegiert: Sie verfügten über eine vom Arbeitgeber mitfinanzierte Kranken- und Unfallversicherung und wurden im Landesvergleich einigermaßen ordentlich bezahlt. Doch sie erklärten sich mit den Kollegen in anderen Hütten solidarisch und schlossen sich dem Streik an. Den meisten Streikenden wurde gekündigt. Sie verloren alles: Job, (Werks-)Wohnung und Perspektive. Zur gleichen Zeit wurde in Amerika eine Maschine erfunden, die die handwerkliche Herstellung von Glasflaschen erübrigte.

Die Journalistin und Autorin Dorothee Krings hat im vergangenen Jahr einen Roman vorgelegt, der die Verhältnisse in der Gerresheimer Hütte zu dieser Zeit beschreibt. Zwei junge Frauen – die eine als Tochter des Werksarztes Mitglied der privilegierten Oberschicht, die andere eine pflichtbewusste, nachdenkliche Tochter eines Glasarbeiters – stehen im Vordergrund der Geschichte, die von den sozialen Bedingungen, von Klassengrenzen (und bald auch Klassenkämpfen) und vom Streik erzählt. Ausgeprägtes Klassenbewusstsein beherrscht sowohl das Großbürgertum als auch die Arbeiterschicht. Raum für Entfaltung, ein Durchbrechen von Grenzen ist kaum möglich. Sogar die Liebe ist an Klassengrenzen gebunden und in hohem Maße fremdbestimmt.

Eine der Stärken von Krings‘ Roman ist es, dass die Autorin nicht urteilt. Wem ihre Sympathie gehört, ist klar, doch sie stellt ihre Figuren als Personen der Zeit dar, deren jeweilige Auffassungen vor dem Hintergrund der damaligen Weltbilder nachvollziehbar sind. Nur der junge Karrierist Friedberg, den Leonie, die Tochter des Werksarztes, schließlich ehelichen wird, gerät ein wenig zum unsympathischen Abziehbild. (Er ist übrigens im Roman der einzige, dem es gelungen ist, Klassengrenzen zu überwinden: Aus einfachen Verhältnissen stammend, wird er am Ende des Romans zum Repräsentanten des Unternehmens in den USA.) Anders als die übrigen Mitglieder ihrer Schicht zeigt Leonie ein scheues Interesse an den Verhältnissen in der Arbeiterklasse. Sie fühlt sich zur Kunst hingezogen, vor allem zu einem jungen Künstler, der sich von der Salonmalerei ab- und der realistischen Darstellung des ärmlichen Arbeiterlebens zugewandt hat. Doch letztlich folgt sie nicht ihren Gefühlen, sondern den gesellschaftlichen Erwartungen. Bille wiederum, die Arbeitertochter, verliebt sich in den jungen, hart arbeitenden, ehrlichen Glasmacher Adam. Der ist aus dem Osten zugewandert, weil er von den Verdienstmöglichkeiten in Gerresheim gehört hat. Er steckt voller Ehrgeiz und entwickelt Initiative, um seine Träume wahrzumachen. Er will weiterwandern nach Amerika. Dort hofft er, sich mit Bille ein Stück Land kaufen zu können.

Jahr für Jahr erwartet man in Düsseldorf mit Spannung das jeweils beim Asphalt Festival zur Uraufführung kommende Stadt- und Außenprojekt von Christof Seeger-Zurmühlens Theaterkollektiv Pièrre.Vers. In diesem Jahr hat Seeger-Zurmühlen, in Personalunion Leiter des Festivals, sich Dorothee Krings‘ Roman vorgenommen und als zweistündigen Spaziergang durch Gerresheim inszeniert. Höchstselbst kommt er zu Beginn durch die Düssel geschwommen: Als Adams Freund Bruno zeigt er sich rau, aber mit dem Herzen auf dem rechten Fleck. Auch Leonie gleitet über den Fluss: Mit Sonnenhut und Gummiboot sowie neckischem blauem Sonnenschirm macht Anna Tabea Stockbrügger den Klassenunterschied deutlich. Während sich das Publikum am Ufer sonnt, wird über den Lohn der Arbeit und über Arbeiterrechte diskutiert – und geschimpft über „die da oben, die noch nie gearbeitet haben“. Was es heißt, ein Weltunternehmen zu leiten und Tausende von Mitarbeitern in Lohn und Brot zu halten, wissen die Arbeiter nicht, aber sie spüren, dass ihre Schinderei von der Unternehmensleitung nicht ausreichend anerkannt wird. Sie sind vor allem „Human Resources“.

Julia Dillmann spielt die Mutter der Arbeiterfamilie und die Erzählerin. Sie winkt, ihr auf dem Weg durch den Ort zu folgen. Die Kopfhörer auf den Ohren, begleitet von der minimalistischen Musik von Bojan Vuletic (Seeger-Zurmühlens Kollegen in der Festival-Leitung) wandern wir durch wunderbar renovierte Arbeitersiedlungen aus der Zeit, in der Krings‘ Roman spielt, durchqueren sogar eines der Häuser von der Vordertür durch die bewohnten Räumlichkeiten, in denen noch das Heft zur Fußball-WM liegt, bis hinein in den Garten. Immer wieder halten wir an für kurze Spielszenen. Vor allem Blanka Winkler als zupackende, optimistische Bille gewinnt unser Herz. In einem Schrebergarten wird eine Brieftaube auf die Reise geschickt. Im „Glasvoll“, einer Eventlocation im ältesten Bahnhof Deutschlands in der Heyestraße, die nach dem Gründer und Direktor der Gerresheimer Glashütte und seinem Sohn und Nachfolger benannt ist, stellt Alexander Steindorf als Direktor Stolley – der Figur, die Heye nachempfunden ist – seinen hochkarätigen neuen Mitarbeiter Friedberg (Justus Rosenkranz) vor. Leonie musiziert. Hier wird die Katze aus dem Sack gelassen: Stolley verkündet den Kauf des revolutionären amerikanischen Flaschenautomaten. Er wird ihn gemeinsam mit der europäischen Konkurrenz anschaffen. So werden Kosten gespart und Economies of Scale gehoben. Die Umstellung der Produktion wird er über mehrere Jahre strecken: Vorsicht ist die Mutter der Glasflasche; revolutionäre Technik soll ja nicht gleich zur Revolution in der Arbeiterschaft und Politik führen. Stolley denkt strategisch; die streikenden Arbeiter dagegen sitzen in der Falle. Und wir Zuschauer, die wir uns an einem Glas Wein laben und Stolley und Friedberg applaudieren, denken mulmig an die KI, die heute die gleiche Wirkung auf den Arbeitsmarkt und die Veränderung der Arbeitsbedingungen haben wird wie seinerzeit die automatische Flaschenfertigung auf das Glasbläsergewerbe.

Die Streikenden verlieren ihren Job und ihre Wohnung; Billes Mutter verkauft sich an einen moralisch wenig integren Werksleiter, der sie gegen Arbeit umsonst in seinem Schuppen wohnen lässt. Zuvor muss die Familie in einem notdürftig durch Plastikplanen geschützten Zelt in einer Senke im Gerresheimer Wald hausen – der nächsten Station unserer Wanderung. Wir wandern über eine Lichtung, lernen im Wald wahrhaft magische Orte unserer Stadt kennen: „So ist es gedacht“, schmunzelt Seeger-Zurmühlen, als sich der Rezensent anschließend bedankt, dass der Festivalleiter ihm mal wieder neue faszinierende Flecken seiner eigenen Stadt gezeigt hat: Die Stadt zu erkunden, war stets eines der wesentlichen Anliegen des inzwischen von einem lokalen zu einem internationalen Festival mutierenden Asphalt-Programms gewesen. Gleichzeitig wird auf eingängige Weise historisches Wissen vermittelt.

Für Schauspieler und Publikum geht es weiter steil bergauf. Unsere Wanderung endet im Wald auf einer Höhe, von der aus man einen grandiosen Blick auf das Werksgelände hat, über dessen Geschichte wir soeben so viel erfahren haben. Irgendwie will niemand nach Hause: Die Premierenbesucher trinken gemeinsam mit den Akteuren ein Bier, tauschen sich über das Erlebte aus – und sinnieren über das offene Ende der Geschichte. Krings‘ Roman legt ein eher trauriges Ende nahe; in Seeger-Zurmühlens Inszenierung gibt es ein bisschen mehr Hoffnung auf eine versöhnliche Lösung in der Liebe zwischen Bille und Adam. Was auch an der Figur der Leonie liegt: Während sich die Inszenierung bei allen anderen Figuren ganz eng an Krings‘ Roman anlehnt, dreht sie die Entwicklung der Werksarzt-Tochter Leonie um. Anna Tabea Stockbrügger zeigt sie, die bei Krings lange Zeit nicht weniger unser Herz rührt als Bille, als eher harte, arrogante, klassenbewusste Person, die erst gegen Ende an der klaren Einteilung der Welt in Oben und Unten zu zweifeln beginnt.