Übrigens …

Prinz Friedrich von Homburg im Schauspielhaus Düsseldorf

Der Prinz von Homburg – tot oder lebendig

Von einem „traumverlorenen“, aber auch brisanten Stück spricht der neue Generalintendant Andreas Karlaganis bei der Feier zum Beginn seiner ersten Spielzeit am Düsseldorfer Schauspielhaus. Die Werte, die in Heinrich von Kleists Prinz Friedrich von Homburg verhandelt werden, sind heute nicht mehr in: Tapferkeit, Gehorsam, Ehre, Disziplin. Zudem ist Kleists Prinz von Homburg ein irgendwie aus der Zeit gefallenes, sehr maskulines Stück. Lange wurde darüber gestritten, ob es sich um einen kriegsverherrlichenden Text oder ein Antikriegsstück handelt: Ein pathetischer Patriotismus ist manchen Stellen jedenfalls nicht abzusprechen. Mit solch einer Setzung eine neue Intendanz zu beginnen, erscheint als ein mutiges Unterfangen. Aber ist Kleists Stück wirklich so aus der Zeit gefallen? Droht nicht eine Zeit, in der Tapferkeit, Gehorsam und die Pflicht zur Landesverteidigung gegen innere und äußere Feinde wieder wichtig werden? Weist nicht der Konflikt zwischen unbedingtem militärischem Gehorsam und der autonomen Übernahme von Verantwortung, zwischen kritikloser Loyalität und Selbstbestimmung weit hinaus in andere gesellschaftliche Konstellationen?

Geradezu militärische Disziplin verlangt auch Regisseur Ulrich Rasche von seinen Schauspielern. Keinen Moment dürfen sie stillstehen. Unablässig drehen sich die Scheiben der Drehbühne, und unablässig marschieren die Schauspieler dagegen an, prononciert und äußerst langsam Kleists Text deklamierend. Raum für Improvisation, Raum für autonomes Spiel gibt es nicht. Auch eine neue Intendanz mit einer Rasche-Inszenierung zu beginnen, erfordert Mut: Legendär sind seine oftmals ratternden, tonnenschweren Bühnenbilder, seine Laufmaschinen, die die Schauspieler in ein strenges Korsett zwingen. Rasches Ästhetik polarisiert, führte aber – aus Sicht des Rezensenten absolut zu Recht – bereits zu mehreren Einladungen zum Berliner Theatertreffen. Was man sich allerdings schwer vorstellen kann, ist, dass seine Inszenierungen „traumverloren“ wirken. Nun, man lernt nie aus…

Ein Nachtwandler läuft übers (diesmal erheblich einfacher konstruierte) Laufrad. Morgen in der Schlacht denk an mich: André Kaczmarczyks Prinz von Homburg, Befehlshaber der brandenburgischen Kavallerie, träumt vom großen Sieg gegen die Schweden, vom großen Ruhm und der süßen Belohnung, der Ehe mit der Nichte des Kurfürsten, Prinzessin Natalie. Den Lorbeerkranz hält er schon in der Hand. Und siehe da: Son et Lumière, Konstantin Sonnesons Licht- und Leopold Stoffels‘ Sounddesign schaffen tatsächlich eine traumverlorene Atmosphäre. Links am Schlagwerk, rechts am Cello, hinten am Mischpult untermalen und kommentieren die die Musiker pausenlos das Geschehen und verstärken die sogartige Wirkung, die von der rhythmisierten, oftmals chorischen Sprechweise der Schauspieler ausgeht.

Bald, wir wissen es, wird die Angelegenheit eskalieren. In der Schlacht von Fehrbellin missachtet Homburg den unmissverständlichen Befehl des Kurfürsten, nicht anzugreifen, bevor er den Ball freigibt, und führt so sein Heer zum Sieg. Doch anstelle der erwarteten Belobigung durch den ihm menschlich durchaus zugeneigten Kurfürsten verurteilt dieser den Prinzen wegen Ungehorsams und Missachtung seines Befehls zum Tode. Auf Intervention von Natalie ist der Kurfürst bereit, den Prinzen zu begnadigen, falls dieser darum bitte und gleichzeitig das Todesurteil für Unrecht erkläre. Der, ehrpusselig wie man im 17. Jahrhundert war und moralisch integer, sieht sich in der Position, höchstselbst als Richter über sich selbst auftreten zu müssen, und erkennt auf Rechtmäßigkeit des harten Urteils. Nachdem schließlich auch seine Offiziere sich für Homburg verwenden und gar mit Meuterei drohen, Homburg aber seine eigene Verurteilung gutheißt, begnadigt der Kurfürst den Feldherrn. Im Einklang mit den Wendungen des Stücks schwillt die Musik – „wie Björk ohne Gesang“ rief dem Schreiber dieser Zeilen ein zuschauender Theaterprofi zu - an und ab und entwickelt doch eine eigenständige Kraft und dramatische Position. Nicht mehr traumverloren, sondern alptraumhaft wirkt das bisweilen; dann wieder wähnt man sich auf einer durch großartige Musiker gestalteten Trauerfeier. Auf geradezu magische Weise verschmelzen Musik und Sound mit der Sprache zu einer erlesenen Partitur und machen die Aufführung im Verein mit der Lichtkunst – unter anderem den in den unterschiedlichsten Konstellationen angeordneten und in den verschiedensten Farben leuchtenden Neonröhren des Bühnenbildes - zu einem genreübergreifenden Gesamtkunstwerk.

Die vielen Bewunderer von Kleists Sprache kommen voll auf ihre Kosten. Die langsame, deklamatorische Sprechweise im Rhythmus der Bewegungen führt dazu, dass das gesprochene Wort wie ein gelesenes Buch ins Hirn der Zuschauer dringt. Wenn chorisch gesprochen wird, werden die Schauspielerinnen und Schauspieler zur entindividualisierten Masse Mensch. Es sind die Soldaten, die Offiziere, die so gezeichnet werden, die Befehlsempfänger, von denen eigenständiges Denken nicht erwartet wird. Häufig heben sie sich nur schattenrissartig ab gegen den monochromen Bühnenhintergrund; grandios ist das Bild, wenn die Kavallerie in die Schlacht zieht: Gelbliches Licht schimmert dann durch den Theaternebel; man denkt an den Rauch von brennenden Städten und Landschaften.

Aus solchen schattenrissähnlichen Massen-Choreografien schälen sich manchmal einzelne Figuren heraus. Ganz langsam wird das Licht gedimmt; die Masse verblasst zunächst und verschwindet schließlich vollständig in der Dunkelheit, und das Individuum tritt strahlend (oder auch klagend) hervor. Trotz des strengen Korsetts, in das die Schauspieler auch in Düsseldorf wieder gezwängt werden, bilden sich Charaktere heraus: der oft traumverlorene Prinz, der die Welt nicht mehr versteht, der loyale, selbstbewusste, manchmal aufbrausende Kottwitz (Christoph Luser) zuvörderst. Geduckt, gedrückt und verschraubt schreitet Kaczmarczyks Homburg über die Drehscheibe, als wäre sein Selbstbewusstsein (und wohl auch sein Selbstbild) zerstört durch den scheinbar nicht bestandenen Konflikt zwischen Autonomie und Gehorsam. Doch in kurzen Momenten richtet er sich auf, erhobenen Hauptes und stolz. Immer wieder begegnet Homburg seinem Alter Ego: Yannik Stöbener, mit Schusswunde in der Brust, gibt den von Rasche hinzuerfundenen toten Prinzen – ein Alptraumbild, ein fleischgewordenes Bild der Gefahren, denen Homburg nicht nur auf dem Schlachtfeld, sondern auch durch die Nichtbefolgung des kurfürstlichen Befehls ausgesetzt ist. Der tote Prinz ist für den lebenden ein Begleiter, manchmal aber auch Soundboard. - Immer als Individuen treten die beiden Schauspielerinnen in dieser Inszenierung auf: Lucia Kotikova als Natalie und Patrycia Ziolkowska als panzerhafter und empathieloser Kurfürst.

Rasches Inszenierung ist nichts für die Tiktok-Generation mit ihren ultrakurzen Aufmerksamkeitsspannen; sie fordert hohe Konzentration und die Bereitschaft zur intellektuellen Anstrengung. Das ist nicht das Schlechteste, was man über eine Theateraufführung sagen kann. Knapp vier Stunden allerdings sind ein wenig lang für diesen Text, dessen Aktualität sich nicht immer aufdrängt – im Gegenteil: Gegen Ende droht sie unfreiwillig in einen Aufruf zum Militarismus zu kippen. Aber Rasche kriegt elegant die Kurve: „In Staub mit allen Feinden Brandenburgs“ lautet der berühmt gewordene Schlusssatz des Dramas bekanntlich. Die Masse Mensch zieht wieder in den Krieg; gelbes Licht und Nebel evozieren wie schon in der ersten Halbzeit Bilder von brennenden Städten und Landschaften. Im Staub davor brechen Homburgs Kämpfer tot zusammen. André Kaczmarczyk zitiert (zum zweiten Mal an diesem Abend) Kleists „letztes Lied“, das in Kaczmarczyks Interpretation nicht nur apokalyptisch, sondern zutiefst traurig klingt: „Fernab am Horizont, auf Felsenrissen, / Liegt der gewitterschwarze Krieg getürmt…“ – Den Lorbeerkranz, den Kaczmarczyk sich zu Beginn erträumt hatte, überreicht er Yannik Stöbener, seinem Doppelgänger. Dem Toten…: