Übrigens …

Bernarda Albas Haus im Schauspielhaus Düsseldorf

Ein marodes Fundament

Was hinter den eigenen vier Wänden geschieht, ist in aller Regel privat und das Zuhause ein sicheres Refugium der freien Entfaltungen. Wie sieht es aber aus, wenn eben jenes Haus ein Abbild einer dysfunktionalen Gesellschaft ist, sein Fundament aus Ungerechtigkeit gegossen, die Wände aus Unterdrückung erbaut und die Räume gefüllt mit Misstrauen und Hass. Lässt es sich in einem solchen Haus wirklich leben? Wie sähe ein solches Leben aus? Wie sicher und wie glücklich könnte man in einem Haus wie diesem werden und kann ein solches Haus auch wirklich ein Zuhause sein oder doch nur ein Gefängnis werden?

“In diesem Haus geht etwas Schlimmes vor sich”, die Rede ist von Bernarda Albas Haus. Der spanische Dichter und Dramatiker Federico Garcia Lorca stellte sein letztes Werk erst zwei Monate vor seinem frühen Tod 1936 fertig. Mit dem Beititel Tragöde von den Frauen in den Dörfern Spaniens verstand Lorca sein Stück nicht als lehrhaftes Einzelschicksal einer beispielhaften Familie, sondern als "fotografisch genaue Dokumentation”, die ein Abbild der Realität skizzieren sollte. Auch die britische Dramatikerin Alice Birch folgt dieser Herangehensweise und betont den bereits stark aufgeladenen feministischen Aspekt in ihrer 2023 erschienenen Neufassung besonders.

Nach dem Tod ihres zweiten Ehemanns verhängt Bernarda Alba eine achtjährige Ausgangssperre für die verbliebenen Frauen in ihrem Haus. Während dieser Trauerzeit darf das Haus nicht verlassen und der Alltag nur in vollkommener Isolation bewerkstelligt werden. Ein Umstand, den die Matriarchin mit eiserner Faust umsetzt, dabei scheut sie weder physische noch psychische Gewalt. “Ich muss sie schlagen, muss sie in Brand setzen", erklärt Bernarda beinahe beiläufig, “Ich lasse eure Leinen noch zu locker, ich sollte euch in euren Träumen heimsuchen.” Diese Entwicklung setzt nicht nur den fünf Töchtern, sondern auch Bernardas Mutter Maria Josefa zunehmend zu. Ihre anfängliche Rebellion gegen den Hausarrest erstickt Bernarda sofort im Keim und sperrt sie in ihr Zimmer. Nicht folgenlos zerfrisst sie dort der Wahnsinn. Auch Bernardas fünf erwachsene Töchter, Angustias, Magdalena, Amelia, Martirio und Adela, kämpfen mit der Isolation und trauern um ihren Vater. Die Lage spitzt sich besonders zu, als sie erfahren, dass Angustias den Großteil des Erbes erhält, obwohl sie als älteste Tochter das Kind aus Bernardas erster Ehe ist und durch den Tod ihres leiblichen Vaters bereits beim ersten Erbfall zu Wohlstand gelangte. Die Aussicht auf ein großes Vermögen weckt das Interesse von Pepe, dem begehrtesten und gutaussehendsten Mann des Dorfes und überraschenderweise erlaubt Bernarda eine Verlobung zwischen den beiden. Aber auch die anderen Töchter beginnen, sich für Pepe zu interessieren und Adela, die jüngste, beginnt heimlich eine Affäre mit ihm. Zwischen Rebellion und Verzweiflung der Familienmitglieder ist es ausgerechnet die Haushälterin La Poncia, die versucht, die Wogen zu glätten und die Konflikte mit Vernunft zu lösen, doch auch sie kann die herannahende Katastrophe nicht verhindern und wird Zeugin, wie sich die Schwestern unter der Tyrannei ihrer Mutter zunehmend in den Rücken fallen, bis Bernarda schlussendlich auf Pepe schießt, um weitere Schande für ihr Haus zu vermeiden und sich Adela - fälschlicherweise im Glauben, ihre Mutter habe Pepe getötet - das Leben nimmt.

Niemand scheint für die szenische Umsetzung eines solchen Textes geeigneter als Regisseurin Lucia Bihler. Auch am Düsseldorfer Schauspielhaus zieht sie wieder alle Register und stellt Bernarda Albas Haus wortwörtlich mit der Bühnenbildnerin Pia Maria Mackert auf die Bühne. Zunächst als riesiges, einschüchterndes Domizil mit einem kahlen Baum vor der Tür, gibt das Haus später ein kitschig-rosanes Interieur preis, das im deutlichen Kontrast zur allgemeinen und thematischen Düsternis steht. Auch die Figuren reihen sich stimmig in dieses Barbie- bzw. Polly Pocket Haus ein; geschminkt und gekleidet wie alte Porzellanpuppen in aufwendigen Rüschenkleidern von Victoria Behr, wirken die Schwestern zunächst wie eine eingespielte Einheit, gleichen sich von Kopf bis Fuß und bewegen sich in flüssig choreographierter Synchronität. Und doch gelingt es durch diverse Details und ein präzises Spiel die fünf Schwestern klar voneinander zu trennen. Während Alisa Lien Hrudnik als Amelia kaum gegen das harte Regime ihrer Mutter aufbegehrt und sich allenfalls im Beisein ihrer Schwestern einen scharfen Kommentar erlaubt, traut sich Anne Rietmeijer als Magdalena ihre Schwestern offen anzugreifen und zu polarisieren. Völlig von der Aussicht vereinnahmt, durch die Heirat mit Pepe das Haus ihrer Mutter verlassen zu können, erduldet Kotti Yun als Angustias in fein dosierter Stärke alle Anfeindungen ihrer Schwestern und sehnt sich mit schmerzerfüllter Verzweiflung nach Veränderung. Ausgerechnet ihre Schwester Adela, gespielt von Paulina Alpen, die kürzlich von Theater heute für ihre Rolle in Die Welt im Rücken – ebenfalls in der Regie von Lucia Bihler – zur Schauspielerin des Jahres gekürt und für dieselbe Rolle für den Faust nominiert wurde, macht ihr diese Möglichkeit streitig. Sie ist neben ihrer Großmutter Maria Josefa die einzige, die sich offen gegen die Regeln ihrer Mutter stellt und verlässt das Haus nachts heimlich, um sich mit Pepe zu treffen. Als einzige lässt sie ihrer Lust, Wut und Missachtung freien Lauf und handelt unbeirrt. Paulina Alpen betont dabei feinfühlig Adelas Tragik denn ihr scheint fortwährend bewusst zu sein, dass ihr Plan, ihre Zukunft mit Pepe zu gestalten, nichts weiter als ein Wunsch bleibt, schließlich hat dieser sich längst wegen ihres Vermögens für Angustias entschieden. Adelas Suizid, im Glauben ihre Mutter habe Pepe getötet, wirkt wie ein Eingeständnis ihrer fehlenden Autonomie und der gleichzeitigen Erkenntnis der Unmöglichkeit, trotz aller Auflehnung, diese jemals zu erlangen. Als Gegenentwurf gilt die Großmutter Maria Josefa, gespielt von Esther Hausmann. Auch im fortgeschrittenen Alter begehrt sie dasselbe wie ihre Enkel: eine glückliche Familie, Kinder, Freiheit und Entfaltung. Doch auch sie lebt in Bernardas Haus und vermag nichts davon zu verwirklichen. In vielen Szenen bewegt sie sich spiegelbildlich mit Adela und verdeutlicht ein anderes potentielles Ende: den Wahnsinn. “Tot bist du besser dran", erklärt Martirio Adela dementsprechend ehrlich. Amanda Babaei Vieira spielt ihre Martirio zunächst selbstbewusst und offenbart ihre Liebe zu Adela subtil. Sie deckt ihre Schwester vor den anderen und nimmt Adelas Fehlverhalten und die damit verbundene gewaltsame Strafe auf sich, nur um noch immer nicht wertgeschätzt zu werden. So ist es Martirio, die ihre Schwester am Ende denunziert und damit ihr tragisches Ende besiegelt. Ein Ende, das auch Haushälterin La Poncia trotz aller Mühen nicht aufhalten konnte. Claudia Hübbecker spielt ihre La Poncia als grimmige, aber gute Seele des Hauses. Wie ein Geist steht sie plötzlich hinter Türen oder Fenstern, wodurch ihr nichts zu entgehen scheint. Trotz ihrer schroffen Art wirkt sie wie die einzige, die die Probleme offen und vernünftig zu lösen versucht, doch auch sie ist seit vielen Jahren in Bernardas Haus gefangen und findet keinen Ausweg. Gefangen ist allerdings auch die Matriarchin Bernarda selbst, die eindrücklich von Friederike Wagner gespielt wird. Auch wenn sie es ist, die mit aller Gewalt die führende Kraft der Tyrannei ist und sich als Hüterin einer gesellschaftlichen Ordnung sieht, verkennt sie, dass sie dabei selbst ihr größtes Opfer ist. Fast neurotisch schreitet sie wie in Trance von Fenster zu Fenster, um hinauszusehen und bemüht sogar ein Fernglas, damit ihr keine potentiellen Gefahren entgehen. Geblendet und in Angst vor dem Patriarchat und der darauf ruhenden Gesellschaft, unterbindet sie mit kalter Manier und steifer Sprache unerschütterlich jeden Versuch der Auflehnung, ohne zu bemerken, dass sie damit selbst die systematische und gesellschaftliche Unterdrückung repliziert und vorantreibt. Selbst nach dem Tod ihrer Tochter erkennt sie ihre eigene Misere nicht und wiederholt unentwegt wie ein Mantra: “Meine Tochter ist als Jungfrau gestorben, kleidet sie wie ein kleines Mädchen, ja, Bernarda Albas Tochter ist als Jungfrau gestorben.” Gefangen in tradierten Maximen ist sie die einzige, die nicht versteht, dass sie selbst den Schlüssel dazu besitzt, diese repressive Ordnung, dieses Haus zu verlassen.

Lucia Bihlers Inszenierung am Düsseldorfer Schauspielhaus verhandelt die zahlreichen Themenkomplexe nicht nur durch präzise Figurenarbeit und immensen Detailreichtum, sondern auch durch eine prägnante, expressionistische Bild- und Bewegungssprache. Im Kontrast zur Düsternis des Stücks und der äußerst stimmungsvollen musikalischen Komposition von Fabian Kalker und Jacob Suske, wirken das pinke Puppenhaus und die grün gekleideten Töchter in ihren Komplementärfarben als würden sie sich mit ihrer Strahlkraft gegen die unliebsamen Themen wehren wollen. Puppen in einem Puppenhaus gleichend, die ebenfalls nicht in der Lage sind, Autonomie zu erlangen, emanzipieren sich die Töchter jedoch zunehmend aus ihren routinierten Abläufen und entwickeln trotz aller Ähnlichkeiten jeweils subtile, aber individuelle Eigenarten. Auch das Volkslied “Wenn ich ein Vöglein wär” von Johann Gottfried Herder, das immer wieder gesummt oder gesungen wird, gibt durch seinen Text fast ironisch Aufschluss über die übergreifende Hilflosigkeit der Figuren. Lucia Bihler schafft es, den schweren Stoff trotz der permanent mitschwingenden Düsternis und Härte nicht nur ästhetisch und inhaltlich präzise, sondern auch unterhaltsam darzustellen. Die Inszenierung steckt so voller Details, dass an jeder Ecke, in jedem Raum, an jeder Figur jederzeit etwas Neues entdeckt werden kann.

Birchs bzw. Lorcas Stück bietet keine einfachen Antworten für die vielen aufgeworfenen und bedeutsamen Diskussionspunkte, dahingehend traut sich auch die Inszenierung am Düsseldorfer Schauspielhaus, sein Publikum denken zu lassen. Lucia Bihler beweist erneut, dass ein gelungener Theaterabend sowohl hoch ästhetisch, als auch originell, geistreich und vor allem im besten Sinne fordernd sein kann.