Übrigens …

Peer Gynt, unersättlich im Köln, Theater Der Keller

Unersättlich, nicht unersetzlich

Er möchte so gern „mit den Wildgänsen gen Süden ziehen.“ Man nimmt Peer Gynt das sogar ab: Denn auch eine romantische, sehnsuchtsvolle Seite hat der große Aufschneider und Lügenbold in Lidia Politos Ibsen-Überschreibung, die jetzt im Kölner Theater Der Keller zur Premiere kam. In der Disko hatte Peer allerdings gerade noch reihenweise die Ingrids gevögelt – und zwar unmittelbar nachdem in seinem wilden, glücklichen Tanz mit der zurückhaltenden Solveig deutlich geworden war, wie aus Musik und Ausgelassenheit eine Harmonie der Körper und letztendlich Liebe entstehen kann. Doch Sekunden später folgt: Verführung. Sexueller Übergriff. „Sie war willig“, sagt Peer. „Trostlos war sie“, entgegnet der Chor. Mit „sie“ ist wohl Ingrid gemeint, die in Ibsens Original auf ihrer eigenen Hochzeit von Peer ent- und verführt wird. In Köln könnte sich das theoretisch auch auf Solveig beziehen, die sehr wohl von Peer fasziniert ist, aber deren Verstand nicht vollständig in ihre Sexualorgane gerutscht ist. Peers Ranschmeißer-Frage, was sie „hindere“, beantwortet sie knochentrocken: „Ein aggressives Über-Ich“.

Wieweit wenigstens Peers Über-Ich authentisch ist, gilt es zu untersuchen. Wir Ibsen-Freunde wissen: Er selbst zu sein, zu sich selbst zu finden, wird Peer nie gelingen. Trotzdem: Schon gleich in der ersten Szene hatte Thomas Brandt, der Darsteller des Gynt, gedankenversunken in der Mitte der Bühne gesessen und sinniert – introvertiert, vielleicht gar traurig. Der Chor (ja, Polito hat - was für ein Coup! - einen dreiköpfigen griechischen Chor aus Schauspielschüler:innen in das Drama eingeführt) flüstert auf ihn ein: „Bist mehr Troll als Mensch! Wer soll dich lieben?“ Und: „Peer, wer bist du?“. Einsamkeit und Identitätsverlust können schon traurig und introvertiert machen. Doch kaum kommt Mutter Aase mit der Küchenzeile hinterm Vorhang hervor, um eine Mahlzeit zu bereiten, dreht der vermeintliche Melancholiker auf. Peer markiert den kräftigen, rauen Gesellen und verfällt wieder in seine Großmannssucht. Er fabuliert von dem kapitalen Bock, dem er auf dem Gendingrat begegnete. Doch Aase kennt ihren Sprössling und weiß, dass der Bock mutmaßlich nur ein Hirngespinst ist und jedenfalls nicht in ihrem Kochtopf landen wird: „Also essen wir Kartoffeln“, unterbricht sie ihren Sohn mit hinreißender Lakonie.

Die Beschreibung dieser beiden Szenen charakterisiert Lidia Politos wunderbare Inszenierung ihrer eigenen Textfassung umfassend. Mit traumwandlerischer Sicherheit wandelt die Aufführung zwischen Ibsen’schem Märchen und heutigem Lebensgefühl, zwischen Poesie und Witz, verbalen Kunststückchen und Alltagssprache sowie zwischen spitzer Ironie und Zuneigung zu den Figuren. Polito streut originelle Formulierungen von Ibsen oder aus Fremdtexten ein, vergleicht den rauen, aber lechzenden Peer mit der „Zunge einer Kuh an einem warmen Sommertag“ und weiß: „Auch unter klugen Worten bleibt der Lügner ein böses Vieh.“ Perfekt spielt die Regisseurin mit den verschiedenen Sprachebenen.

Achtzig Minuten nur benötigt Polito für ihre Version des Peer Gynt. Die meisten Stationen von Peers langer Lebenslügen-Reise hat sie einfach gestrichen; manche Figuren, die bei Ibsen lange eigene Szenen bekommen, tauchen für kurze Momente auf. Sie werden meist von den Studierenden der Schauspielschule des Theaters Der Keller (Rayon Mühleib, Paula Wetten und Ruth Winandy) gespielt, die auch den Chor bilden. Kurz wird einmal der „Krumme“ zitiert, der das Wachsweiche, Konfliktscheue und Schwammige der Persönlichkeit Peers repräsentiert, gegen das Peer nicht ankommt: „Der Krumme gewinnt auch ohne Schlacht.“ Das ist Original-Ibsen, in seiner Bedeutung aber sicher nur von Kennern dieses Originals zu verstehen. Der Knopfgießer bekommt seine Szene; auch der Schiffskoch, den Peer ins Meer stößt, als sein Schiff auf der Rückreise nach Norwegen kentert, wird als Beispiel für Peers egoistische Skrupellosigkeit erwähnt.

Größeren Raum nehmen nur die Troll-Szenen ein, die Peer das egoistische Lebensmotto auf den Weg geben, das seinen Neigungen entspricht und an dem er letztlich scheitert: “Sei dir selbst genug“ anstelle des von decent people aus der Menschenwelt erwarteten „Sei du selbst“. Laut, ein wenig zu burlesk im Vergleich zur übrigen Inszenierung geraten diese Szenen. Sie wirken fast wie ein Störfaktor, aber vielleicht ist genau das gewollt: Bei den Trollen ist endgültig kein Raum für Peers romantische, weichere Seite. Oder doch? Wieder baut Polito so eine tolle Formulierung ein: „In der Mulde deines Schlüsselbeins will ich alleine deine Küsse trinken“, biedert sich Peer bei der hässlichen Tochter des Trollkönigs mit ihren Krallen und Affenhänden an, die bald von ihm schwanger wird. Hauptsache Macht, ohne arbeiten zu müssen, denkt der sich auf dem Weg zum Kaiser wähnende Trollprinz wohl. Doch die Trolle drohen ihm für den Fall, dass er sich Vergnügungen außerhalb ihrer Welt hinzugeben wünscht. Erstmals lässt Peer Zweifel an der Realisierung seiner narzisstischen Pläne erkennen: „Schon liegt der ganze Palast in Scherben.“

In erster Linie aber konzentriert sich Polito auf den Charakter des Peer und auf die beiden Frauen, die ihn gerne lieben würden, aber schnell desillusioniert sind. Solveig und Mutter Aase werden dabei von der gleichen Schauspielerin (Julia Staufer) verkörpert. Blinde Liebe ist das bei beiden nicht, auch wenn Mutter Aase noch im Alter eine traurige Sehnsucht nach ihrem Sohn erkennen lässt. Solveig ist selbst eine Suchende, eine Frau, die ihre Identität zwischen bedingungsloser Liebe und emanzipiertem Selbstbewusstsein finden muss. Sie, die bei Ibsen so selbstlos ihr ganzes Leben auf die Rückkehr des Egomanen Peer wartet, weiß früh, dass sie wohl vergeblich wartet „auf das leichte Leben, das man mir versprach.“ Sie hat den Kühlschrank voller Äpfel, doch es wird kein Paradies geben für sie. Denn Peer will die Völlerei, nicht die Äpfel. Die bescheidene Solveig will die reine Liebe. Auch Peer seht sich nach Liebe. Doch für ihn heißt Liebe Sex und unbedingte Aufmerksamkeit für seine Person: „Wer ist man noch, wenn niemand einen sieht?“

Wer soll dich lieben?“, hatte der Chor zu Beginn gefragt. Das Zwiebel-Gleichnis aus Ibsens Original wird zitiert: Peer auf der Suche nach dem Kern seiner Persönlichkeit. Die Zwiebel hat keinen Kern. Oder, wie es bei Polito heißt: „Ein Kern ist auch nur eine Verhärtung.“ Und so erleidet Peer Schiffbruch, auch in der Liebe. Die Sehnsucht kennt er wohl, aber Verantwortung zu übernehmen, ist ihm fremd – oder zu unbequem, so wie es so vielen Menschen in so vielen Beziehungen auch in heutigen Zeiten geht. Ist das empörend? Nein, es ist einfach ein bedauernswerter Normalzustand. „Du bist kein Todsünder und kein Tugendbold“, heißt es am Ende einmal. Unersättlich ist Peer, und wäre so gerne unersetzlich. Im Grunde ist Peer ein ganz normaler, etwas unsympathischer Zeitgenosse mit eher durchschnittlichen Sehnsüchten und Schwächen. Etwas Schlimmeres kann man einem Narzissten wie ihm vermutlich kaum sagen…