„Und morgen die ganze Welt“
Wie aktuell kann ein Stück sein? Bertolt Brechts Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui beschreibt ganz exakt, wie rechte Gruppierungen einen Staat erobern und in Besitz nehmem. Ausführlich und detailreich schildert er, wie die Organe eines Staates in Besitz genommen und manipuliert werden - hier am Beispiel der Justiz. Das haben wir erlebt bei der polnischen Pis-Partei und beim Ungarn Viktor Orban. Und wir erleben es gerade bei der italienischen Meloni-Regierung. Ein besonders dreistes Vorgehen legt in den USA die Trump-Administration an den Tag. Und nicht erst seit der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt wissen wir, dass in Deutschland auch eine rechte Gefahr lauert.
Es läuft einem schon ein Schauer über den Rücken, sieht man den Arturo Ui und konstatiert die absolute Aktualität von Brechts Stück. Und dennoch lässt das Geschehen auf der Bühne seltsam kalt - Bilder und Szenen flattern am Publikum vorüber, werden in ihrer Aussage mit einem Nicken bestätigt.
Nein, Brecht nimmt nicht wirklich mit, packt nicht mehr. Das liegt an der Zeitgebundenheit seiner Stücke. Was für Zeitgenoss:innen damals aufregend neu und mitnehmend war, kann uns heute nicht wirklich mehr anfassen. Dabei tut der Autor alles, um eben jene Betroffenheit zu erreichen, kleidet seine Szenen in Revue-Form, fasst die Dialoge in rotzfreche, holprige Jamben, um deren Allgemeingültigkeit zu manifestieren. Aber das war es halt und lässt sich nicht so einfach auf die heutige Zeit übertragen.
Auf uns wirkt dieser aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui schon sehr aus der Zeit gefallen, obwohl wir die Aktualität des Inhalts natürlich augenblicklich erkennen. Daran kann auch Regisseurin Ruth Mensah nicht wirklich etwas ändern. Sie versucht den Show-Charakter des Stückes hervorzuheben. Und ihm dadurch Lebendigkeit zu geben. Das gelingt aber nur bedingt, den Brechts dezidiert belehrende Sprache lässt kaum Spielraum und wirkt dann trotz der unbestrittenen Relevanz für die Jetztzeit immer wie ein Werk von gestern. Da hilft es auch nichts, wenn das Regieteam versucht, Spannung und Gegensätze aufzubauen. Die Anciene-Régime-Perücken für das gesellschaftliche Establishment entfalten kaum ihre Wirkung als Störfaktor. In diesem Fall überlagern Brechtsche Sprache und der Gestus des Meisters alles und verhindern Innovationen.
Die Bühne wird umrahmt von vertikalen Lichtleisten, in deren Mitte sich ein blutrotes Quadrat befindet. Dessen Pendant bildet im Zuschauerraum eine Spielfläche für „Solo-Performances“. Die nutzt vor allem Clara Kroneck als Arturo Ui. Sie breitet visionär die Pläne für eine umfassende Herrschaft aus: „Und morgen die ganze Welt“. Kroneck ist intensiv in der Darstellung des künftigen Diktators, ihre Augen scheinen aufgerissen und vereinnahmen alle Menschen. Am meisten an Ui glaubt sein alter Freund Ernesto Roma, den Alice Lampkin hingebungsvoll, voller Emphatie spielt. Aber Roma muss sein Leben lassen, denn für Ui geht es in eine Zukunft, für die Anklänge an sein altes Leben nicht mehr zuträglich sind.
Daryna Mavlenko, Pascal Riedel und Luise Ziegler geben gekonnt Gefolgsleute Uis und Mitglieder der Industriekartelle, die Ui intensiv groß werden lassen, damit ihre Geschäfte ungestört und geschützt blühnen können. Bo Christian Salle glänzt als Dogsborough, eine integere Gestalt, die sich vor Uis Karren spannen lässt und von ihm quasi ausgesaugt wird, bis er nicht mehr von Nutzem ist.
Der Applaus ist groß für den Aufhaltsamen Aufstieg des Arturo Ui. Warum sollte man auch nicht applaudieren für eine Gesellschaftsanalyse, die treffender nicht sein könnte. Warum man sie allerdings in einer solchen Form im Theater angeboten bekommt, darüber ließe sich diskutieren. Das gilt auch für das Ende: Aus dem blutroten Teil der Bühne schiebt sich ein ebensolcher Riesencontainer auf die Bühne. Warum? Lasst uns drüber reden. Klagloses Hinnehmen ist immer der falsche Weg.