Sperma fürs Getreide und die Libido der Kuh
Unmengen von Menschen drängen sich im Vorraum der Kraftzentrale im Duisburger Landschaftspark Nord. Tito ist tot. Es ist nicht so, dass Marina Abramovic eine Anhängerin des Diktators gewesen wäre; in ihrer Autobiographie äußert sie sich kritisch über Personenkult, Korruption und Willkür in der Herrschaftszeit des Autokraten. Aber als Tito stirbt, ist Abramovic betroffen. Denn sie weiß: Das Ende des Vielvölkerstaats Jugoslawien ist angebrochen. Gut zehn Jahre später brechen die Jugoslawien-Kriege aus, grauenvolle Kriegsverbrechen und Völkermorde inklusive. Eine aber trauert tatsächlich über Titos Tod: Danica, Marinas Mutter, die ihre Tochter mit (Originalton Abramovic) fast paramilitärischer Disziplin, grausamer Härte und emotionaler Kälte großgezogen oder besser klein gehalten hat. Danica und ihr Mann Vojin kämpften im Zweiten Weltkrieg als jugoslawische Partisanen gegen die Deutschen, was sie später einige Jahre lang in einer hasserfüllten Ehe vereinte.
Hoch über der wartenden Menge in der Duisburger Kraftzentrale stehen, unbewegt und mit paramilitärischer Disziplin, düster dreinblickende, schwarz gekleidete Männer und Frauen. Bald formieren sie sich zur trauernden Marching Band. An der Spitze: Maria Stamenkovic Herranz in der Rolle der Danica. Das Volk, also das Duisburger Publikum, schließt sich dem Trauerzug an und wandert in den Teil der Halle, in der die Performance von Balkan Erotic Epic stattfinden soll. Die erweist sich zunächst einmal als optisch überwältigende Installation.
Der Einzug der Trauernden ist ein grandioser Auftakt, bewirkt an diesem Nachmittag allerdings leider das Gegenteil von dem, was Abramovic stolz von ihren Performances zu berichten pflegt: Er entzieht den Zuschauern jede Energie. Denn in der heillos überfüllten Halle steht die schwüle, schlechte Luft; nur in Trippelschritten vermag man sich zu den 13 Stationen der Performance, die wie in einer großen Museums-Installation aufgebaut sind, vorzuarbeiten. Clever ist, wer gleich nach hinten durchgeht; dort ist es zu Beginn noch ein wenig lichter. Noch cleverer ist, wer nach einem ersten flüchtigen Blick gleich zum Buffet geht, sich einen Kaffee holt und erstmal abwartet. Denn nach zwei der vier angesetzten Stunden hat sich die Halle stark geleert, und man kann entspannt von einer Station zur anderen wandern. Da sich die performativen Elemente (teilweise mit leichten Variationen) wiederholen, ist die Reihenfolge, in der man die Installation abläuft, nicht essentiell – und ein Verbleib über die gesamte Dauer der vier Stunden auch nicht, obwohl Marina das sicher anders sehen würde.
In Abramovics Autobiografie „Durch Mauern gehen“ kann man nachlesen, wie es zu der Idee der Performance kam, die ursprünglich ein Film und dann eine Ausstellung war und nunmehr in einer „Hangar Version“ sowie einer „Stage Version“ durch die Welt touren wird. (Bei der Ruhrtriennale erleben wir erfreulicherweise die Hangar Version, also das Original der performativen Installation). Abramovic berichtet, dass der Kurator Neville Wakefield der Künstlerin ursprünglich vorgeschlagen habe, eine Arbeit zum Thema Pornografie zu machen. Nach dem Studium einiger Pornos kam Marina zu dem Schluss, dass diese doch ziemlich abtörnend seien. Und so griff sie zurück auf die Volkskultur des Balkan. Man glaubt es kaum, was sich da seit dem 4. Jahrhundert alles an krausen sexuellen Phantasien in Mythen und Ritualen sowie im Glauben und Aberglauben Bahn gebrochen hat. Männliche und weibliche Genitalien spielten nicht nur bei Fruchtbarkeitsriten, sondern auch in der Heilkunde und bei der Beeinflussung des Wetters und der Ernte eine herausragende Rolle. Elke Luyten, vorgeblich Wissenschaftlerin, macht uns auf einer Bühne mit Worten und Zeichnungen vertraut mit einer Reihe von Zaubertränken zur Stärkung der Potenz von Mann und Stier, zur Anregung der Libido der Kuh und zur lebenslangen Bindung des Geliebten. Liebe Leser, schauen Sie bei Ihrer nächsten Balkanreise genau auf Ihren Kaffee. Wenn Sie drei Tropfen Menstruationsblut, jeweils drei Haare von einer Brustwarze und von einer Vulva sowie drei Tropfen Blut vom Ringfinger in Ihrem Drink finden, werden Sie der Dame, die Ihnen den Zaubertrank serviert hat, bis zum Lebensende nicht mehr entkommen.
Einige von Elke Luytens bezaubernd herben erotischen Geschichten werden wir auf den übrigen elf Stationen visualisiert bekommen. Außerdem spielte schon in frühen Jahrhunderten der Zusammenhang zwischen Sex, Gewalt und Tod, der die Kunst und die Psychologie bis heute beschäftigt, eine Rolle. Wenn eine Reihe vorwiegend älterer Darstellerinnen immer wieder ihre Vulven entblößt und unter spitzen Schreien gen Himmel streckt, lässt sich nachempfinden, dass die Damen glauben, damit die Götter erschrecken zu können. Das Ritual soll den Regen aufhalten – und wirkt ziemlich rustikal. Sportlich nehmen es die Männer: Die schaffen es tatsächlich vier Stunden lang, nackte Liegestütze auf dem Kunstrasen zu absolvieren: „Den Boden ficken“ nennt Abramovic diesen Teil der Installation, der übrigens ästhetisch und choreografisch arrangiert ist wie ein mittelalterliches Gemälde. Beides, das aggressive Vulva-Recken und das ruhige, monotone Kunstrasen-Vögeln soll im Endeffekt Missernten verhindern. Mag ja sein, dass Sperma auch das Wachstum des Getreides begünstigt…
Poetisch geht es auf dem Friedhof zu. Auch dort räkeln sich – vorwiegend überraschend junge – nackte Frauen zwischen den Grabsteinen, wandern geisterhaft in Zeitlupe umher und tanzen oder schmusen mit Skeletten, von denen einige eine überlange knallrote Zunge ihr Eigen nennen. Die Frauen, so erfahren wir, trauern um ihre oft viel zu jung gestorbenen Ehemänner. „Brustmassage / Orgien“ heißt das Tableau, das Abramovic da inszeniert hat. Zumindest solange der Schreiber dieser Zeilen dort verweilte, wirkte das Bild jedoch nicht wie eine Orgie: Es steckt voller morbider Schönheit und Melancholie.
Männer, die bereits vor der Ehe sterben, werden – so ein Brauch aus der Walachei - im Rahmen einer “schwarzen Hochzeit“ verheiratet: Bei Abramovic singt die Opernsängerin Dragana Jovanovic ein wunderbares Trauerlied, während die dem jungen Verstorbenen zugeordnete Frau im leuchtend roten Kleid die Zeremonie von oben beobachtet. Leben und Tod verschmelzen in einem wunderbaren, erlesenen Ritual. - Nebenan findet ein virtuoser Messertanz statt – Frauen, die sich der sexuellen Enthaltsamkeit verschrieben hatten, machten mit diesem Tanz deutlich, dass sie in der traditionellen Gesellschaft Albaniens oder Montenegros die typisch männliche Rolle des Haushaltsvorstandes zu übernehmen bereit und in der Lage waren.
Viele andere Rituale, die auf den 13 Bühnen der riesigen Halle (oder auch einmal in einer künstlich in die Halle gebauten Tunnel) stattfinden, ließen sich noch beschreiben. Man sieht beeindruckende, opulente Bilder wie einen überwältigenden, in warmem Licht installierten Phallusgarten, tolle Trachten und Kostüme und archaische Rituale. Über Stunden wird eine Braut mit einem komplizierten traditionellen balkanischen Hochzeits-Makeup geschminkt. Tolle Sängerinnen und Sänger, großartige Livemusiker bilden den Soundtrack der Halle und verschmelzen immer wieder miteinander, da ja alles gleichzeitig geschieht. Und doch: Die Bindungskraft dieser Performance ist begrenzt. Nach 90 Minuten glaubt man, alles gesehen zu haben, und nach zweieinhalb Stunden setzt Langeweile ein.
Immer wieder aber ging der Schreiber dieser Zeilen an der typisch jugoslawischen Kafana vorbei: dem exakt nachgebauten jugoslawischen Café, das in Abramovics Installation etwas Unheimliches, Unwirkliches, ja: Marthalereskes bekommt. Von Erotik ist da nicht die Rede. Da sitzen drei ältere, ganz in Schwarz gekleidete Frauen und schauen abweisend ins Leere. Titos Witwe Jovanka Broz hält da die Welt auf Distanz. Ganz langsam erst, nach vielen, vielen Minuten kommt Leben in das gruselige tableau vivant. Weitere Gäste bevölkern die Kafana; mit gemessenen Bewegungen wird getanzt. Und schließlich schmettert eine balkanische Folklore-Band auf dem Dach des Cafés ihre Lieder und stampft mit den Füßen. Zumindest vorübergehend wird temperamentvoll gefeiert. Obwohl: Noch in der Ausgelassenheit wirkt die Feier angespannt, ritualisiert und … irgendwie verordnet. Ob sie für die verkantete Danica eine Befreiung ist, wie das Programmheft andeutet?
Marina jedenfalls hat sich irgendwann selbst befreit. Ende November wird sie 80 Jahre alt – und sie erfindet sich immer wieder neu.