Übrigens …

Deutscher Herbst im Bochum, Jahrhunderthalle

Im Taumel zwischen Verzauberung und Absturz

Die Hälfte des voluminösen Raumes der monströsen Bochumer Jahrhunderthalle dient Christopher Rüping als Spielfläche für seine knapp vierstündige Uraufführung von Deutscher Herbst. Die Rückwand bilden die Milchglasfenster der Außenwand, davor eine Lichtquelle in verschlungenen Leuchtbahnen, die einen Blick in eine geheimnisvolle, ferne Landschaft suggerieren. Rechts und links ragen Unmengen rosafarbener Poolnudeln unterschiedlicher Länge in den Raum. Mittendrin, etwas verloren, ein Klavier.

Von ganz hinten, aus der Tiefe des Raumes, nähert sich versonnen, zögerlich eine Frau, Mitte vierzig, scheinbar ins Selbstgespräch vertieft, doch je näher sie kommt, umso klarer wird es, dass sie mit ihrem Vater spricht: „Du Papa“, heißt es, doch da ist kein Papa zu sehen: der Ansprechpartner sind wir, das Publikum. Und dabei bleibt es. Wiebke Mollenhauer gibt die Rolle der namenlosen Tochter, die ihren dementen Vater im Pflegeheim besucht, mit ergreifender Sensibilität und Doppelbödigkeit. Sie beklagt den Schwindel, der sie plagt: „Kein Drehschwindel, sondern eher, wie wenn man lange keinen festen Boden mehr unter den Füßen hatte.“ Die Ärzte finden nichts, und so beginnt sie, in sich selbst hineinzuhorchen, das Gespräch zu suchen, sich der Kunst zuzuwenden: der Musik, dem Tanz, vielleicht dem Theater. Dabei nimmt sie uns alle mit in ihr eigenes Innenohr, das fast den ganzen Bühnenraum umfasst: die rosa Plastikstäbe, die da rumstehen, hängen, liegen, sind nichts anderes als Kino-Stereozillen, feine Härchen, die tief im Schädel das Gleichgewichtsorgan bilden. Da gibt’s noch einige Organe mehr, wobei das Wichtigste ist, dass diese Härchen alle Bewegungen ans Hirn melden und das ist auf der Bühne der Lichtschlund im Hintergrund. Doch wenn wenig später eine Gestalt mit Barett und Spazierstock mit lockerem Schritt auf das Lichtevent zugeht, kann es ebenso das „Nebelmeer“ vor Casper David Friedrichs Wanderer sein.

Mehr und mehr versteht die Protagonistin den körperlichen Schwindel als Manifestation von Angst, Orientierungslosigkeit und Kontrollverlust, der über das Private hinausreicht und als gesellschaftliches Phänomen zu sehen ist. Zunächst bezieht es sich auf das Hier und Jetzt, den Herbst 2026, was kurz vor Schluss noch eine drastische Gegenwärtigkeit erfährt, wenn eine Nachrichtensendung mit dem Landtagswahlergebnis von Sachsen-Anhalt eingespielt wird.

Dann ist da der Herbst des Nachkriegsjahres 1946, in dem der schwedische Journalist Stig Dagerman .im Auftrag einer schwedischen Tageszeitung durch das kriegszerstörte Deutschland reiste. Er berichtet von hungernden Menschen, die in Kellern und Bunkern hausen, von bettelnden und hustenden Kindern „erwachsen und tuberkulös“, über Flüchtlingsströme und Kriegsheimkehrer, dann aber auch, dass neben den „blutenden Ruinen die deutschen Wälder fast geheilt“ erscheinen. Der Schauspieler Steven Adjei Sowah gibt der berichtenden Gestalt auf der Suche nach der Antwort auf die Frage, ob die Deutschen zur Freiheit bereit und fähig seien, eine eindrucksvolle Bühnenpräsenz. Seine Recherche fasste Dagerman in dem Buch Deutscher Herbst zusammen, das Christopher Rüping und sein Ensemble entscheidend zu diesem nachdenklichen Theaterabend veranlasste.

Die Verbindung zur Vergangenheit wird meist durch Erinnerungsstücke aus dem Leben des Vaters geschaffen, mit denen die Tochter dem alten, kranken Mann ein Stück des gemeinsamen Lebens zurückzubringen versucht. So durch das Buch Frau Musika von Joseph Kürschner aus dem Jahr 1897, das auf einer großen heruntergelassenen Leinwand im Live-Video eingeblendet wird, sodass das Publikum mit Text und Noten versorgt, die Sänger auf der Bühne, allen voran den Mimen Benjamin Lillie, begleiten könnte, was allerdings nur sehr zaghaft geschieht. An anderer Stelle, wenn es um eine gymnastische Übung oder Spiel mit Ballons geht, ist die Mitmachbereitschaft dann größer. Die alten Lieder - die meisten in Moll - durchziehen den gesamten Abend, sie versprechen eine Atmosphäre bäuerlich-bürgerlicher Gemütlichkeit des 19. Jahrhunderts, die allerdings in der coolen Industriehalle nicht recht aufkommen kann. Für temperamentvolle Pop-Musik sorgt hingegen Svenja Liesau im buntglitzernden Outfit mit Songs aus dem Album Herzfrequenz(1996)von Blümchen (später: Jasmin Wagner). Weniger gut kommt eine chaotische Punk-Band mit Songs der Böhsen Onkelz‘ bei der Tochter an, wenn sie die Eindringlinge als „Nazimucke“ beschimpft und verjagt.

Dann ein Sprung zurück in die Romantik. Es geht um das Bild Abtei im Eichwaldvon Caspar David Friedrich, das der Vater der zwölfjährigen Tochter als Poster ins Zimmer hängte und das Komi Mizrajim Togbonou als plötzlich auftauchender Gevatter - vermutlich der Maler selbst - zu dem kaum erkennbaren Schatten des Gemäldes auf einer riesigen Leinwand ausführlich beschreibt. Bildinhalt und Historie: 1810. Eindrucksvoll und doch makaber, wenn dann auf der Bühne im Halbdunkel der Mönchszug nachgestellt wird und die Tochter auf einer Leiter als Bahre rausgetragen wird. „Mein Begräbnis“, hatte die vorher vermutet.

Ergreifend, wie Wiebke Mollenhauer als kleiner, vom Schwindel verunsicherter Mensch durch die Weite der Zeiten und den überdimensionalen Raum taumelt, sich wieder fängt, wie sie Liebe und Zweifel, Klarheit und Verwirrung, Verzauberung und Absturz, Angst und Trost glaubhaft macht.

Nach der Pause gibt’s viele - zu viele - Lieder mit Klavier- und Blasmusik (Christoph Hart, Rike Huy, Shih Lee), bevor sich eine mit vielen Laubbläsern hochgeblasene Gazefolie gleichsam als schützende, heilende Wolke über die Gruppe im Pflegeheim wölbt. Ein scherzhafter, bildstarker Hinweis auf das diagnostische Wind-Verfahren bei Schwindel. Und siehe da: alle die „Härchen“, die vielen Schwimmnudeln verschwinden.

Aufklärung und Trost bringt Almut Zilcher schließlich als standfeste, verständnisvolle Tante, Schwester des unsichtbaren Patienten. Sie ruft Don Quijote zum Zeugen für „Zyklen narrativer Verzauberung und des Absturzes“ auf. In unserer Zeit, in der alles „kommentiert, analysiert, dokumentiert“ wird, fordert sie „das ozeanische Gefühl“ ein (Sigmund Freud, 1929) und setzt gegen den kollektiven „gefährlichen Schwindel“ den Mut zur Akzeptanz und den „leuchtenden Schwindel“ in Rausch und Ekstase.

So endet das Stück denn - nach Höhen und Tiefen und einigen aufwendigen Längen - mit turbulentem Tanz zu Blümchens Song Liebe, Liebe ganz vorne auf der Spielfläche, die für manche emotionale Szene dann doch zu weit, zu offen, zu unbestimmt war. Das Publikum dankt mit Standing Ovation.