Übrigens …

EUROPA im Bochum, Jahrhunderthalle

Ich war es nicht, aber es ist meine Schuld!

Fast über die ganze Breite der Halle öffnet sich der Bühnenraum, dem Malgorzata Szczesniak ganz verschiedene Atmosphären gibt: links gähnende Leere, nur von einem knallroten Fries begrenzt. Rechts bis zur Decke ein abweisendes Metallgittergeflecht, davor ein angedeuteter Klassenraum mit Mobiliar, wie es vor 75 Jahren gewesen sein mag, denn bis in diese Zeit führt uns die Geschichte der EUROPA zurück. Die verschiebbare Bühnen-Rückwand füllt eine riesige Wandtafel, die ebenso als Videowand fungiert.

Riesig eingeblendet erscheint darauf eine kesse Blondine an einem der Schultische, wie wir erfahren, die UN-Beraterin Assia Fadiagha, der wir noch live begegnen werden. Während sie über die Notwendigkeit des Erzählens spricht, sieht man unter dem Tisch ein Kind mit erstarrtem Gesicht, das mit kaltem Blick aus weit aufgerissenen Augen schaut. Es wirkt ängstlich, unsicher, aus der Zeit gefallen.

Rechts auf der Bühne erscheint eine gebeugte, ältliche Gestalt, findet Halt an einem der Schultische. In ihrem opulenten Pelzmantel, mit schwarzem Kopftuch und hinter großer Sonnenbrille ist sie kaum zu erkennen. Auf der Tafel erscheint ihr Name: EUROPA. Sie wendet sich mit den Worten: „ Es ist Zeit, dass wir uns zu erkennen geben. Kleine.“, an das Kind, dass ihr jetzt live gegenübersteht: Es ist sie selbst mit acht Jahren. „Seit fünfundsiebzig Jahren bist du acht Jahre alt, seit fünfundsiebzig Jahren bin ich immer noch acht“, erklärt sie. Die Achtjährige wird sich tänzelnd und gestikulierend nur mit ihrer Körpersprache durch den Abend bewegen, dargestellt -hinter Gesichtsmaske, mit Bubikopf-Perücke - von dem Tänzer und Choreografen Claude Bardouil. Die Dreiundachtzigjährige wird eindrucksvoll gespielt von Andrzej Chyra.

Assia, die UN-Ermittlerin tritt auf, herrlich gegeben von Magdalena Cielecka, bewusst hergerichtet als Sexy-Blondine mit zwölf Zentimeter hohen High Heels, rotem Lederrock und blau-schwarz changierender Seidenbluse, um ihre männlichen Gesprächspartner zu irritieren, wie sie irgendwann verrät.

Sie kommt, um die alte EUROPA zum Erzählen zu bringen. Sie weiß, um das Schweigen dieser Frau und um das Verschweigen von grauenvollen Erinnerungen an ein Massaker im fiktiven Ort Hafestan, das sie als Achtjährige miterlebte, begangen von ihrem eigenen Volk. Es war in diesem Klassenraum, dass sie selbst schuldig wurde am Tod von achtzehn Kindern. Schuld, Fluch und selbst auferlegte Buße begleiten sie durchs Leben. Ein Fluch, der alle ihre Nachkommen verfolgt. Dass Assia eine Nachfahrin der Opfer des Massakers ist, erfahren wir mit den Betroffenen viel später. EUROPA willigt nur unter der Bedingung in ein Gespräch ein, dass Assia ihre drei Töchter herbeischafft, die sie als Babys aussetzte und von denen sie nie wieder was hörte.

Drei höchst unterschiedliche Frauen werden gefunden. Die Geschichte, die EUROPA zögerlich und völlig emotionslos preisgibt, trifft alle mit der Wucht einer antiken Tragödie: Es gab einen Kampf zwischen NORD und SÜD. Als Achtjährige beobachtete sie, wie die feindlichen Frauen ihre Kinder in der verwaisten Schulklasse unter den Tischen versteckten und verriet sie. Alle achtzehn Kinder wurden von blutrünstigen Hunden zerfleischt. EUROPA empfand Freude und wurde als Heldin von ihren Leuten gefeiert. Erschreckend, wenn dazu aus dem Off das mexikanische Spottlied „La Cucaracha“ (Die Kakerlake) eingespielt wird und EUROPA in beiden Figuren hier und jetzt zu tanzen beginnt. Dann wird sie ernst, berichtet, wie ihr großer Bruder sie ob ihrer Tat verfluchte und dafür von den eigenen Leuten massakriert wurde. Im Sterben ließ er sie schwören, Buße zu tun. „Du musst die Kette des Hasses durchbrechen!“ gab er ihr als Auftrag mit. Als makabre Buße erlegt sie sich auf, achtzehn Kinder zu gebären und sie alle nach der Geburt zu töten. Dreimal ertränkt sie die Neugeborenen, die nächsten drei setzt sie am Flussufer aus. Alle drei werden gerettet. Die sitzen jetzt da als erwachsene Frauen. Wie ein Hammer trifft sie der Satz: „Ich bin eure Mutter.“

Die Töchter stellen sich vor, wenn auch mit Namen aus der griechischen Mythologie, so doch mit gegenwärtigen Schicksalen: Megara, ein leidbeladener Name: in der griechischen Mythologie die Frau des Herakles, der in einer alten Version der Sage den gemeinsamen Kindern die Kehlen durchschnitt. Sie erscheint zunächst als eher wurschtiger Typ in Jeans-Shorts mit Gummistiefeln. Doch sie verlor siebenmal ein ungeborenes Kind, jeweils im siebten Monat und fand eines Tages die „Mutter“ in der eigenen Küche erhängt. Auf ihre Bemerkung, dass sie nun ja wohl acht Jahre in falscher Sache zum Seelenklempner ging, antwortet EUROPA zynisch mit der Empfehlung, den Klempner zu wechseln.

Jovette bezieht ihren Namen auf Jovis, „wie die Geliebte des Zeus. Aus Zeus wird Jupiter, “ erklärt sie etwas vulgär und dass sie panische Angst vor Hunden habe. Sie kommt im schwarzen Mini auf Plateau-High-Heels daher.

Wediaa erscheint eher bieder, doch sie trägt am schwersten am transgenerativem Trauma und gibt es weiter an die nächste Generation: an ihren Sohn Zacharias, der angeklagt ist wegen Vergewaltigung, Mord und Kannibalismus. Das Opfer war seine Geliebte. Er verweigert die Aussage. „Der Fluch verfehlt nie sein Ziel“, stellt er fest und ergibt er sich in sein böses Generationenerbe.

Du musst die Kette des Hasses durchbrechen!“ hatte der große Bruder sterbend der kleinen EUROPA als Auftrag mitgegeben. Wenn nach all den erschütternden Geschichten im Video eine fidele Autofahrt eingeblendet wird, bei der sich die drei Schwestern singend und scherzend Liebe und Gemeinsamkeit versprechen, scheint ein kleiner Schritt auf dem Weg erreicht. Das Gespräch als Therapie.

Doch dann, sieben Jahre nach dem Verbrechen der Enkelgeneration - unter dem andauerndem Schweigen des Zacharias – rast uns auf der vollen Breite der Videowand eine riesige Schar von Fröschen entgegen. Die Frösche - in der altägyptischen Mythologie ein Symbol für den Kreislauf des Lebens – erinnern in dieser irre heranstürmenden Masse doch eher an die alttestamentliche Froschplage, der zweiten von zehn ägyptischen Plagen, die im Buch Exodus über das Land kamen.

Am Ende fassen Zacharias und EUROPA all das grausige Geschehen noch einmal zusammen. „Alles liegt in Trümmern. Es ist an der Zeit, sich zu erheben.“, schließt EUROPA.

Auf der Wandtafel erscheint die Frage: „Wie beendet man eine Tragödie? Aischylos, Sophokles und Euripides bedienten sich nicht selten eines Deus ex machina. Aber kein Deus ex machina wird jemals auftauchen.“

So lässt uns der libanesisch-französische Autor Wajdi Mouawad allein mit der Frage, ob „die Kette des Hasses“ zu durchbrechen ist. Ein Problem, das er auch schon in seinem Stück Verbrennungenbearbeitet. „Man muss den Faden zerreißen“, heißt es da gleich mehrfach.

In EUROPA setzen sich Mouawad und der mit ihm befreundete polnische Regisseur Lrzysztof Warlikowski vordergründig mit Grausamkeiten unserer Zeit auseinander, spiegeln sie jedoch im antiken Erbe und bringen so heutige, über Generationen tradierte Familien-Traumata in Zusammenhang mit mythologischen Geschlechter- Flüchen.

Es fließt kein Blut in diesem an Gräueln so reichen Abend (der eine Altersbegrenzung ab 18 hat), doch die Wucht der Aufführung wird getragen von großartigen Schauspielerinnen und Schauspielern des Warschauer Nowy Teatr, bildstarken Video-Einspielungen – sei es live oder vorbereitet – und hochdramatischer musikalischer Begleitung. Allerdings macht die Vielfalt des Medieneinsatzes es den Zuschauern, die nicht Polnisch verstehen, gelegentlich schwer, wenn sie gleichzeitig das Spiel auf der Bühne, die Videoeinspielungen und die Übertitelungen verfolgen müssen. Das Festivalpublikum applaudiert begeistert.