Übrigens …

Der große Gatsby im Neuss, Rheinisches Landestheater

„Reichtum ist wesentlich lustiger als Armut.“

F. Scott Fitzgeralds Roman Der große Gatsby erschien vor 100 Jahren und zeichnet ein Porträt der amerikanischen 1920er Jahre, einer Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs und der gesellschaftlichen Freiheiten. F. Scott Fitzgerald galt als literarischer Wortführer dieser „Roaring Twenties“. In seinen Romanen wird jedoch nicht nur der „Amerikanische Traum“ skizziert, er beleuchtet auch kritisch den Glanz, der trügen kann und der sich in den Widersprüchen der Hauptfiguren abbildet.

Im Zentrum von Der große Gatsby steht Jay Gatsby, ein mysteriöser Millionär, der seit Jugendjahren in die schöne Daisy verliebt ist. Sie heiratete während seines Militärdienstes den Polospieler Tom Buchanan. Nick Carraway, ein junger, etwas schüchterner Mann, wohnt neben dem luxuriösen Anwesen Gatsbys. Er lernt diesen bei einem Besuch seiner Cousine Daisy kennen. Nick ist mehr der schüchterne Betrachter dieser echt exzessiven, an keinerlei Moral gebundenen Partyszene, wie sie u.a. in Gatsbys Haus zu erleben ist. Seitensprünge sind die Norm. So ist Myrtle, die mit ihrem Mann Paul über der Tankstelle wohnt, die Geliebte Toms.

Regisseurin Sophia Aurich interessierte nicht die Schilderung der Gesellschaft in den 1920er Jahren. Sie verlegte den Stoff in die heutige Welt mit geheimen Elite-Partys und einer voyeuristischen Gesellschaft. Fragen wie „Welche Position hat jemand inne?“ und „Wer beobachtet wen?“ dominieren.

Wenn man den Zuschauerraum betritt, sieht man sofort das große Gerüst auf der Bühne, das mit Stoffen verhängt ist. Der Eingang in der Mitte erlaubt Einblicke bzw. Durchblicke. Videoprojektionen - mal von Gesichtern, dann von Wasserwellen - schaffen ein schwammiges Bild. Laute Technomusik trägt zur flirrenden allgemeinen Unruhe bei. Ein gut gewähltes Bild, das zum einen die flirrende Partyatmosphäre wiedergibt, aber auch schon die vergebliche Suche nach echten Beziehungen. Besonders passend hierzu der Song „You don’t own me“ von Lesley Gore.

Stefan Siebert überzeugt als Nick Carraway, der die für ihn neue Party- und Beziehungsszene erst einmal etwas naiv betrachtet. Katharina Hintzen spielt engagiert Daisy. Benjamin Schardt gibt deren skrupellosen Mann Tom Buchanan, der recht offen die Beziehung zu seiner Geliebten Myrtle (Christine Tzatzaraki) lebt. Im Zentrum des Abends steht Johannes Bauer als Jay Gatsby. Absolut überzeugend in seinem coolen Verhalten als Millionär, der gern die Gäste in seiner Villa beobachtet bzw. beeindruckt. Aber man glaubt ihm auch die tiefe Liebe zu Daisy.

Erst im wesentlich kürzeren Teil der Inszenierung nach der Pause werden Gefühle und Beziehungen zugespitzt und beeindrucken. Zuvor hatten Kameraführung, viel „action“ und laute Musik einen dominierenden Status.

Zu loben ist das ungemein engagiert spielende Ensemble. Zu nennen sind noch Anton Löwe als Myrtles Mann George und Vera Hannah Schmidtke als Jordan, eine Sportlerin. Sie beobachtet zwar das Treiben und kommentiert es, lässt sich aber auf keine Beziehung ein.

Viel Beifall für einen ungewöhnlichen Abend.