Alpha Women ins Schlingern gebracht
Barbara Lenartz hat für Friedrich Schillers Maria Stuart am Theater Aachen ein einfaches, aber sehr gelungenes Bühnenbild entworfen: Was zu Beginn wie eine düster-romantische Burg – eher wie eine Burgruine – wirkt, verwandelt sich allein durch die Tricks der Lichtregie von Marias Gefängnis in Elisabeths Thronsaal. Die Macht der Königin von England erscheint bedroht: Die Schottenkönigin Maria hat nicht nur im katholischen Norden der Insel ihre Anhänger; auch auf ihren Hofstaat und ihr adliges Gefolge kann Elisabeth sich nicht wirklich verlassen. Politisch droht zudem Gefahr aus Frankreich. Elisabeths Macht also ist labil, so wie ihr eigenes Denken im Hinblick auf den Umgang mit ihrer inhaftierten Rivalin. Elisabeths Thron ist in Barbara Lenartzs Bühnenbild eine Kinderschaukel. Was das Publikum zum Lachen reizt, hat also einen ernsten Hintergrund.
Die Kinderschaukel ist eines der humorvollen Aperçus, die in Antigone Akgüns Inszenierung von Friedrich Schillers Königinnen-Drama am Theater Aachen Schmunzeln machen. Shrewsbury angelt, Leicester schwingt den Golfschläger, Maria juchzt über silberne Rollerskates aus Frankreich und schickt dem Grafen Leicester ein Kassiber auf einem mit rotem Blut beschriebenen Damen-Slip. Der Rezensent hat Freude an solchen kindlichen Scherzen; teilweise wirken sie ja sogar wie augenzwinkernde Karikaturen der englischen Lebensart. Leider passen Kinderschaukel und Rollerskates aber auch zu dem häufig infantil wirkenden Gebaren der beiden Königinnen. Maria kreischt und juchzt nicht nur über ihr Rollschuhgeschenk, sondern auch angesichts des feuchten grünen Mooses, das sie beim (einzigen, endlich genehmigten) Spaziergang im Garten ihres Gefängnisses auf Schloss Fotheringhay bejubelt. Dieses Kindchen soll daheim in Schottland einen Mord an seinem Ehemann in Auftrag gegeben und den Mörder anschließend zum Gatten genommen haben? Das nimmt Greta Ebling in Aachen beim besten Willen niemand ab. Ein bisschen Koketterie lässt sie durchscheinen, was ja durchaus im Einklang mit der gängigen Interpretation der schottischen Königin steht. Auch Elisabeth werden in der Aufführung von bösmeinenden Menschen Affären und Lüsternheit, ja, gar Hurerei unterstellt, was wiederum weniger zum Klischee dieser Figur passt. Stefanie Rösner vertritt einen etwas merkwürdigen emanzipatorischen Ansatz, wenn sie die Festung ihres Körpers verteidigen zu müssen glaubt. Verunsichert scheint sie nicht nur über den richtigen Umgang mit ihrer gefangen genommenen Kusine, sondern auch bezüglich ihrer eigenen Stellung als Frau sowie in der Welt im Allgemeinen. Daraus ließe sich eine interessante Figur basteln. Doch Rösner strahlt weder Königinnenwürde noch intellektuelle Kraft zur Reflexion aus.
Das ist überraschend, denn beide Schauspielerinnen haben einen großartigen Start in die Inszenierung. Der Regie geht es nämlich tatsächlich um Emanzipation, um Feminismus. Akgün lässt zu Beginn der Inszenierung beide Antagonistinnen in historischen Kostümen in einem Video auftreten und stilecht mit dem Federkiel einen feministischen Text aus dem Jahre 1404 (!) schreiben: Sie zitieren aus dem „Buch von der Stadt der Frauen“ von Christine de Pizan. Diese fordert, sich endlich von dem rein männlichen Blickwinkel auf die Stadt, die Welt und das Leben zu lösen. Damit lenkt Akgün den Blick des mitdenkenden Zuschauers geschickt auf eine Widersprüchlichkeit in Schillers Stück: In Maria Stuart stehen zwar zwei starke Frauen, ja: zwei echte Alpha-Women im Vordergrund der Handlung, aber gelenkt respektive ins Schlingern gebracht werden sie doch durch eine Überzahl von Männern, so medioker manche von ihnen auch auftreten mögen.
Auf diesen Aspekt versucht Akgün immer wieder Schlaglichter zu werfen. Zaghafte Annäherungsversuche der beiden Frauen führen jedoch nicht zur Solidarisierung. So ähnlich steht das schon bei Schiller, dessen Drama Akgün über weite Strecken spannend als Politkrimi und Intrigantenstadl – sogar unter ausgiebiger Nutzung von Schillers Originalsprache - inszeniert. Doch hat sie des Dichters Original mit einer Vielzahl feministischer Texte angereichert – neben Christine de Pizan (für den Schreiber dieser Zeilen eine echte Entdeckung) auch von Susan Sontag, bell hooks und dem Aachener Ensemble selbst. Angesichts solcher Passagen wird deutlich, dass Maria und Elisabeth in ihrer Gedankenwelt gar nicht so weit voneinander entfernt sind; vor allem Maria fordert immer wieder die „Solidarität“ zwischen beiden Frauen ein. Wer weiß – wenn Elisabeth den Mut gehabt hätte, darauf einzugehen, hätte vielleicht manches Unglück verhindert werden können, und der Lauf der Geschichte wäre ein anderer geworden.
Das ist ein interessantes gedankliches Konzept der Inszenierung. Auf die von der Regisseurin gestellte Frage, wie sich weibliche Herrschaft in einem von Männern errichteten Machtsystem hält, gibt die Inszenierung durchaus eine Antwort. Die kann man im Grunde schon in Schillers Original nachlesen. Akgüns Männergesellschaft besteht keineswegs aus charismatischen Typen, denen man die Steuerung eines Staatsschiffs anvertrauen möchte. Dennoch zieht sie die Strippen. Elisabeth, die sich für ihren Grabstein die Inschrift „Hier ruht eine freie Frau“ wünscht, wird an diesen freien Strippen manipulativ geführt – und wenn nicht geführt, dann wenigstens verunsichert. Nur Ritter:in Paulet beweist gelegentlich eine gewisse lakonisch-intellektuelle Souveränität. Aber Paulet wird in Aachen ja auch von Bettina Scheuritzel gespielt und ist unzweifelhaft eine Frau.
Trotzdem ist Akgüns Maria Stuart als Aufruf zur feministischen Emanzipation entweder ein Versuch am falschen Stück oder man hätte radikalere Eingriffe am Text, vermutlich gar am Ablauf der Handlung vornehmen müssen. Denn so wie der Abend läuft, bleibt selbst beim gutgläubigen Rezensenten der Verdacht zurück, dass Maria ihre Aufrufe zu solidarischem Miteinander nur als taktisches Mittel einsetzt. Und Elisabeth ist sowieso eine ganz linke Bazille und sicher nicht besser als die Männer. Die sucht sich am Ende den schwächsten unter den Lords, ihren Staatssekretär Davison, aus, um ihn für sie ins Fegefeuer zu schicken. Es wirkt wie perfider Zynismus, ist aber vor allem Feigheit, wie sie den von ihr Abhängigen ins offene Messer laufen lässt - besser gesagt: in eine Zwickmühle, aus der zu entkommen unmöglich ist. Wenn das das Vorbild einer emanzipierten, freien Frau ist, dann hat die Welt durch die Abwendung vom Patriarchat nichts gewonnen. Vermutlich ist es piepegal, ob jemand Mann oder Frau ist: Kommt er oder sie zur Macht, gilt es einen verdammt schwierigen Charaktertest zu bestehen. Und das gelingt nur wenigen.