Übrigens …

Clockwork Orange im Bochum, Schauspielhaus

Horror weich gespült

Viel Sperrholz auf der großen Bühne, darüber eine grelle Lichtplatte: alles ziemlich cool für eine brave new Horrorshow, die angekündigt und beim Titel ClockworkOrange wohl auch allgemein vermutet wird. Doch die Truppe, die dann auftritt, ist gar nicht die erwartete jugendliche Horde, sondern eine streng uniformierte Polizeikompanie, die auf der Bretterwand platznimmt und mühevoll versucht, Schillers Ode an die Freudedarzubieten, so wie sie Ludwig van Beethoven 1824 in seiner 9. Sinfonie vertonte. Und das ist tatsächlich die Verbindung zu unseren Bösewichtern, denn Alex, ihr hochgescheiter, sadistischer Anführer, st ein leidenschaftlicher Beethoven-Fan - ganz besonders der Neunten. Allerdings lässt er sich von der Musik nicht etwa, wie von manchen Therapeuten erwartet, zum Guten, sondern lustvoll zum Bösen animieren.

Das alles ein urkomischer Prolog, der viele Lacher provoziert, zumal die Uniformierten sich selbst nicht so ganz ernst nehmen, wenn sie verkünden, dass sie sowohl Verbrechen als auch ihre eigenen Karrieren „verfolgen“.

Dann senkt sich der eiserne Vorhang mit dem Bild einer lasziven Frauenperson darauf und Alex (einfallsreich: Alexander Wertmann), der fünfzehnjährige Boss der Bande, stellt auf der Vorderbühne seine drei „Droogs“ vor: Pete (Mona Vojacek Koper), Georgie (Nina Steils) und Dim (Puk Brouwers - alle drei nicht nur in dieser Rolle brillant). Er erklärt, dass sie in einer „Milkplusmaesto“ sitzen und „Milch mit was drin“ trinken, die sie fit macht für „ein bisschen Ultra-Terror“ und „zu einer Runde rein raus rein raus“ - was auch kurios mit runter gelassenen Hosen vor dem Wandbild demonstriert wird. Dann wird erklärt, dass die Nacht den Nadsats gehört, weil dann die „starigen Bobos sich die glupigen Weltsendungen reinziehen“. Denn „der Tag ist für die Starigen, die Nacht für die Umnigen“ da. Soweit ein Beispiel der jugendlichen Kunstsprache der Droogs, die dem englischen Original, dem dystopischen Roman ClockworkOrange des Autors Anthony Burgess, entnommen oder nachempfunden ist, aber im inhaltlichen Zusammenhang durchweg ohne erklärende Hinweise verständlich bleibt. Wenn auch der Buchtext, der monologisch aus der Sicht des Protagonisten Alex erzählt wird, im Stück auf die verschiedenen Personen verteilt, etwas weniger Charme entwickelt. Insgesamt scheint das Kauderwelsch dem russischen Ton nachempfunden zu sein.

Die Droogs brüsten sich mit ihren Untaten: Verwüstungen, Überfälle, Vergewaltigungen - das alles aus purer Lust. Doch dann wendet sich die Gruppe gegen den Anspruch des Anführers, lockt ihn in eine Falle, verrät ihn an die Polizei. Es kommt zu einem Todesfall, Alex wird verhaftet und zu vierzehn Jahren Gefängnis verurteilt. Nach zwei Jahren erfährt er von einem brutalen Umerziehungsverfahren, der Ludovico-Methode, die noch im Teststadium, durch einen Overkill an visueller Gewalterfahrung zu einer Total-Aversion gegen all das führt, was dem Klienten vorher Lust erzeugte. Für Alex umfasst das neben Sex und Gewalt auch die Musik. Bei der Aussicht, anschließend als geheilt entlassen zu werden, willigt er in die Behandlung ein, wenn auch gegen die ausdrücklichen Bedenken des Gefängniskaplans (mit langer roten Mähne kurios gegeben von Stacyian Jackson), der ihn vor dem damit verbundenen Verlust jeglicher Wahl- und Entscheidungsfreiheit warnt: „Wenn der Mensch nicht wählen kann, ist er kein Mensch mehr“ gibt er zu bedenken. Für den Romanautor Burgess das zentrale Thema des Buchs überhaupt.

Auf der Bühne wird die therapeutische Horrorschau so eingeblendet, dass das Publikum den Probanden, nicht die Bilder sehen kann. Der wälzt sich in körperlichem und psychischem Schmerz, am Boden vom Assistenten Justus an einer langen Leine gehalten (exzellent gegeben - wie auch andere, schnell wechselnde Rollen - von Risto Kübar). Wie man im Nachhinein erfährt, musste hier bei der Premierenvorstellung eine geplante Ankettung von Alex an den Boden aus technischen Gründen ausfallen. Wobei die spontane Notlösung des Seils nicht uninteressant ist, da sie zwar dem Gequälten ermöglicht hätte, der Bilderflut auszuweichen, jedoch gleichzeitig der Freiwilligkeit Raum lässt. Der Proband hält durch, erträgt alles, um frei zu kommen. Tatsächlich wird er nach der Tortur als geheilt entlassen. Die Ärzte geben sich mit ihrem Experiment zufrieden, reagieren sarkastisch, wohlwissend um die Überforderung, der sie ihr Clockwork Orange in dieser Welt aussetzen.

Hier verlässt die Bühnenadaption von Claudia Bossard die Romanhandlung. In Bochum begegnet der freigelassene Alex dem Roman-Autor von Clockwork Orange. Der lässt sich berichten, was dem jungen Mann geschehen ist und erahnt das Experiment, das den Menschen in „ein Maschinchen“ verwandelt hat, in ein „Uhrwerk“, eben in ein Clockwork Orange. Und er befürchtet, dass daraus „ehe man sich‘s versieht, ein ausgewachsener Totalitarismus“ wird. Ein interessanter Schwenk auf heutige politische Ansätze. „Wehret den Anfängen“, gemahnt er ans Publikum gewandt.

Doch dann erkennt er in Alex seinen eigenen Peiniger, dem er und seine Frau einst zum Opfer fielen. Er sinnt auf Rache, greift zur Waffe, wird aber von der Polizei erschossen. Ein bitterböses Ende, das im letzten Satz für die Zukunft eine „echte Horrorshow“ voraussieht.

Diese Hinrichtung ist die einzige Gewalttat, die auf der Bühne gezeigt wird, von allen anderen Gräueltaten hört man nur, was die Grausamkeit des Stücks in Grenzen hält und aus dem Ganzen eher eine intelligente Satire als eine verstörende Horrorschau macht.

Ganz anders lässt Anthony Burgess 1962 die Geschichte im Original ausgehen. Da findet Alex schließlich in ein moralisch und empathisch normales Leben zurück. Diese optimistische Wendung war allerdings den Amerikanern zu „britisch“, sie strichen in ihrer Ausgabe das letzte Kapitel des Romans und gaben dem Ganzen so ein pessimistisches Ende. Diese dystopische US-Version übernahm Stanley Kubrick 1971 für seine gleichnamige Verfilmung, die bis heute Kultstatus hat.

Das Publikum applaudiert begeistert.