Übrigens …

Salome im Dortmund, Schauspielhaus

Salome wehrt sich gegen den Male Gaze

Es flüstert von überall her. Für das Publikum ist das akustisch kaum verständlich. „Nie war ich so glücklich“, hört man heraus, oder: „Ich bin Salome.“ Es wäre manchmal hilfreich, zu wissen, wer Salome ist - und wer ihre Mutter Herodias, wer deren zweiter Mann Herodes Antipas und wer der Syrer Narraboth. Madita Scülfort hat sich am Schauspiel Dortmund entschieden, in ihrer Neufassung von Einar Schleefs Bearbeitung von Oscar Wildes Salome alle diese Figuren zuzüglich des von Herodes gefangen gehaltenen Propheten Johannes durch drei Schauspielerinnen und Schauspieler zu besetzen, von denen gleich zwei die Salome spielen. Und da die Rollenwechsel zahlreich sind und sich stets im fliegenden Wechsel vollziehen, geht im Kopf des nicht hundertprozentig bibelfesten, schleef- und wilde-sicheren Publikums schon mal das eine oder andere durcheinander.

Das macht aber nichts. Das tut es ja in der Erinnerung auch. Aus der Erinnerung der Herodias erzählt Scülfort ihre Geschichte. Erinnerung sind natürlich auch die geflüsterten Wortfetzen, zusammenhanglos, aber wie Träume von enigmatischer, zu deutender Aussagekraft. Diese Erinnerung ist düster, manchmal gar geisterhaft. Wenig Licht fällt auf die zeichenhafte Bühne von Slynrya Kongyoo, die auch für die dunklen, aber phantasievoll exotischen Kostüme verantwortlich ist. Auf verhüllte Skulpturen, die sich später als irgendwo zwischen Jugendstil und Kirchenfenster changierende Glasobjekte entpuppen, werden stilisierte Augen projiziert: Das Gesehenwerden wird noch eine große Rolle spielen in dieser Inszenierung. Einstweilen bewundert Sarah Quarshie als Herodias den Mond, der „aus der Gruft“ steigt. Diese Gruft ist die „Stadt der Städte“ Jerusalem, die im Dreck versinkt, zur „überhitzten Kloake“ und zum Ort der Angst und des Verfalls verkommen ist. Sowie, so zumindest in Scülforts Interpretation, zum Ort patriarchalischer Machtstrukturen.

Sprachlich gewinnt die Aufführung bei solchen Beschreibungen eine hohe Intensität; mit ihrer dunklen, lyrischen Qualität nimmt sie gefangen. Das liegt nicht zuletzt an Sarah Quarshie, die in ihrer Doppelrolle als Salome und Herodias aus dem dreiköpfigen Ensemble herausragt. Bei ihr ist Salome keine Femme fatale, keine sündhafte Verführerin, keine gefährliche und deshalb faszinierende sexy hexy: Quarshies Frauen-Doppel ist reflektiert, konzentriert, traurig und einsam. Leider bringt der andere Teil der Salome-Figur, der Schauspieler Viet Anh Alexander Tranh, das nicht mit gleicher Intensität rüber, doch auch er vermag die Tragik der Salome-Figur zu vermitteln.

Gilt die Trauer der Herodias dem Tod ihrer Tochter, so gilt Salomes Unzufriedenheit vor allem der Tatsache, dass sie sich nicht gesehen fühlt. Ihre Schönheit verdreht allen den Kopf: Narraboth ist rasend in sie verliebt und bringt sich im Grunde sogar ihretwegen um; ihr Stiefvater Herodes will sie unbedingt tanzen sehen. Ohne dass es ausgesprochen wird, wird deutlich, dass es sich um einen ausgesprochen erotischen Tanz handelt, den er zu Gesicht bekommen möchte. „Male gaze“ nennt man heute das, was ihn antreibt. Vielleicht auch: sexueller Übergriff. Die Frau wird gesehen - aber als Objekt, nicht als eigenständige, gleichberechtigte Persönlichkeit.

Selbst Salomes Mutter behandelt sie bei aller Liebe letztendlich als Kind. Und der einzige, den Salome liebt und zu dem sie sich auch sexuell hingezogen fühlt, der gefangen gehaltene Prophet Johannes, will nichts von ihr wissen. Auch er wird von Tran verkörpert, bleibt aber vor allem als donnernde Stimme aus dem Off in Erinnerung. Johannes hat eine ähnliche Radikalität wie Salome sie am Ende zeigen wird: Als radikaler Asket verweigert er sich allen irdischen Freuden. Er, den Herodes mit reinstem AfD-Furor als Mann „aus der Wüste“, der „Heuschrecken als Delikatessen“ isst und „Hunderte von Hungerleidern“ mitbrachte, denunziert, droht mit dem Gottesgericht über die verkommene Stadt der Städte und über die Hure Herodias, die den Bruder ihres Mannes geheiratet hat. Er ist en Warner, fürwahr, aber er könnte auch als christlicher Fundamentalist durchgehen. Da er sich von Salome partout nicht küssen lässt, tanzt die schließlich doch vor Herodes, der im Gegenzug versprochen hat, ihr als Belohnung jeden Wunsch zu erfüllen. Und so ist es Salome denn doch vergönnt, die Lippen des Johannes zu küssen: an seinem auf einem Silbertablett servierten, abgeschlagenen Kopf.

Ein Grusel-Stück? Seien wir ehrlich: Auch Grusel-Elemente hat Madita Scülfort in ihre Inszenierung eingebaut. Doch die sind keineswegs billig, sondern unterstützen die düstere, manchmal gar sogartige Atmosphäre des Abends. Am Ende erklingen die Flüsterlaute vom Anfang wieder. „Nie war ich so glücklich?“ Ja, diese Salome (jetzt wieder Tran) mag durchgeknallt sein, aber sie hat sich gewehrt gegen patriarchale Missachtung und Sexualisierung. Das hat sie das Leben gekostet. Aber es hat ihr auf bittere Weise Anerkennung verschafft – und Herodes das Fürchten gelehrt. Wie Luis Quintana, der seine Rollen lange (vermutlich unfreiwillig) ein wenig mokant angelegt hatte, seine Panik, seine Angst vor der Rache der Götter spielt, wie Tran mit unendlicher Sturheit und Penetranz den „Kopf des Propheten“ fordert, geht auch dem Zuschauer unter die Haut. Den beiden Männern im Trio der Schauspielenden gehört der Kulminationspunkt des Abends, den ihre Kollegin so lange dominiert hatte.