Übrigens …

NEEDS – Kritik der Bedürfnisse im Deutsches Fußballmuseum Dortmund

„Das Schwein bestimmt das Bewusstsein“

Das Schwein bestimmt das Bewusstsein, vom Salat schrumpft der Bizeps. Ernährungslehre gehört nicht nur zum Longevity-Konzept; auch im Leistungssport ist die richtige Ernährung ein wesentlicher Bestimmungsfaktor für den Erfolg. Und Leistungssport geht zumindest im Hinblick auf Konkurrenzdruck und Siegeswillen hinab bis in die Kreis- und Bezirksliga. Der Trainer gibt die Ernährungstipps, genauso wie er die taktische Ausrichtung des Teams vorgibt: „Verschieben!“ und „Gegenpressing!“ ruft Adthe Ramadani ins Spielfeld hinein und ist stolz auf 12 Jahre Bezirksligazugehörigkeit seiner Männer-Truppe. Und wo bleiben die Frauen? Wo bleibt der nicht heteronormative Teil der Bevölkerung im Sport?

Bei den Fußballern des SJC Hövelriege mischen sich Marx und Murks, Kalauer und Kritik, Philosophie und Volkssport. Ein Blick auf die Homepage des real existierenden Vereins aus Ostwestfalen zeigt: Der Laden ist alternativer angehaucht als der FC St. Pauli. Vereinsziel ist nicht der Aufstieg in die nächsthöhere Liga, sondern die Reaktion auf Impulse und Bedürfnisse von Mitgliedern und Nicht-Mitgliedern sowie die gesellschaftliche Teilhabe durch nachhaltiges Handeln, ökologische Verantwortung, Integrationskonzepte und anderes mehr. Natürlich gehören dazu auch die Förderung des Frauenfußballs und die Integration von Geflüchteten sowie des nicht heteronormativen Teils der Bevölkerung. Ungewöhnlich für einen Sportverein sind auch die Angebote zu Kunst und Kultur. In Zusammenarbeit mit dem Interkulturellen Zentrum Hövelriege unterhält der Verein eine professionelle freie Theatergruppe mit Martin Bretschneider als Anchor Person. Bretschneider, dereinst in Hövelriege Jugendtrainer und Spieler, hat schon am Schauspielhaus Bochum, am Theater Bielefeld und an anderen renommierten Theatern auf der Bühne gestanden; er tritt in zahlreichen TV-Serien auf und war 2003 der Nationalspieler Hans Schäfer in Sönke Wortmanns Wunder von Bern. Zum 50jährigen Vereinsjubiläum hat sein „Team Sisyphos“ ein Stück über die Bedürfnisstruktur des Fußballs im Allgemeinen und der Welt im Besonderen erarbeitet. Und da geht es nicht nur um Schwein und Salat oder um die üblichen Fußballer-Klischees, denen zufolge die Bedürfnisse der Menschen im prollig-patriarchalischen Umfeld eines Fußballvereins sich vor allem um Bratwurst, Bier und Mackertum ranken.

Bratwurst, Bier und Mackertum – das sind die schaurigen Geister der Fußballhölle, die in einer wunderbaren Auftaktszene ihr Unwesen im Off treiben, da, wo „der Torwart in den Wald läuft, um den Ball zu holen“, wo Krücken und Kreuzbandrisse drohen und ultramaskuline Helden mit muskulösen Waden aus der Schlacht heimkehren. Für Krücken und Kreuzbandrisse sind Herbert Marcuse, Karl Marx und Theodor Adorno weniger zuständig, aber die linken Philosophen bestimmen das Sein und Bewusstsein des ehemaligen Jugendtrainers Bretschneider mindestens genauso wie der Fußball. Ihm geht es um eine Untersuchung der Bedürfnisstruktur in Sportvereinen und im Alltag – und um eine Kritik daran. Mit Marcuse setzt sich sein Stück mit der These auseinander, wonach die Konsumption von Waren eine Entschädigung für einen entfremdeten Arbeitsprozess sei. Es wirft einen kritischen Blick auf die Produktion und den Massenkonsum im Industriekapitalismus – und es blickt mit Sorge auf (gerade in Sportvereinen grassierenden) Rassismus und Sexismus sowie auf die Klimakrise und die Gerechtigkeitslücke in der Gesellschaft. Es handelt all das in 75 Minuten ab. Sind diese 75 Minuten also überladen?

Keineswegs – sie sind sogar höchst unterhaltsam. Unaufhörlich springt die Aufführung zwischen Fußballplatz und Hörsaal hin und her – zwischen höchst geerdeten Fußballer-Geschichten und abgehoben formulierten Theorien. Ehrlich gesagt: Man mag weder in der einen noch in der anderen Welt zu Hause sein, und man kann die lustbefreiten, sprachlosen, handydaddelnden Kinder verstehen, die auf die Frage nach ihren eigenen Bedürfnissen einfach nur schweigen. Es müsse doch mehr geben für die Jugendlichen als Komasaufen und Ikkimel, meint Bretschneider. Und irgendwann bricht es aus den Kindern heraus: „Mensch, Digga, dieser Planet verbrennt – dafür kann ich doch nicht kämpfen!“ Vielleicht macht es sich die Inszenierung ein wenig einfach damit, das mangelnde Engagement vieler Jugendlicher nur auf die bedrohlichen Perspektiven für unseren Planeten zu schieben. Aber die verlorene Zeit im Kampf gegen den Klimawandel wird immer wieder thematisiert. Die Gerechtigkeitslücke dagegen erkennen die Jugendlichen mit bestechender Präzision: Wieso bezieht Ronaldo ein Jahreseinkommen von € 200 Millionen? Bei solchen Verhältnissen müsste er ja fünftausend Jahre lang Fußballspielen, um am Ende das Vermögen von Elon Musk zu erreichen. – Wir wussten ja schon immer, dass CR7 eigentlich eine arme Sau ist…

Lustvoll spielt die Aufführung mit Klischees. Veggie-World für nachhaltige Öko-Effizienz? „Ich habe zwei Vegetarier in meinem Team“, sagt Trainer Ramdani, „der eine ist Lehrer und der andere arbeitet bei Tönnies.“ Köstlich ist der Humor dieser Aufführung, der immer wieder zwischen Marx- und Adorno-Zitaten hervorbricht. Er ist geerdet wie im Fußball und passt wunderbar ins Fußballmuseum im tiefen Ruhrgebiet, in dem die Aufführung im Rahmen des „Favoriten“-Festivals gastiert: So originell und schlagfertig sind die Menschen in Pott auch. Und so verbissen und weltfremd wie die zitierten Philosophen sind oft ihre Arbeiterführer. Ideologische Schlagwörter, mit denen die Inszenierung ebenfalls gesättigt ist, wirken in ihrer Überzogenheit ebenfalls witzig, auch wenn man nicht so genau weiß, ob sie so ironisch gemeint sind wie sie beim Rezensenten angekommen sind. Deutlich jedenfalls zeigt die Aufführung auf, wie schnell Dogmatismus in die Diktatur führt: Bretschneider steigert sich in einem furiosen Monolog über radikale Konzepte zur Beeinflussung der Bedürfnisstruktur in die mit leuchtenden Augen vorgetragene Forderung: „Wir brauchen ab sofort eine globale Bedürfnis-Diktatur.“ Und: „Wir dürfen uns denn Begriff der Diktatur nicht von der Rechten wegnehmen lassen.“

Enteignungsphantasien folgen. Bretschneiders Furor erinnert an den GröFaZ: Eine patriarchale Männerwelt wird reproduziert. Als Zuschauer wird man ganz schön durchgeschüttelt – und ins Nachdenken gebracht. Die antiken Götter tauchen auf: Adthe Ramadani als Dionysos: der Gott der Ekstase, der Lust, des ungehemmten Feierns. Martin Bretschneider als Apollon, der „Stinkstiefel“, der „Buchhalter“, der „Meister der Disziplin“. Und Gaye Mutluay (die zuvor für die feministischen Passagen des Stücks zuständig gewesen war) als Urmutter Gaia, die Erde, die jetzt geräubert und ausgebeutet wird. Der Kapitalismus brauche die Ausbeutung der Natur und des Menschen, um zu funktionieren, hatte es zuvor in einem der ideologisch gefärbten Teile der Aufführung einmal geheißen. Kapitalismus heiße Konkurrenz. Heiße: Gegeneinander. Lässt sich nicht "zweckfreie Schönheit" des Spiels im Leben und im Fußball anstreben, fragt die Aufführung nun. Eine Utopie. Selbst als Netzer noch mit höchster Eleganz aus der Tiefe des Raumes kam, stand dahinter ein kapitalistischer Siegeswille. Und niemand weint so viel im Sport wie die wunderschön illusionistisch ihre Kringel drehenden Eiskunstlaufmädels. „Gerades Scheitern steht höher als ein krummer Sieg“, sagt Sophokles. Aber mal ehrlich: Sehen wir nicht alle unsere Mannschaften lieber dreckig siegen als erhobenen Hauptes verlieren?

Die Gaia von Hövelriede redet uns ins Gewissen: „Das wäre doch die Kunst zu lernen: das Hören, Schauen, Spüren…“. Apollon teilt Trauben. Jochen Distelmeyers Zitat aus dem Manifest des „Clubs der Verlierer“ („Wir bekennen uns zur produktiven Unterlegenheit“), zweckfreie Schönheit als Gegenentwurf gegen den Utilitarismus – irgendwie passt das nicht zum Fußball, oder? Und der Fußball, das hat das Team Sisyphos richtig erkannt, ist ein Abbild der Welt. Die Botschaft der gelungenen Aufführung bleibt also wohl Utopie.