Kampf der Samurai im Hier und Jetzt
Little Tokyo nennen die Düsseldorfer den von der japanischen Community - einer der größten Europas - geprägten Bezirk gleich um die Ecke vom Central, der Spielstätte des Jungen Schauspiels. Und eben da, inmitten der Atmosphäre japanischer Kultur, scheinen wir angekommen zu sein an diesem Abend, wenn wir den Theatersaal betreten: rote und weiße Lampions hängen dekorativ quer über der Bühne. Darunter Tafeln mit kunstvollen japanischen Schriftzeichen, deren Bedeutung man dem digitalen Programmheft entnehmen kann. Es sind die sieben Tugenden der Samurai, der Titelgeber des Theaterabends: Ehre, Mut, Respekt, Loyalität, Gerechtigkeit, Aufrichtigkeit, Mitgefühl. Im Hintergrund japanisch anmutende Kioske, die japanische Zeitungen, Mangas und Leckereien anbieten. Links davon ein Torii, ein zinnoberrot gestrichener Holzbogen vor einem Ausgang. Zum japanischen Ambiente gehört nicht zuletzt eine Fahrradrikscha in der linken Ecke, die mehrfach zum Einsatz kommt.
Worum geht es? Frei nach dem Schwarz-Weiß-Filmklassiker Die sieben Samurai aus dem Jahr 1954 von Akira Kurosawas erzählt Takao Baba die Geschichte vom Kampf einer Gruppe Kioskbesitzer gegen skrupellose Gangster, die sie vertreiben wollen. Hilfe holen sie sich bei ein paar unkonventionellen, herrenlosen Kriegern, den Samurai, die ob ihrer Tugenden allgemein gerühmt werden. Angeworben werden sie durch Flyer, die auch im Publikum verteilt werden. Am Ende sind es allerdings nur drei, nicht sieben wie im Film.
Nebel steigt auf, durch den Torbogen stürzt mit bizarren Tanzschritten, rot angestrahlt eine Meute grotesker Typen auf die Bühne: es sind die RED, die Roten, die Bösen mit knallroten Ganzkopfmasken und grob-bösartigen Gesichtszügen. Sie stürzen sich auf die Kioske, ihr Anführer ruft zur Plünderung und Verwüstung auf. Bevor sie das angerichtete Chaos verlassen, wendet sich der Gangsterboss noch mit der Bemerkung „Das hier ist meins!“ ans Publikum. Eine interessante Behauptung, deren Bedeutung sich viel später aufklären wird. Zurück bleibt ein Anschlag auf rotem Grund: „Letzte Aufforderung zur Räumung“.
Im Abgang setzt sich einer noch ans Klavier und spielt ein paar Takte. Später wird er ohne Maske immer wieder aufspielen: es ist der junge Bariton Alexander Kalina, der in diverse Rollen schlüpft und als „Guter“ immer wieder am Klavier Platz nimmt, um zusammen mit der Sängerin und Schauspielerin Anastasiia Kolabanova den Abend mit Gesang und Klaviermusik zu begleiten. Dabei unterbrechen die beiden den von Mischa Tangian fast über das ganze Stück gelegten Klangteppich aus japanischem Flötenspiel, Synthesizer und modernem Beat mehrfach mit klangvollen, allerdings im Zusammenhang befremdlichen Opernarien. Die Bandbreite ist beachtlich, wenn auch nicht immer verständlich.
Dazu gibt’s viel Bewegung, sei es als Muay Thai, einer ritualisierten Kampfform, die phasenweise an spektakuläre Boxkämpfe erinnert, oder als Breakdance mit höchst akrobatischen Einlagen oder auch als aggressiv wirkender, wuchtiger Krump.
All diese Tanz- und Kampfformen sind grandios choreographiert und dienen im Stück als Training der Kioskbesitzer zur Verteidigung gegen den befürchteten Angriff der RED, geleitet und eingeübt vom Anführer der drei Samurai, Musashi (in bauschigen Jeans exzellent gegeben von Cem Bingöl). So interessant das turbulente Spiel anzusehen ist, so zieht es sich doch etwas in die Länge. Dann folgt der Plan: Man verschanzt sich hinter einer Barrikade aus allen greifbaren Gegenständen, von der Mülltonne bis zum Mobiliar. Die Angreifer sollen nur einzeln Durchlass finden und so leichter zu bekämpfen sein. Alle machen mit, bis auf Sira, die Besitzerin des Kioskgrundstücks. „Ich bin nicht bereit, für diese Steine zu sterben“, erklärt sie und verschwindet. Es ist ein bunter Haufen, einige tragen Halbmasken à la Commedia dell’arte, was seltsam verfremdet, verallgemeinert. Während des Trainings hat sich bei allen Angst in Entschlossenheit und Misstrauen in Hoffnung gewandelt. Eine eingeflochtene Liebesgeschichte zwischen Jojo (Luca Mbiene) und Jiwa (Celine Hambach) steht für die allgemeine Zuversicht.
Die RED greifen an, durchbrechen die Barrikade. Blut fließt. Es gibt zwei Tote: Yasuke, der unentschlossenste unter den Samurai und der Anführer der RED. Man nimmt seine Maske ab: es ist Sira.
„Siehst du hier einen Gewinner?“ fragt der Samurai Musashi und gibt sich als Kämpfer selbst die Antwort: „Wir verlieren immer“. Unterdessen kehren die Kiosk-Leute zu ihrem Alltag zurück. Jiwa setzt sich ans Klavier und stimmt ein Liebeslied an: „I, I just woke up from a dream“, sie erwachte aus einem Traum und ist sich sicher, dass die „Liebe der einzige Krieg ist, für den es sich zu kämpfen lohnt“.
Die Moral: Zivilcourage und Liebe machen das Leben lebenswert, Gewalt und Verrat zerstören es. Das Fazit wird physisch rasant, optisch und auditiv ideenreich dargeboten, es fehlen dabei allerdings die guten Argumente.
Das Stück ist die erste Arbeit im Rahmen des deutsch-niederländischen Cross-Border-Programms Resonanz, dass die kulturelle Zusammenarbeit stärken soll.