Fundamentalistischer Kampf gegen die Lebenslüge
Es ist das klassische Stück für Ibsens Lebensthema, die Lebenslüge: Die Wildente von 1884. Das arme Tier, angeschossen und nicht mehr flugfähig, lebt auf dem Dachboden der ärmlichen Behausung der Familie Ekdal und ist das Ein und Alles der 16jährigen Hedvig, einem etwas naiven, aber süßen Geschöpf, das noch nicht weiß, dass es der Erblindung entgegen lebt, und das die Ente hegt und pflegt. Eigentlich hat das Tier es also gut, auch wenn es ihm frei und fliegend mutmaßlich besser ginge. Aber das wäre eine Illusion, die sich nicht mehr realisieren ließe. Wir wissen nicht, was die Ente denkt, aber sie hat es sich vermutlich ganz gut eingerichtet in der unermesslichen Liebe Hedvigs.
Wir wissen auch nicht, was die Ekdals denken, wir wissen nur, dass Gina Ekdal weiß. Und ihr Gatte Hjalmar nicht. Wir erfahren, dass der alte Ekdal, Hjalmars Vater, ein ehemaliger stolzer Leutnant, einst im Gefängnis gesessen hat und die wohlsituierte Familie dadurch in deutlich bescheidenere Verhältnisse abstieg. Wir ahnen, dass Ekdal für ein Vergehen verurteilt wurde, an dem der Unternehmer und Großhändler Werle nicht unbeteiligt war. Auf welche Weise, wissen wir nicht, aber Werle blieb unbehelligt. Wir sehen, dass sich Hjalmar und sein Vater in eine Welt der Illusionen geflüchtet haben, dass sie die Realität ihres gesellschaftlichen Abstiegs radikal verdrängt haben. Und wir sehen, dass sie in dem Kokon, in dem sich Gina, Hjalmar und sein Vater sowie die junge Hedvig eingesponnen haben, ein glückliches Familienleben führen.
Erst spät ahnen wir, dass es da noch ein weiteres Geheimnis gibt. Und wir erleben, dass Gregers Werle, der Sohn des Unternehmers und der Jugendfreund Hjalmars, der zum Wahrheitsfanatiker geworden ist, die Lebenslüge der Familie aufdeckt und die Familie zerstört. Da Ibsens Drama heute nur noch selten gespielt wird, wollen wir die Details nicht erzählen…
„Leider sind so gut wie alle Menschen krank", sagt Doktor Relling. Am Schauspiel Essen arbeitet die Intendantin und Regisseurin Selen Kara präzise heraus, wie wahr die Diagnose des Doktors ist. Sie inszeniert werktreu und ohne Aktualisierungen, aber hat an den Charakteren gefeilt: Gregers, der in manchen Inszenierungen von vornherein ziemlich durchgeknallt wirkt, erscheint bei Christopher Heisler zu Beginn sogar durchaus sympathisch; die Macken der übrigen Männer werden deutlich herausgestellt. Der maskuline Teil der Personnage hat nämlich ausnahmslos eine Meise: der alte Werle mit seinem kapitalistisch-machtbewussten Macho-Ego und seinem hemmungslosen Hang zur Benutzung und Manipulation anderer Menschen sowieso. Sein vom geradezu religiösen Streben nach der Zerstörung von Lebenslügen besessener Sohn Gregers will sich nachvollziehbarerweise vom dominanten und manipulativen Vater lösen, doch bald deckt sein Fanatismus seine eigene psychische Störung auf. Und die armen Schweine dieser Geschichte, denen die Werles und das Schicksal so böse mitspielen respektive mitgespielt haben, erscheinen mit ihrer radikalen Realitätsverweigerung nicht nur krank: Anders als in den meisten Inszenierungen wirken sie auch nicht uneingeschränkt als Sympathieträger. Der von Stefan Diekmann grandios gespielte, zunehmend verwirrte alte Ekdal trauert vor allem seinem militärischen Status nach und bricht, so liebenswert er sonst sein mag, immer wieder in cholerische Anfälle aus, und Hjalmars Illusion von einer großen Erfindung führt zu einem so tragischen wie inakzeptablen Faulenzerleben. Nur die Frauen sind reine Seelen. Zeitgemäß erscheint allerdings allenfalls Frau Sørby.
Das hervorragende Essener Schauspiel-Ensemble arbeitet großartige Charaktere heraus. Allerdings kommen durch die bedingungslos werktreue Inszenierungsweise auch die Schwächen von Ibsens schönem, aber in Teilen nicht mehr zeitgemäßem Stück zum Vorschein: die Ehrpusseligkeit und Unterwürfigkeit der gesellschaftlichen Absteiger, das unendlich veraltete Frauenbild, die Charakterzeichnung einer übermäßig naiven und behüteten Vierzehnjährigen, deren Denken heute jede Neunjährige als antiquiert empfinden würde. Am Ende sind es dann doch Frau Sørby und der alte Werle, die am gesündesten wirken: weil sie keine Geheimnisse voreinander haben. Lebenslügen retten Leben. Aber in der eigenen Familie können Lügen viel Schaden anrichten. Diese Erkenntnis ist dann wieder ganz zeitgemäß.