Übrigens …

hamlet, sun off im Theater Münster

Loderndes Leben in der Eiswüste

Da hat die KI sich wirklich ein wenig vertan: Statt den Planeten mittels Manipulation des Wetters ein wenig abzukühlen, verwandelt sie die Erde in eine Eiswüste. Entwickelt hat das Programm die Firma Hamlet und mit dem verbundenen Börsengang ein Vermögen verdient. Für die Folgen geradezustehen, fällt niemandem ein. Und so sitzen die Familienmitglieder im wunderbar klimatisierten Bunker, können den Tod erfrierender und verhungernder Menschen ignorieren und Pläne schmieden, das Vermögen zu erhalten oder gar zu vermehren. Aber der Patriarch ist tot - vielleicht von der „treusorgenden“ Verwandtschaft ermordet? Sofort hat sein Bruder Claude die Herrschaft an sich gerissen und die Witwe geheiratet.

Kommt das bekannt vor? Thomas Köck jedenfalls verwandelt in hamlet, sun off die dänische Königsfamilie in eine Unternehmerdynastie, versetzt Shakespeares Hamlet in eine düstere Zukunft. Köcks Stück erlebt im Theater Münster seine Uraufführung, die mit Jubelstürmen bedacht wird. Denn Köck gelingt ein traumhaft virtuoses sprachliches Wandeln zwischen vieldeutigen Shakespeare-Zitaten und knallharter Gegenwartsartikulation, die vor klaren, deutlichen Anglizismen nur so wimmelt und keinerlei Interpretationsspielraum duldet. Dieser Gegensatz ist wie Feuer und Eis, rüttelt auf und geht durch Mark und Bein. Köck erzeugt durch diese Disparität eine Spannung, die in keiner Minute nachlässt, dem Abend einen großen Bogen gibt, der schlicht gefangen nimmt und Aufmerksamkeit förmlich erzwingt.

Der Autor ist auch Regisseur und gestaltet mit seinem Team einen Abend, der alle Sinne anspricht. Bis zur siebten Reihe ragt ein Laufsteg ins Parkett, der große Auftritte für große Monologe ermöglicht. Dort brechen aus Ophelia sämtliche Einschätzungen über das männliche Wesen hervor. Elzemarieke de Vos outet sich intensiv und vor Wut kochend als glühende Feministin. Dem kann Gert, die Witwe des Firmengründers nur beipflichten. Doch ist ihr Begriff des Feminismus stark verknüpft mit einer Portion Pragmatismus. Ansgar Sauren ist als Witwe 'ne ganz schön coole Socke.

Wie Gert ist auch der böse Onkel Claude in üppige Alu-Folie gekleidet. Ilja Harjes gibt ihn vorgeblich machtbesessen, aber mit deutlich zu spürenden Brüchen in seinem Selbstbewusstsein. Aber überhaupt: Die Kostüme Martin Miotks könnten ausladender, ja überladener gar nicht sein. Da funkelt und glitzert es in Grün und Rot. Auch das trägt zur großen Show bei, die da im Großen Haus abgeht.

Die Stimmung wird angeheizt von Polonius, der die Firma schon lange als sein Eigentum betrachtet und gnadenlos seinen Sohn in die Welt schickt, damit dieser entdeckt, dass es keine lebenswerte Existenz außerhalb des Bunkers mehr gibt. Julius Janosch Schulte gibt den Polonius in gleißendes Rot gewandet unerschütterlich bis zum Schluss, während Alaaeldin Dyab durch seine Reise völlig verunsichert und außer sich ist.Gnadenlos trommeln die Perkussionisten Rafael Rodriguez da Costa und Tobias Zorn den Weg ins Verderben - machen einen Höllenlärm.

Im Mittelpunkt steht Hamlet, der Firmenerbe. Er erkennt die Verderbtheit seiner Mischpoke, erliegt auch ein wenig den Einflüsterungen des Geistes seines Vater. Der ist inzwischen mit der unseligen Firmen-KI verschmolzen. Deshalb kann ihn auch sein Freund Horatio, der an Hamlet auch sexuell interessiert ist, nicht vom Gedanken an Rache abbringen. Katharina Rehn ist tatsächlich die einzig selbstlos handelnde Figur in diesem Spiel.

Mateja Meded ist ein rastloser Hamlet, der sich dem laufenden Spiel nicht zu entziehen weiß und das Ganze nur beenden will. So kommt es auch am Ende zum Massenmord mittels einer absinthgrünen Flüssigkeit. Die trinken alle brav. Übrig bleiben nur Hamlet und die KI. Da entscheidet Hamlet, sich nicht länger beeinflussen lassen zu wollen. Er verlässt die Bühne. Zurück bleibt die KI, die keiner will und braucht. Wo ist ihre Daseinsberechtigung?

Thomas Köck zeichnet am Schluss eine Aussteiger-Geschichte - insgesamt aber für einen faszinierenden Theaterabend, der gefangen nimmt, in jeder Minute alle Sinne fesselt. Da ist von Ablenkung und Ermüdung keine Spur.