Wir brauchen neue Formen
Sommerfrische auf dem Lande. Man wünscht sich einige Wochen gelassener Heiterkeit, fern vom Trubel und der Hektik der Stadt. Auf dem Gut des Rentiers Sorin versammelt sich eine Gesellschaft von Intellektuellen, Künstlern und solchen, die es werden oder dazu gehören wollen. Da ist Sorins Schwester Arkardina, eine berühmte und gefeierte Schauspielerin, mit ihrem Liebhaber, dem erfolgreichen Schriftsteller Trigorin. Ihr erwachsener Sohn Kostja will auch Schriftsteller werden, verachtet aber auch zugleich die Kunst seiner Mutter und Trigorins, die er als „Routine, alberne Konvention“ beschreibt. Nina, die Nachbarstochter, in die er verliebt ist, soll in seinem Stück einen szenischen Monolog sprechen. Es ist ein einziger Protest gegen die Theaterform, der seine Mutter ihren Erfolg verdankt. Fordert Kostja doch: „Wir brauchen neue Formen… Und wenn es die nicht gibt, brauchen wir besser gar nichts.“ Zu Beginn schaut man etwas erstaunt auf das ungewöhnliche Bühnenbild. Kostja stellt ein großes Gemälde, das den See und die bewaldeten Ufer zeigt, vor einen Lattenzaun, der die Spielfläche nach hinten begrenzt. Dahinter sieht man Teile von echten Bäumen. Er will vor dieser Kulisse sein Theaterstück aufführen. Die Aufführung gerät zum Eklat. Arkardinas vernichtendes Urteil, das Werk zeige keineswegs neue Fomen, sondern lediglich einen „verwirrten Charakter“, teilen die meisten der Zuschauer. Nur der Arzt Dorn, ein in die Jahre gekommener Frauenheld, lobt Kostja: „…es war ein starker Eindruck. Sie haben Talent, Sie müssen weitermachen.“
Frey hat mit Anna Schudt eine exzellente Wahl für die Rolle der Arkadina getroffen. Sie dominiert – in rotem Kleid und roten High Heels – vom ersten Moment an, in dem sie die Bühne betritt. Es ist höchst spannend, ihren Kommentaren zu folgen und ihre Mimik zu betrachten. Wann immer sie präsent ist, bildet sie den Mittelpunkt der Gesellschaft – ganz im Gegenteil zu Kostja (Marin Blülle), der immer allein bleibt. Auch optisch bietet er einen Kontrast zu seiner Mutter. Bieder in Beige gekleidet, bequeme, breite Schuhe, ein blasser junger Mann mit Halbglatze. So gar nicht den Habitus eines Erfolgsmenschen darstellend. Nina (Sera Ahamefule) überzeugt als junge Frau, die von der Magie des Theaters angezogen wird, aber letztlich in der Großstadt scheitert. Verführt von Grigorin (Guy Clemens), dem erfolgreichen Schriftsteller, der ständig über seine Kunst und neue Projekte schwafelt. Und natürlich Nina verlässt, denn Arkadina ist sein, wie er meint, ebenbürtiger Lebensmittelpunkt. Roland Kukulies gibt Sorin, Arkadinas Bruder. Obwohl er gern lamentiert, was er alles im Leben versäumt habe und dass er nun als Pensionär endlich leben wolle, wird er fast zur Witzfigur, da er viel palavert und dann einschläft. Der Arzt Sergejewitsch Dorn wird von Claudius Körber eher zurückhaltend gespielt. Auch Langston Uibel als Lehrer Semjon hat eher kurze Auftritte, aber verkörpert den von finanziellen Sorgen und der vergeblichen Liebe zu Mascha, der Tochter des Gutsverwalters (mal trotzig-energisch, dann verzweifelt: Linda Rohrer) gequälten jungen Mann sehr gut. Thomas Wittmann gibt den Verwalter, der immer wieder seine Erfahrungen aus der Welt des Theaters vortragen will, auch wenn er nur auf Desinteresse stößt.
Insgesamt aber bietet sich ein sehr überzeugendes Panorama dieser Gesellschaft, in der alle irgendwie an unerwiderter Liebe und unerfüllten Hoffnungen leiden.
Das überaus starke Ensemble und die Regie bekamen reichlich Applaus und Standing Ovations. Ein Abend, den man nicht so schnell vergisst.