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Die Gerechtigkeit ist ein so komplexes und ambivalentes Konstrukt, dass das objektive Sprechen von Recht beinahe an Unmöglichkeit grenzt. Und dennoch ist es für unser allgemeines Zusammenleben in der Rechtsstaatlichkeit so unerlässlich, dass es Menschen gibt, die unsere Regeln und Gesetze auslegen, überprüfen und anwenden. Als Richter bzw. Richterin hat man damit grundsätzlich keine einfache Aufgabe, insbesondere, wenn das Recht dann auch noch mit eigenen Idealen, dem Selbstbild oder der Lebensrealität kollidiert.
Ein Umstand, der sich oft durch Suzie Millers Stücke zieht. 2023 verzeichnete die australische Dramatikerin und Juristin erste Erfolge im deutschsprachigen Raum mit ihrem Stück Prima Facie. Es gab kaum ein Theater, in welchem der feministische Monolog nicht zu sehen war und auch ihr neuestes Werk Inter Alia findet sich auf bereits 12 Spielplänen in Deutschland. In London für den Laurence Olivier Award als bestes neues Stück (Best New Play) nominiert, brachte das Werk der dortigen Hauptdarstellerin Rosamund Pike den Preis als beste Schauspielerin (Best Actress) ein. Das Düsseldorfer Schauspielhaus bringt Inter Alia jetzt als deutschsprachige Erstaufführung auf die Bühne.
Auch in Inter Alia bleibt sich Suzie Miller ihrem Erfolgsrezept treu und thematisiert als ehemalige Strafverteidigerin mit Fokus auf Sexualdelikten wieder einen konkreten Fall aus spannenden Blickwinkeln. Im Mittelpunkt steht dabei Jessica Parks, eine Richterin, die selbst an diversen Sexualdelikten arbeitet und ihre Karriere beinahe mühelos mit ihrem Leben als Mutter, Ehefrau und insbesondere auch mit ihren feministischen Idealen vereinen kann. In “ihrem Gerichtssaal” lässt sie listigen Anwälten nichts durchgehen und setzt sich im Namen der Gerechtigkeit insbesondere für die “vulnerablen Gruppen” ein. “Ich muss die Zeugin beschützen” beteuert sie und freut sich, wenn die Jury endlich einen seltenen Schuldspruch in einem Vergewaltigungsfall fällt. Jessica Parks wirkt wie das Epitom einer erfolgreichen Powerfrau, aber schnell wird klar, dass sie dennoch dem Patriarchat unterliegt; völlig selbstverständlich regelt sie den Haushalt, löst nebenbei alltägliche Probleme Ihres Mannes Michael und Ihres Sohnes Harry und leidet, beinahe ohne es zu merken, an dem allgemeinen Druck, den die Gesellschaft auf sie als Frau und Mutter ausübt. Permanent ergründet Jessica, ob sie eine gute Mutter ist, die ihrem Sohn eine eloquente feministische Erziehung nahebringen konnte und muss doch konsterniert feststellen: „Mein Leben dreht sich im Grunde nur um die Bedürfnisse anderer.” Ausgerechnet ihr Erfolg als Richterin sorgt für Spannungen in ihrer Ehe. Michael, selbst Anwalt, aber nicht zum Richter ernannt, sprudelt förmlich vor Microaggressionen, die permanent mitschwingen und auch nicht abflachen, nachdem die Familie eine folgenschwere Nachricht erreicht: Harry soll eine Mitschülerin bei einer Party vergewaltigt haben. In Jessica kollidieren ihre Rollen als Mutter, Frau und Richterin und rufen einen Konflikt in ihr hervor, der ihre Sicht auf ihre Familie, sich selbst und ihre Ideale vollkommen umstößt.
In Anna Stiepanis Inszenierung am Düsseldorfer Schauspielhaus spielt Meike Droste Jessica Parks in einer stilisierten Holzwohnung. Den Mittelpunkt der Bühne von Thurid Peine bildet dabei die große Kücheninsel, die regelmäßig zum Gerichtspodium wird, wenn Meike Droste in typisch weißer Richterperücke von vergangenen Fällen berichtet. Videoprojektionen bilden hingegen den Hintergrund anderer Szenen, wie bspw. Flashbacks aus Harrys Kindheit und Erziehung. In durchgehend prosaischer Erzählform, die stark an einen Bericht erinnert, führt Meike Droste durch den etwa zweistündigen Abend und wird dabei von Philipp Hauß als ihren Mann Michael und Theo Thun als ihren Sohn Harry begleitet. Philipp Hauß spielt Michael als unaufdringliches, fast etwas kindsköpfiges Beiwerk. In gewisser Selbstgerechtigkeit trägt er ein Shirt mit der Aufschrift „The Future is Female” und behauptet ebenfalls seinen Sohn feministisch erzogen zu haben. Dabei wird allerdings schnell klar, dass der Großteil der Erziehung wohl eher von Jessica bewerkstelligt wurde und insbesondere heikle Themen wie Pornographie und Sexualität an ihr hängengeblieben sind, während Michael sich raushielt. Dass seine Frau eine größere Karriere als er selbst erreicht hat, scheint permanent an seinem männlichen Ego zu kratzen und schwingt unentwegt mit. Nicht boshaft, stattdessen aber internalisiert, begleitet nicht nur ihn, sondern auch seinen Sohn Harry, eine gewisse sogenannte weaponized incomptence. Theo Thun als Harry gleicht damit seiner Vaterfigur in einer fast schon aggressiven Passivität, die insbesondere das Handeln seiner Mutter forciert. Auch er wirkt dabei nicht böswillig, sondern eher wie ein typischer, mürrischer und verschlossener Teenager. Wie in einer durch und durch eingespielten Familie weiß Meike Droste als Jessica Parks mit ihren Männern umzugehen, aber infolge der Vergewaltigungsbeschuldigungen gegen ihren Sohn hadert auch sie sentimental mit allen ihr verbundenen Sicherheiten. „Ich bin so eine verlogene Feministin”, resigniert sie und schaukelt sich zwischen kämpferischer Verteidigung Ihres Sohnes, harschen Selbstvorwürfen und wütender Verzweiflung hin und her. Dabei ist sie dem Publikum gegenüber permanent so offen und emotional nah, dass ihre Entscheidungen und Handlungen zu jedem Zeitpunkt nachvollziehbar und schlüssig wirken. Meike Droste schafft es somit, eine allgemeine Empathie zwischen ihr und dem Publikum zu erzeugen, die unter Anbetracht der Themenfülle besonders große Wirkung entfaltet.
Angesprochen werden neben allgemeinen Diskrepanzen innerhalb des Patriarchats auch konkrete Themengebiete, wie internalisierte Misogynie, Konkurrenzkultur innerhalb von Ehen und die Auswirkungen von Social Media auf junge Erwachsene in Bezug auf ihre Sexualität und ihr Menschenbild. Nachdem Jessica den Computer Ihres Sohns durchsucht, verweist sie auf die “Bro-Zone” bzw. “Manosphere”, in der sich junge Männer in extremsten Fällen zwischen Malefluencern und Incels antifeministisch radikalisieren. Diese Entdeckung könnte ein Indiz für eine potentielle Schuld sein, allerdings findet sich keine weitere Ausarbeitung dieses Themengebiets. Auch sonst werden wichtige Punkte, wie allgemeiner Druck durch Peergroups auf junge Erwachsene, oder mögliche Schuldbeteiligung durch mangelnde bzw. unzureichende Erziehung glaubhaft und passend eröffnet, aber nicht weiter thematisiert. Das Stück bietet somit diverse Ansätze, die zu ergründen nicht nur naheliegend, sondern auch sinnvoll gewesen wären, belässt es aber bei den glaubhaften und vom Ensemble nachdrücklich gespielten Impulsen.
Anna Stiepanis Inszenierung greift Suzie Millers schnellen und emotionalen Ton auf und stellt den Abend als gespielten Bericht in Szene. Die prosaische Erzählform wirkt dabei an vielen Stellen zwar etwas künstlich und holprig, wenn es bspw. heißt: „Ich stellte fest, wir brüllen”, nachdem das Publikum soeben Zeuge dessen wurde, büßt dadurch aber nicht an Emotionalität ein. Stiepani schafft es, die Spannung um die Auflösung bzw. Wahrheit über den Fall in Balance mit den eigentlichen Fragestellungen und Konflikten des Stücks zu halten. Auffällig ist aber, dass bei aller Ernsthaftigkeit gewisse Szenen gewollt humoristisch aufgeladen wurden, indem bspw. einige Lieder mit ironischem Text wie Tom Pettys Free Fallin, Britney Spears Hit Me Baby One More Time oder Dolly Partons Jolene schräg und ohne Kontext dargeboten werden. In die Musikalität reiht sich ebenfalls eine übertriebene Karaoke-Einheit mit Lokalkolorit, Glitzershirt und Glitzermikrofon zu Don’t Stop Me Now von Queen ein. Der „Höhepunkt” der Comedy findet sich wohl aber in der häufigen Erwähnung des Wortes „Penis” bzw. später vermeintlich kindgerechten Form „Pullermann” Typisch für Anna Stiepanis Inszenierungen endet der Abend natürlich mit einer ordentlichen Portion Kitsch: eine Videoprojektion von spielenden Kindern untermalt von einem gefühlsduseligen Lied.
Inter Alia bedeutet so viel wie „unter anderem” und findet sich häufig - wie sollte es anders sein - in juristischen Texten wieder, dort signalisiert der Begriff in der Regel eine nicht abschließende Aufzählung. Das passt natürlich zu den im Stück aufgeworfenen Ansätzen, die sicher keinen abschließenden Katalog aufzeigen, allerdings auch eine reine Aufzählung ohne weitere Erörterung bleiben. Die Inszenierung am Düsseldorfer Schauspielhaus verdichtet insgesamt mit großer Empathie einen immens aktuellen feministischen Text durch präzises Spiel zu einer tiefgreifenden Emotionalität voller Impulse - unter anderem.