Übrigens …

NÔT im PACT Zollverein, Essen

Bestialität und Raserei

NÔT ist das kapverdisch-kreolische Wort für Nacht. Gleich von 1001 Nächten will sich die Choreografin Marlene Monteiro Freitas inspiriert haben lassen: von Sheherazade, die sich durch das Erzählen immer neuer Geschichten und dem geschickten Aufbau von Spannung der drohenden Ermordung durch den blutrünstigen Sultan Shahriyar entzieht. Der nämlich killt nach vollzogenem Sexualakt jede Nacht eine neue Ehefrau. Die Geschichtensammlung, die der Schreiber dieser Zeilen in vermutlich entschärfter Fassung als Kind gelesen hat und die u. a. als ein Beispiel für orientalische Romantik gilt, entsteht vor dem Hintergrund eines mit Angst vor weiblichem Ehebruch begründeten Serien-Femizids.

Ganz ehrlich: Auf Sheherazade und 1001 Nacht wäre der Rezensent bei Freitas‘ verrätseltem, sich jeder Interpretation verweigerndem performativem Theaterabend nie und nimmer gekommen. Weder bietet die Inszenierung größere Anteile an orientalischen Bildern oder Musikeinlagen noch huldigt sie der Romantik. Märchenhaftes hat sie … vielleicht. Schließlich sind Märchen meistens böse. Brutale Bilder werden wir zu sehen bekommen - oder zumindest imaginieren; die Inszenierung (sie ist mehr Bewegungstheater als Choreografie) entwickelt immer wieder eine totalitäre, ja faschistoide Ästhetik. Das Bühnenbild lässt sich tatsächlich als Metapher für die prekäre Situation Sheherazades lesen. Die hübsche Märchenerzählerin war in Sultans goldenem Käfig immerhin drei Jahre lang ihrer Freiheit beraubt. Es steht zu befürchten, dass sie damals Nacht für Nacht von einem sexuell hyperaktiven König in die Kissen geworfen wurde. In Yannick Fouassiers Bühnenbild für Freitas‘ Choreografie stehen zahlreiche Betten in einem wenn nicht vergitterten, so doch mit mehreren verschiebbaren Gittern ausgestatteten Raum, der die Anmutung eines Gefängnisses hat - im besten Falle die einer psychiatrischen Klinik von anno dunnemals. Ob die drei gelegentlich mit kindlich-naiven Puppenmasken auftretenden Performer und Performerinnen (die Geschlechtergrenzen verschwimmen in Freitas‘ Choreografie teilweise bis zur Unkenntlichkeit) Sheherazade darstellen sollen?

Kann sein, muss aber nicht. Schönheit jedenfalls verkörpern sie nicht; eher sind sie als Geister maskierte Figuren aus dem kapverdischen Karneval, den Freitas hier wie in den meisten ihrer Arbeiten zitiert. Unter ihren Kolleginnen und Kollegen sind die drei noch die netter anzuschauenden Monsterfiguren. Es ist eine alptraumartige Welt, die Freitas uns zeigt, eine Welt voller Gewalt und voller Blut, in der die Lebewesen schmerzhafte Operationen am offenen Herzen durchführen (oder handelt es sich in diesen Szenen gar um Kannibalismus?), in der sie einander die Augen ausstechen. Beherrscht wird diese verrückt gewordene Welt, die keine Moralbegriffe zu kennen scheint, von durchgeknallten Diktatoren, die wie schon bei dem einige Jahre alten „Mal“ mit beeindruckender Präzision, virtuosen Bewegungen und im wahrsten Sinne des Wortes irrsinniger Raserei von der schwerstbehinderten Mariana Tembe gespielt wird. Die besitzt keine Beine und wirbelt trotzdem wie ein Irrwisch über die Bühne. Was in den Betten passiert, wollen wir lieber nicht wissen: Blutbeschmierte Laken und Bettdecken werden gewechselt; Tembes Kleidung weist plötzlich riesige Blutflecken in der Region ihrer Vagina auf. Vergewaltigt der Sultan auf den eher unbequem aussehenden Liegen Nacht für Nacht seine neuen Schätzchen?

Man weiß es alles nicht. Es gibt Szenen, die in ihrer Hässlichkeit faszinieren, und es gibt Szenen, die abstoßen bzw. die Geduld des Publikums strapazieren. Letzteres trifft vor allem auf die langanhaltenden Fäkal-Fakes zu Beginn zu, die zum Teil mitten im Publikum performt werden. Es gibt einen Soundtrack, dessen bestialische Lautstärke es auszuhalten gilt, obwohl er unter anderem Strawinskys „Les Noces“ sowie kreolische und spanische Folklore zitiert und sicher auch schön sein könnte. Nick Caves „Mercy“ ist musikalisch ja auch kein schlechter Wurf, aber der Text passt schon eher zu den düsteren, manchmal erschreckenden Bildern der Aufführung. Gelegentliche harmonische Streichertöne (vor allem zu Beginn) werden urplötzlich unterbrochen von wilden Trommelwirbeln, so wie auch die Bilder der Inszenierung oftmals extrem abrupt wechseln. Sogar die Trommler drücken mit ihrer Mimik oft Bedrohliches aus.

Bei all dem, man glaubt es kaum, gibt es auch kurze Momente von Humor. Es gibt schöne Momente: gleich beim Einlass zum Beispiel, wenn der gutaussehende, androgyn wirkende Joãozinho Costa im weißen Miniröckchen zwischen Gittern, Betten und Wäschekörben tänzelt. Wenn bei Freitas diesmal schon nicht die tänzerische Virtuosität im Vordergrund steht, so sind es verwirrende Bilder, die überraschen: Ganz normal gebaute Tänzer scheinen plötzlich genau wie Tembe keine Beine mehr zu haben und zappeln mit ihren Stümpfen – erst nach längeren Schreckmomenten entdeckt man den einfachen Trick, mit dem die Performer diese Illusion hervorrufen.

 

Die Stringenz und die Zugänglichkeit von Freitas‘ grandiosem Werk „Mal - Embriaguez Divina“ (siehe hiererreicht NÔT nicht. Aber die unfassbar energetische Performance des achtköpfigen Ensembles, die eine vom Teufel besessene Karnevalswelt auf die Bühne bringen, ist bewundernswert ja: in ihren besten Momenten sogar mitreißend.