Vom schönen Tiefsinn eines scheinbar Heiteren
Mit einem langen Triller betritt der Solist die Szene – musikalisch und szenisch. Ihm gehören jetzt Klangraum und Bühne, das Tanzensemble bietet nurmehr den Rahmen. Der legendäre, im Jahr 2004 verstorbene Choreograf Uwe Scholz hat gerade im ersten Satz seines Jeunehomme-Balletts den Solopart von Mozarts gleichnamigem Klavierkonzert in Bewegung umgesetzt. In Dortmund bildet das Stück nun den Zielpunkt der dreiteiligen Hommage Tribute to Mozart. Und Antonio Ferreira ist mit der scheinbaren Leichtigkeit seiner Sprünge und Pirouetten ein perfektes Pendant zum Komponisten.
Die emotionale Tiefe des nur oberflächlich so heiteren Klassikers indes zieht sich als roter Faden durch die drei Stücke. Natürlich im Pas de deux des zweiten „Jeunehomme“-Satzes, und gewissermaßen mit Händen zu greifen in der Uraufführung get home safe vor der Pause: Die amerikanische Choreografin Tess Voelker hat gemeinsam mit der Dortmunder Compagnie ein improvisatorisch geprägtes Stück entwickelt, das den „Lacrimosa“-Satz aus Mozarts Requiem zum Ausgangspunkt nimmt. Spannend ist, wie Musikbearbeiter Eriberto Carvalho die einzelnen Klänge von Mozarts Schmerzensmusik in Zeitschleifen überführt, die erst allmählich das kompositorische Material erkennbar werden lassen. Die Tänzerinnen und Tänzer gehen dazu über die Bühne des Opernhauses, finden sich in verschiedenen Konstellationen und sind doch stetig auf einer Sinnsuche. Auf die sich hier allerdings auch das Publikum begeben muss.
Kurioserweise macht das Eröffnungsstück des Abends den größten Effekt. Zum 200. Todestag Mozarts hatte der tschechische Choreograf Jiri Kylian 1991 sein Petite Mort für die Salzburger Festspiele geschaffen, jetzt erlebt es (wie das Werk von Uwe Scholz) seine Dortmunder Erstaufführung. Schon die Idee, den traurig-schönen Mittelsatz aus Mozarts A-Dur-Klavierkonzert KV 488 mit dem heiter-gelösten Gegenstück aus dem C-Dur-Konzert KV 467 zu kombinieren, fasziniert. Wie dann aber sechs Tänzer mit ihren Degen die im Titel angesprochene Todessphäre aufscheinen lassen und im ironischen Gegensatz dazu sechs Tänzerinnen in Rokoko-Kleidern über die Bühne „fahren“, das verbindet Tiefsinn und Witz auf hinreißende Art. Zumal sich die Kleider ebenso leicht wie die Degen ablegen lassen, weil sie nur rollende Fassaden vor den Tänzerinnen sind. So dass nun sechs fast nackt anmutende Paare ihr Spiel von Distanz und Nähe treiben können.
Schon hier jubelte das Premierenpublikum, was sich am Ende des Abends nach dem fulminanten Finale des „Jeunehomme“-Schlusssatzes mit seinem eingelagerten elegischen Moment natürlich noch steigerte. Mozarts Partitur als Bühnenbild bildete dazu den idealen Hintergrund.