Übrigens …

Amor/Absicht im Theater Münster

Die Liebe und all das Andere

Lieblich schnulzt es aus den Lautsprechern, ein altes Liedchen über das „Dankeschön“, zu dem sich Paare finden, lieben, trennen… Auf die Bühnenwand sind schriftliche Sprüche gepappt, mit denen Liebeswillige ihre Neigungen und Abneigungen kundtun: „Sonne und Urlaub“ gegen „Socken in Sandalen“. Auch ein Tänzer präsentiert solche Tafeln. Hier werden offenbar Partner gesucht.

Welch seltsame Sache die Liebe ist, spielt der spanische Choreograf Gustavo Ramírez Sansano in der ersten Hälfte des neuen Tanzabends Amor/Absicht am Theater Münster durch. Tatsächlich ist El Amor ein spielerisches Vergnügen, das auf schwarzweißer Bühne mit dem hübschen Spiel der Paare beginnt und dann plötzlich einen starken Akzent durch die rot gekleidete Frau erhält. Ihr folgen weitere bunte Tänzer, in synchronen Bewegungen ziehen sie am Publikum des Kleinen Hauses vorbei: ein humorvoller Effekt, der dann aber wieder von einem intensiven Liebestanz abgelöst wird.

Das für Münster adaptierte Stück wird mit einer Neukreation Lillian Stillwells zur Uraufführung, deren Prinzip ein starker Kontrast ist. Dem spielerischen Charme der ersten Hälfte stellt Münsters Tanzdirektorin ihr wuchtiges Geschehen gegenüber, das schon musikalisch eine andere Sprache spricht. Die rockigen Klänge der Band „Why Not“ mit ihren knackigen E-Gitarren bekommen ihr szenisches Pendant in der Kraft, die Stillwell hervorruft, in den Trommelgesten, mit denen Tänzer zeitweise ihre Körper traktieren. Wie im ersten Teil gibt es keine Handlung, sondern eine assoziative Folge von Szenen, die sich hier allerdings einer Kreisbewegung zuordnen lassen: Mit dem Schrubben des Bühnenbodens beginnt Lillian Stillwells Land of Lakes, eine Hommage an ihren Heimatstaat Minnesota - und wenn am Ende, nach intensiven Soloszenen und einem Ensembletanz in Rockkonzert-Stimmung, der mit Wasser und Farbe besprenkelte Boden die Geschichten vieler Lebensereignisse erzählt, könnte wieder geschrubbt werden.

Die Zuschauer*innen erleben in gut 90 Minuten also große emotionale Gegensätze in zwei Teilen, die einander ergänzen. Das kurze Sprach-Einsprengsel in einem stillen Moment des Stillwell-Stücks gerät allerdings weniger überzeugend als zuvor der überraschende Rede-Teil in El Amor, in dem Sätze über die Liebe fallen wie „ein Wunder, wenn sie gelingt, verheerend, wenn sie scheitert“. Da fügt sich eine fast kindliche Wahrhaftigkeit schön in den Kontext der spanischen Lieder oder die Innigkeit eines Schubert-Klaviertrios. Das Ensemble von „Tanz Münster“ tanzt und singt (!) all die unterschiedlichen Aspekte von Liebe und anderen Ereignissen des Lebens so hinreißend gewitzt wie athletisch beeindruckend. Das Premierenpublikum jubelt.