Übrigens …

Costal souls – mermaid echoes im Düsseldorf, Forum Freies Theater

Archetypische Frauenfiguren zwischen Land und Meer

Die Bühne, ein Stück unaufgeräumte Küste, dahinter in ganzer Breite Meereswellen auf der Videowand. Eine Frau tritt auf, stellt sich vor als Jaqueline Fischer, Choreographin des Abends. Sie erzählt, dass das Theater der Klänge für dieses Stück ganz unterschiedliche Küsten Europas besuchte: die eisige Barentsee in Norwegen, die mythenumwobenen griechischen Inseln und die windgepeitschten baskischen Strände. Überall an diesen Meeresküsten - sei es an der Nordsee, am Mittelmeer oder am Atlantik - erkundeten sie das Leben der dort wohnenden Frauen.

So entstehen auf der Bühne Bilder aus wahren Geschichten, die - auf Norwegisch, Französisch, Spanisch oder Griechisch erzählt - groß in Deutsch an die Wand projiziert werden. Dabei verschmelzen die Lebensrealitäten einer Sardinenfabrikarbeiterin, einer Mutter mit kleinen Kindern und einer Kapitänsfrau poetisch verdichtet mit historischen und mythischen Figuren zu einer ergreifenden Bewegungs- und Klangwelt. Langsam füllen sich Bühne und Saal mit Klängen, Geräuschen, die alles in einen einzigen Klangraum aus dem Rauschen von Wind und Meer mit Möwengeschrei verwandeln (Klangraum komponiert und live realisiert von Jörg U. Lensing). Auf einem Felsbrocken schaut eine Frau zunächst sehnsuchtsvoll hinaus aufs Meer, trifft dann auf drei weitere Coastal Souls – Küstenseelen (grandios ertanzt von Mariane Verbecq, Julia Monschau, Ángela Matabuena, Antonia Thomsen). Gemeinsam beginnen sie zu räumen, sich Arbeitskittel überzuziehen und in kraftvollen Bewegungen das Bild eines harten Arbeitstages bis zur Erschöpfung zu performen. Im Sound wird die Küstenidylle abgelöst von brutaler Fabrik – und Maschinenwirklichkeit: erschütterndes Dröhnen, harte Schläge, verfremdendes Strömen vor schemenhaften Gerüsten auf der Videowand im Hintergrund (Video-Szenografie: Varun Krishan).

Grandios, wie atmosphärisches Sounddesign, Video-Szenografie und Tanzperformance ineinandergreifen, wie die einzelnen Künste miteinander verschmelzen und uns ohne Brüche durch die unterschiedlichsten Welten führen. So folgt auf den harten Arbeitsalltag durchaus die Freizeitidylle – allerdings mit ironisch kritischem Seitenhieb auf den heutigen Touristenkonsum; oder es folgt auf die dokumentarischen Interviewzitate die Verzauberung in Traum- und Mythenwelten, in denen die Arbeiterin auf die verschleierte Aphrodite trifft, Sirenen auftanzen und Nixen scheinbar dem Wasser entsteigen und versuchen, sich in menschliche Wesen zu verwandeln. Bei Jacqeiine Fischer erscheinen die Meerjungfrauen im Sinne Jahrtausende alter Mythen als Mischwesen, als Grenzgängerinnen zwischen den Welten, zwischen Mythos und Realität. Die Tänzerinnen setzen diese Doppelzugehörigkeit körperlich um. Sie „bewegen sich in einer Sprache, die zwischen Zeitgenössischer Tanzkörperführung, Volkstanzfragmenten und der körperlichen Geometrie im medialen szenografischen Raum vermittelt“ (so im spärlichen Begleitmaterial) - das alles in geheimnisvoll gedämpftem Licht.

Dabei wechseln auch die Jahreszeiten: leicht und spielerisch die Sommerzeit, einförmig und frostig der Winter. Erschreckend aufbrausend ein Unwetter mit drohendem Schiffbruch: Hintergrund für jugendliche Rebellion und aufbrausende Revolution.

Was fehlt – und fehlen darf – ist eine fortlaufende Geschichte, ein narrativer Bogen, der den Zugang zu den einzelnen Bildern erleichtern könnte. Vielmehr bringt das Theater der Klänge einen faszinierenden Bilderreigen zum Leben und Leiden starker Frauen an den Küsten Europas auf die Bühne. Vier grandios aufspielende Tänzerinnen, emotional gestaltetes Sounddesign, stimmungsvolles Bild- und Lichtspiel schaffen Raum für neunzig Minuten ergreifendes Tanztheater zwischen Dokumentation und Poesie, Realität und Mythos.