Übrigens …

A Year without Summer (gilt) im Asphalt-Festival

Großes Theater mit Triggerwarnungen

Monotone Klänge tönen aus dem Off, Bühnennebel steigt auf, über zwei große Videowände ziehen dunkle Aschenwolken.

Kaum erkennbar löst sich eine Frau aus dem Dunst. Voll bekleidet (für Holzinger-Fans überraschend) berichtet sie vom Jahr 1816, das als „Jahr ohne Sommer“ in die Geschichte einging, nachdem der Himmel nach dem Ausbruch des indonesischen Vulkans Tambora von einer Aschewolke bedeckt war. Die Sonne verschwand, Missernten und Hungersnöte folgten. Die gespenstige Düsternis inspirierte die junge Dichterin Mary Shelley zu ihrem Gruselroman Dr. Frankenstein, in dem sie ein besessenes wissenschaftliches Genie - dem Lebensgeheimnis auf der Spur - aus Leichenteilen ein Monster entwickeln lässt, mit dem er schließlich selbst untergeht. Wenn gegen Ende des Abends ein Drei-Meter-Riese auf der Bühne erscheint, könnte es beides sein: der Wissenschaftler oder sein menschenähnliches Ungeheuer.

An dieses apokalyptische Szenarium knüpft Holzinger mit ihrem Stück A Year without Summer an und schlägt am Ende dieser Einführung mit der Frage: “Was würden wir heute tun?“ den Bogen in unsere Zeit.

Langsam füllt sich die Bühne: Zunächst einzeln, dann in Gruppen tänzeln alle im Alltagsoutfit herein, finden zueinander, umarmen, liebkosen sich: das könnte schon ein Teil der Antwort sein: Wärme, Zärtlichkeit, Gemeinsamkeit. Zu sanfter Live- Musik von beiden Bühnenrändern ziehen sie sich gegenseitig aus. Ganz langsam steigern sich die Bewegungen und Töne: Stöhnen, Schreie, Posaunenstöße, bis hin zum orgiastischen Orgasmus. „The Origin oft he World“ tönt es, mag heißen, Sex als Ursprung der Welt – für Kunstkenner ein Hinweis auf das so betitelte, seinerzeit skandalträchtige Gemälde von Gustave Courbet aus dem Jahr 1866, das den weiblichen Unterleib mit der Vagina naturalistisch darstellt (bis zum 8. November 2026 als Leihgabe des Pariser Musée d’Orsay im Museum Folkwang in Essen zu sehen). Wie zur Beteuerung erscheint ein riesiger aufgeblasener Frauenleib mit gespreizten Beinen mitten auf der Bühne, durch dessen Vulva die Frauen ein- und aussteigen können. Die versammeln sich vor dem Requisit, in ihrer Mitte Florentina Holzinger, die unter qualvollem Stöhnen aus einer frischen Wunde in ihrem Oberschenkel ein Embryo gebiert, was wir allerdings nur in filmischer Großaufnahmen verfolgen können. Ein herrliches theatrales Zitat der griechischen Mythologie: die Schenkelgeburt des Dionysos aus dem Oberschenkel des Göttervaters Zeus, der sich den Embryo nach dem Tod der Mutter Semele dort einnähte und drei Monate austrug. Und während ein blutverschmiertes Wesen hochgehalten wird, was auf den Anfang der Menschheit deuten könnte, heißt es freudvoll: „It is a Musical!“, was dann zweifellos als Motto für die folgenden Episoden zu gelten hat.

Everything is Showbis!“ Es gibt Songs, solo und chorisch, ernst und albern, Tanz, Akrobatik, Grotesken, Freuden- und Ekelszenen: ein ständiger Wechsel zwischen Bedrohung und Hoffnung. Dabei entsteht ein exzessives Bühnenspektakel um die Fragen der Selbstoptimierung, des Körperbewusstseins und der Identität in einer sich ändernden Welt und nicht zuletzt die Hoffnung auf Immortality.

Nervenkitzel darf nicht fehlen: wir sehen zu beim „ultimativen Facelift“, dem Live-Piercing an Braue, Lidern und Backen mit Haken, an denen die Performerin dann hochgezogen wird und am Bühnenhimmel hängt, in dem sie schließendlich verschwindet.

Ganz ohne Männer geht es dann doch nicht, sei es nur als Feindbild. Sigmund Freud muss herhalten. Mit Bart und Schnäuzer, ganz ohne Kunstpenis, taumelt er in lockerem weißem Kittel durch feuchte ödipale Träume, stolpert über Penisneid, Kastrationsangst und Hysterie - auf der Leinwand begleitet von riesigen raubtierbezahnten Vaginen. Doch dann wird es schwer erträglich: übergangslos, auf gleicher Ebene agierend, erscheint der NS-Kriegsverbrecher und Massenmörder Dr, Joseph Mengele, der bis zu seinem Tod 1979 unbehelligt in Südamerika lebte. (Freud entkam dem Regime, während vier seiner Schwestern im KZ ermordet wurden.) Verstörend kommt hinzu, dass die Rolle des Verbrechers in Berlin von der behinderten Schauspielerin Saioa Alvarez Ruiz gegeben wurde, die in Düsseldorf nicht dabei ist.

Neues Bühnenbild: ein raumfüllender Glaskasten, giftgrün ausgeleuchtet, darin gespenstig blinkende Roboter- Vierbeiner, mag sein künftige Höllenhunde, die schließlich von mitleidvollen – vielleicht allzu naiven - Seniorinnen freigelassen werden und herumirren, bis sie zusammenbrechen. Ein Stück gruseliger Zukunft.

Um die Seniorinnen dreht sich dann auch die nächste Episode. Beatrice „Trixi“ Cordua, die seit Anbeginn zum Ensemble gehörte, ist nicht mehr dabei. Ihrer wird gedacht: sie starb dreiundachtzigjährig im letzten Jahr. Es könnte ein feministisches Empowerment jenseits der Achtzig werden. Die Jüngeren tragen weiße Kittel und grüne Netze ums Haar. Betten werden hereingeschoben, die Alten darin gebettet, gewindelt, untersucht, gefüttert, gewaschen. Alles wird protokolliert. Doch plötzlich gerät alles außer Kontrolle. Pflegenotstand? Eine verheerende künstlerische Kack - und Kotzorgie bricht aus. Alle sind betroffen, Jung und Alt. An den Wänden, auf dem Boden ein einziger braungrauer Matsch. In Berlin sollen Fäkalien-Fontänen bis ins Publikum gespritzt haben, davor werden wir in Düsseldorf bewahrt. Endlich fällt aus dem Bühnenhimmel Schnee, deckt alles zu. Auf der oberen Ebene dreht unterdessen eine Schlittschuhläuferin ihre Runden, verschwindet in einem Lichterkreis, mag sein Sonne oder Mond, taucht wieder auf. Alles beruhigt sich: in kleinen Gruppen sucht man sich gegenseitig zu trösten, geht ab. „NO END“ erscheint auf beiden Filmwänden. Die Frau oben auf dem Dach dreht weiter ihre Runden. Zaghafter, unschlüssiger Applaus, dann stürmischer Jubel. Die Frauen kommen zurück, verneigen sich ein einziges Mal. Der Jubel will nicht enden, Standing Ovation. Es bleibt dabei: NO END!

Florentina Holzinger, die in ihren exzessiven Arbeiten den weiblichen Körper von jeglichen Schönheitsnormen und Rollenbildern befreit (so im Programmheft), sprengt mit ihrem Schocktheater auch alle Genrevorgaben und wurde 2026 mit dem Stück zum Theatertreffen nach Berlin eingeladen. Das asphalt Festival begleitet Holzingers Arbeit sei dem Beginn und eröffnet das diesjährige Festival mit dem grandiosen Stück als Koproduktion.