Olé!
Ein bisschen respektlos kommt einem das Publikum im ausverkauften Saal des Choreografischen Zentrums PACT Zollverein vor: Beim lang sich hinziehenden Einlass tanzen Marlene Freitas und Israel Galván schon rund um das einfache, aus Sperrholz- oder Kiefernholzplatten zusammengesetzte Bühnenbild. Sie sehen einander nicht an, aber ihre Bewegungen sind erkennbar professionell aufeinander abgestimmt. Die Zuschauer aber quatschen die Musik nieder, lachen laut miteinander – und haben kein Gespür für die Poesie und den Witz des Bewegungstheaters, das die beiden Performer bereits vollführen. Doch mangelnden Respekt wird man den Leuten bald nicht mehr vorwerfen können. Knapp 90 (statt der angekündigten 60) Minuten später steht der ganze Saal und applaudiert.
RI TE – Lach doch heißt die Choreografie, die die von den Kapverden stammende Choreografin Marlene Monteiro Freitas und der spanische Interpret des Novo Flamenco Israel Galván, beide Weltstars ihres jeweiligen Genres, miteinander entwickelt haben. Und fürwahr, wir haben viel gelacht. Und viel gestaunt sowie uns an der grandiosen Mimik von Freitas und an den zahlreichen, oft nur ironisch angedeuteten Flamenco-Schritten erfreut. Vor allem aber haben wir viel „Olé!“ gerufen.
Das Mini-Sperrholz-Zimmerchen, in dem sich die Tänzer meistens bewegen, ist mit nichts als zwei einfachen Stühlen möbliert. Rundherum erstreckt sich ein riesiger, schwarzer Raum. Das ist nicht nur den räumlichen Gegebenheiten des Essener PACT Zollverein geschuldet, sondern das soll so sein: Das war schon bei der Uraufführung vor einem Jahr beim Festival d’Avignon so, und das war auch bei den zahlreichen Stationen so, an denen die Auftragsarbeit des Théâtre de la Ville Paris seitdem gastierte. Es soll vielleicht die Weltvergessenheit der Tänzer, die ausschließliche Konzentration auf ihren Tanz und auf den jeweiligen Partner aufzeigen, in der die Performerin und der Performer manchmal aufgehen. Dass zwei so unterschiedliche Künstler wie die avantgardistische Choreografin und der König des Flamenco zueinandergefunden haben, scheint ja ein Wunder, aber man spürt ihnen die Freude nicht nur an ihrer Performance, sondern auch den Spaß aneinander an, wenn man ihren unterschiedlichen Interaktionen zusieht, ihren mal synchron, mal gegenläufig choreografierten Bewegungen, ihren kleinen Machtspielchen und ihren Harmonien.
Denn bald nach dem Intro schauen sie einander sehr wohl an. Ganz allmählich scheinen sie sich einander anzunähern – so allmählich wie aus ihren unterschiedlichen Tanzrichtungen (dem performativen choreografischen Theater auf der einen, dem Flamenco auf der anderen Seite) eine gemeinsame Theatersprache entsteht. Irgendwann kommt es sogar zu Fußmassage und anderen Berührungen. Und mit dem Publikum bändeln die Performer auch an: Schnell bringen sie ihm bei, auf winzige Kopf- oder Handbewegungen hin „Olé!“ zu rufen. Und schnell wird das Publikum übermütig. Es wird überraschend selbständig. Spontan werden dann einzelne Zuschauer eingebunden: „Olé!“
Das Publikum hat seine helle Freude an dem Humor, der diese eigentlich so präzise Aufführung dominiert. Schon in den Kostümen kommt dieser Humor zum Ausdruck: Ganz in Weiß gehalten sind ihre sportlichen Overalls eigentlich, aber manchmal trägt Galván dazu eine dunkle lederne Küchenschürze. Zu welchem Behufe, bleibt unklar, ist aber auch egal: Wir schauen auf seine unterschiedlich langen respektive an einer Seite aufgekrempelten Hosenbeine und auf seine pinken Tanzschühchen, die auch als Damenstiefeletten durchgehen würden, und hinterfragen nicht weiter: Wir schmunzeln einfach. Im Haar tragen beide Performer kleine weiße Papierblümchen, die bei Galván an den einstigen legendären Irokesenschnitt von Pascal Hens erinnern. Er trägt den lächerlichen Kopfschmuck mit Würde und macht meist ernste Miene zum anstrengenden Spiel. Ganz im Gegensatz zu seiner Partnerin.
Was die an mimischem Repertoire über die Rampe zaubert, ist nämlich voller Witz – und einfach hinreißend. Sie spielt permanent mit dem Publikum („Ole!“), Sie fordert es heraus, sie bestätigt es, sie tadelt es – und die Leute machen mit. Monteiro Freitas dagegen spuckt aus: Immer wieder fliegen die Kaugummis durch die Gegend. Eklig? Nein, ein clownesker choreografischer Act, irgendwie scheinbar rhythmisch eingebunden. Was natürlich Quatsch ist: Die Wirkung resultiert aus dem koketten Selbstbewusstsein, dass Freitas auf der Bühne demonstriert. Kecke Wurfküsse stehen dem Ausspucken gegenüber: mal als Anerkennung für perfekte „Olé“-Rufe aus dem Parkett, mal als herausfordernde Geste. An einem lässt die Performerin 90 Minuten keinen Zweifel: Die Chefin im Ring ist sie.
Natürlich entstehen bei Galvàns und Freitas‘ vergnüglichem Bewegungstheater auch Bilder, die Assoziationen hervorrufen. Sehr lang, temporeich und virtuos am Schluss, etwas kürzer zu Beginn performen sie eine Choreografie auf Stühlen. Sitzen sie da zu Beginn in einer Kutsche und treiben ihre Pferde an? Woran lässt die militärische Präzision denken, die manche – meist kurze – Passagen prägt? Manchmal glaubt man, auf ironische Weise verschiedene Stadien einer Beziehung gezeigt zu bekommen: Machtkämpfe, aber auch Fürsorge, als Freitas ihren erschöpften Partner zärtlich abtupft. Die Musikauswahl erscheint sehr gelungen; witzig ist die gespielte Überwältigung der Performer, als zur Mitte der Aufführung ein einziges Mal klassische Musik ertönt. Da bekommt die Inszenierung für winzige satirische Momente etwas royal Zeremonielles. Als rhythmischer Resonanzraum aber wird alles genutzt: natürlich die Flamenco-Schuhplattler, aber auch das Rütteln der Stühle, das Schlagen mit Händen, Armen oder auch mal Köpfen an die Sperrholzwände. Die Performance ist von hohem Perfektionsgrad – und scheint doch Raum für Spontaneität und Improvisation zu lassen. Das verzauberte Publikum erhebt sich zu langem Applaus.