Übrigens …

Sieg über die Sonne im Düsseldorf, Forum Freies Theater

Die Nackten kleiden

Als der Rezensent gegen 18.00 Uhr die Spielstätte im Forum Freies Theater Düsseldorf betrat, ahnte er noch nicht, dass er eine Stunde später mit einem Tequila Sunrise und einem Tuna Sandwich in der Hand auf der Bühne stehen und mit den Performern eine Party feiern würde. Ein junger Mann dirigiert unauffällig, wann wir, die wir uns auf die Bühne gewagt haben, mit dem rechten Fuß aufstampfen sollen. Neben mir steht die junge, klein gewachsene Dame, die zuvor einem baumlangen nackten Performer ihre Hose geliehen hatte (naja, er wollte eine Hose, kriegte aber ein, für modische Banausen wie den Schreiber dieser Zeilen, undefinierbares Beinkleid). Die junge Dame hat Pech: Noch steht sie vom Oberschenkel abwärts im Freien, obwohl die meisten Leihgeber bei der Kleideraus- bzw. -rückgabe schon erfolgreich waren. Aber was braucht sie ihre Hose, denn jetzt geht es erstmal zum Schlafen. Die Musikerinnen und Musiker vom Solistenensemble Kaleidoskop sind schon zu Boden gegangen und fiedeln liegend auf ihren Geigen und Celli; wir legen uns dazu - und entspannen.

Peinlich? Das immersive Theater hält sich der Schreiber dieser Zeilen gern auf Distanz, zumindest wenn sein eigener Einsatz gefragt ist. Mehr immersiv als die Feier zum Sieg über die Sonne kann eine Inszenierung allerdings kaum sein als das, was die einstige Berliner Kultgruppe Showcase Beat Le Mot und das estnische Avantgarde-Theater Von Krahl miteinander entwickelt haben. Entspannter allerdings auch nicht: Entspannung ist die Hauptbeschäftigung des Publikums an diesem absurden, skurrilen und ungeheuer sympathischen Abend. Das ahnen wir allerdings noch nicht, als wir geniert zu Boden schauen, während uns splitternackte Menschen um unsere Klamotten bitten.

Die Nackten kleiden“ heißt ein Schauspiel des italienischen Dramatikers Luigi Pirandello aus dem Jahre 1922. Knapp zehn Jahre zuvor hatten Welimir Chlebnikow, Alexei Krutschonych, Kasimir Malewitsch und Michail Matjuschin im vorrevolutionären St. Petersburg ihre futuristische Oper Sieg über die Sonne uraufgeführt. Am 3. Dezember 1913 war die Premiere, am 5. Dezember 1913 die Derniere – für immer. Das Stück löste einen Skandal aus, wurde sofort abgesetzt und vergessen. Lange galt die Partitur als verloren. Später betrachtete Kasimir Malewitsch die Oper als Initialzündung für seine suprematistische Phase; der Sage nach soll der Junge bei dieser Inszenierung zum ersten Mal sein legendäres Schwarzes Quadrat zum Einsatz gebracht haben. In Düsseldorf gibt es gleich mehrere davon – nicht gemalt, sondern gesägt oder geschnitten. Die Quadrate dienen einigen Performerinnen und Performern dazu, ihre Blöße zu bedecken. Dann bauen sie einen Kubus aus den schwarzen Flächen, hocken sich hinein - und plopp, fallen die Quadrate um. Da steh’n sie nun im Freien, so wie Gott sie schuf. Erst formieren sie sich zu ein paar tableaux vivants, aber schnell kommen sie zu dem Schluss, dass es so unbekleidet ja nicht weitergehen kann. Scheu klettern sie über die Theatersessel hinein in die passive Menge und betteln um Kleider. Das klappt erstaunlich gut. Erst spendet einer seinen Schal, dann kommen Jacken, und Pullis braucht man auch nicht im aufgeheizten FFT. Sogar einen Laptop schleppt eine der Performerinnen ab. Aber wer zieht als erstes seine Hose aus?

Nun, irgendwann stehen alle wieder auf der Bühne, abenteuerlich bunt gekleidet in den wild zusammengemischten Klamotten der Zuschauer. Der Bann ist gebrochen, die Immersion perfekt, und die Laune im Publikum glänzend. Was nicht nur an der Ausstrahlung dieser seltsamen Gestalten auf der Bühne liegt, sondern auch an der eine merkwürdige Magie entfaltenden, angenehm skurrilen und großenteils live produzierten Soundscape von Maya Dunietz und dem Ensemble Kaleidoskop. Die Musik wechselt vom nahezu klassischen Kammerkonzert der Streicher zu folkloristischen Trink- und Tanzliedern oder ziellos dahinschwebenden Melodien, schmeichelt aber fast immer dem Ohr. Gekleidet sind die Musikerinnen in einem Stil, der irgendwo zwischen Folklore und Grimms Märchen angesiedelt ist.

Zu gucken hat man also eine Menge – und zu schmecken auch: Mutti, Mutti, Mutti, bitte, bitte, bitte, schmier‘ mir eine Schnitte: Thorsten Eibeler beginnt mit der Produktion von Unmengen an Thunfisch-Broten. Was zu einem erbarmungslosen Verriss der Aufführung durch den Schreiber dieser Zeilen führen müsste, denn der mag keinen Thunfisch. Aber er fühlt sich inzwischen so pudelwohl in dieser tiefenentspannten Atmosphäre, dass er freiwillig in einen sauren Hering gebissen hätte. Außerdem gibt es ja noch Tequila Sunrise…

Was bleibt von Chlebnikow, Krutschonych, Malewitsch und Matjuschin? Nichts – oder alles. Denn auch in ihrer Version von Sieg über die Sonne ging es nicht um einen intergalaktischen Kampf. Der Titel passte einfach so schön zum Futurismus und zur Russischen Avantgarde und hatte ansonsten nur peripher Bezug zur nicht vorhandenen Handlung. Irgendwann im 35. Jahrhundert, so heißt es wohl in der Oper, haben futuristische Kraftmenschen gegen die Sonne gewonnen und diese in ein Haus aus Beton eingeschlossen. Bei Showcase Beat Le Mot und dem Theater Von Krahl werden nicht nur die Nackten vorübergehend in Malewitschs Quadrate eingeschlossen, sondern auch die Musiker momentweise in die verschiebbaren Weidezäune, die die Performer zu immer neuen geometrischen Formen zusammenstellen und die auch mal als Barriere gegen die Zuschauer dienen: In Deutschland seien schließlich viele Menschen ausgeschlossen. Auch die sparsamen Wortbeiträge der Performer beziehen sich entfernt auf das russische Original: Als mein italienischer Sitznachbar einen der um Hosen bittenden Performer nach seiner Herkunft fragt, antwortet der wahrheitsgemäß: „from outer space.“ Sie kämen in friedlicher Absicht, betonen die Aliens, sie wollten „the richest people and bodies with some hair“ retten und vor Gefahren schützen: „We bring you some messages. … And we bring you cancer. But in a good way.“

Unsinn? Ja klar, höherer Blödsinn, wie Schobert & Black es zur Jugendzeit des Rezensenten zu nennen pflegten. Wer will, kann ein bisschen Politsatire heraushören: Die Aliens wollen uns helfen, weil wir nicht mehr einschlafen können: Zu viele Lichter gebe es überall, von Wasserkochern, Fernsehern und anderen Geräten, die an Steckdosen aufgeladen werden und ständig blinken. Sie kommen als Freunde, denn Germany, so wissen sie, ist supercool, weil das Land die besten Autos, das beste Theater und das beste Bier hat. Auch wenn, siehe oben viele Menschen ausgeschlossen sind…

Im FFT wird keiner ausgeschlossen. Manchmal weiß man nicht mehr so genau, wer Zuschauer und wer Performer ist. Jubilierend und harmonisch singt man „Motherfucker!“ oder (als Bar Song Karaoke) „It’s the best day of my life.“ Naja, es ist jedenfalls ein guter Tag. So tiefenentspannt im Theater herumzulungern, macht beinahe glücklich.