Jacques Brel est revenu
Sie kommen alle zu Gehör, die großen Hits unter den Chansons, die der Chronist so liebt: „Ne me quitte pas“ und „Marieke“, „Mijn vlakke land, mijn Vlaanderland“, und natürlich „Le port d’Amsterdam“, „La valse à mille temps“ und „Les vieux“. De regen daalt op straten, pleinen, perken, ja, la pluie est traversière in der offenen Gießhalle des Landschaftsparks Nord: Die Nässe kriecht einem unter die Regenjacke, aber man könnte sich fallen lassen in die wunderbare Musik des Jacques Brel. Bloß: Das könnte man auch zu Hause im Ohrensessel: Kerze an, Kopfhörer auf, ein Glas Rotwein auf dem Tisch – und der Genuss wäre kaum geringer. In Duisburg läuft die Musik nämlich auch nur vom Band. Die Grande Dame der zeitgenössischen Choreografie zuckt dazu im grauen Kostüm mit weißem Haar auf schwarzer Bühne. Irgendwann gehen die Zuckungen in Tanzschritte über. De Keersmaeker übermalt nicht, sie interpretiert nicht, sie bebildert allenfalls ein wenig ihre Emotionen. Das Letzte, was einem zu Brel-Chansons einfallen würde, wäre, dazu zu tanzen, sagt Keersmaekers Partner in dieser Produktion, und die Choreografin ergänzt: Es gehe nicht darum, sich Jacques Brel „anzueignen“, sondern darum, zu untersuchen, wie man seine Energie kanalisieren könne.
Ehrlich gesagt: Der erste Teil von Keersmaekers Tanzabend wirkt ziemlich lieblos und uninspiriert. Im Seitenaus läuft sich jedoch derweil ein junger Ersatzspieler warm und wirft der Chefin ab und zu im übertragebnen Sinne ein paar Bälle zu. Er ist es, der den enttäuschend beginnenden Abend retten wird. Solal Mariotte ist mehr als 40 Jahre jünger als seine Partnerin und Chefin – und er kann Breakdance. Quand Mathilde est revenue, erreicht die Show einen einsamen Höhepunkt: Ausgelassen wirbelt Mariotte über die Bühne, ohne große Hoffnungen scheint er auf Mathilde gewartet zu haben, und nun flippt er vor Freude hochakrobatisch aus. Das ist Street- und Breakdance vom Feinsten, und er animiert das verfrorene Publikum endlich zum Szenenapplaus. Keersmaeker dagegen wirkt konventionell: Zu „Les flamandes“ gibt es ein wenig folkloristisch wirkendes Schnadahüpfln, und selbst als sich die 66 Jahre alte, topfitte und gestählte Dame für zwei Chansons splitternackt auszieht, fragt man sich irritiert nach der dramaturgischen Begründung, aber zur Sensation taugt das nicht.
Nun, auch Brel war ja nicht gerade Avantgarde, und er beschrieb so manches Mal in seinen Liedern eine dörfliche Idylle, die zumindest aus heutiger Sicht ein wenig altmodisch wirkt. Mariotte, der arme Breakdancer, muss da auch schon mal mit heruntergelassener Hose (aber immerhin anbehaltener Unterhose) einen ländlichen Volkstanz persiflieren, und er macht das mit Würde – vielleicht gar mit etwas Ironie?
Gegen Ende, als die Chansons über das Alter und das Sterben kommen, wird die Musik so schön, dass die Leerstellen auf der Bühne nicht mehr auffallen. Immer mehr kommt die Melancholie des verstorbenen Sängers zum Tragen. Sie wird auch in den Schwarzweiß-Videos wiedergegeben: in flämischen Landschaften, die von Regen und Sturmfluten überschwemmt werden, von wogendem Meer, an dem die Performer, dem Publikum den Rücken zuwendend, in die Gezeiten blicken. Das sind ohne Zweifel schöne, zu Herzen gehende Bilder, die bei aller Melancholie Harmonie und Heimatliebe ausstrahlen. Les vieux ne rêvent plus? Doch, der alternde Rezensent gerät ins Träumen…
Für zwei Songs werden auch einmal Live-Aufnahmen von einem Brel-Konzert eingeblendet. Wunderbar bewegt sich De Keersmaeker synchron zu dem großen Liedermacher. Brel danst Rosas – oder Rosas danst Brel, um den Titel eines früheren Tanzabends in Abwandlung zu zitieren. Irgendwie wirken die Filmausschnitte, als müsse man die überschüssige Energie des großen Chansonniers tatsächlich kanalisieren. Aber während Brel energetisch ein bisschen drüber scheint, ist der Tanzabend etwas drunter.