Übrigens …

In Praise of Shadows im Düsseldorf

Urwald und Meer aus Stoff

Mit einer waghalsigen und wahnsinnig aufregenden Deutschlandpremiere hat das Tanzakrobatik-Stück In Praise of Shadows (Lob der Schatten) der schwedischen Zirkuskompagnie Below Zero jetzt an drei Abenden beim diesjährigen Düsseldorf-Festival die Zuschauer in den Bann gezogen und von der ersten Minute an begeistert. Sieben Akrobatinnen und Akrobaten sowie eine Geigerin und ein Schlagzeuger gehören zu den Akteuren im vollbesetzten großen Theaterzelt am Rheinufer im Herzen der Altstadt im Rahmen der 36. Ausgabe des Festivals.

Gleich zu Beginn verwirrt eine riesige, mit grünem in Falten gelegten Stoff bezogene Wand im Hintergrund der breiten Bühne die Besucher. Bis sich dann nach und nach die Darstellerinnen, Darsteller sowie die beiden Musiker aus dem grünen Stoff-Urwald auf die Bühne rollen. Und dann startet das pausenlose 75minütige Tanzakrobatik-Spektakel, bei dem man als Zuschauer gar nicht weiß, in welche Ecke des Geschehens man zuerst schauen soll. Sie werfen sich gegenseitig in die Luft, fangen vor einem Aufprall die schwebenden Akteure wieder auf, sie drehen sich auf dem Boden, stürzen nach oben und werfen sich dem Akrobatikpartner um den Hals.

Das alles wird von einer intensiven, manchmal stakkatohaften Musik und einem fesselnden Gesang begleitet, was die Akteure anfeuert und den Takt vorzugeben scheint. Auch das Publikum zieht da mit und klatscht bei den spektakulärsten Aktionen begleitend mit. Da rollen die Tänzer über den Boden, die zierlicheren Tänzerinnen werden über mehrere Meter geworfen und wieder aufgefangen. Pyramiden aus zwei, drei Akteuren werden gebaut und wieder abgetragen. Dann gibt es eine scheinbar zufällige Partnerwahl, es entstehen drei Paare, die nicht neben-, sondern aufeinander stehen und einen Tänzer alleine zu bedrohen scheinen.

Der scheint verängstigt. Versucht, der aggressiven Übermacht zu entkommen und wird doch immer wieder von ihr eingeholt. Ängstlich rollt und robbt der Bedrohte immer stärker zum Bühnenrand, wird ein gekesselt, bis er sich endlich aufrichtet und den Drohenden seinerseits aggressiv entgegen tritt, die dann schließlich von ihm ablässt. Sicherlich eine von ganz vielen ergreifenden Szenen des Stücks, die immer wieder vom Applaus des Publikums begleitet wird. In Praise of Shadows hat nicht nur temporeiche, sondern auch etliche ruhige, manchmal zeitlupenhafte Momente. Wenn etwa liebevoll die “Paare” sich gegenseitig anfassen, abtasten oder sich wiegend Wange an Wange um sich drehen.

Einige der Akteure bringen auch humoristische Einlagen ein. Da hüpft einer der Akrobaten wie ein Hase über die Bühne, ein anderer springt wie ein Frosch, ein dritter gibt kläffend einen Hund. Zwei kräftig gebaute Tänzer messen sich beim Armdrücken und ein besonders witziger der Akrobaten klettert auf den Rücken eines Kollegen, den er als Pferd benutzt, um Lasso schwingend einen Cowboy zu imitieren. Das sind Augenblicke, die die Zirkus-Vergangenheit der Tanzakrobatik Kompagnie sichtbar werden lassen. Kurz darauf entrollt die Truppe einen dicken, zartgrünen Stoffballen, den sie über die ganze Bühne entrollt und mit kräftigen Armbewegungen zu einem sich wogenden Meer werden läßt.

Eine der Tänzerinnen steigt, unsichtbar gehoben von anderen Akrobaten aus dem Wasser empor. Wie eine Nixe sieht man, das das Stoff-Meer aus ihrem enganliegenden Rock zu entspringen scheint. Wenn das keine Poesie ist. Und drei weitere Akrobaten tauchen aus den Fluten auf, sie scheinen zu schwimmen, zu tauchen, unterzugehen und zu ertrinken. Vielleicht ein Hinweis auf die anhaltenden Tragödien von Bootsflüchtlingen im Mittelmeer? Kurz danach gibt es noch weitere Sprünge, Würfe und wilde Rennereien, ehe die schwedische Tuppe einen mehrere Minuten langen tosenden Applaus des stehenden Publimums entgegen nimmt. Die Tanzakrobaten bedanken sich ihrerseits mit zahlreichen Verbeugungen für “so begeisterte Zuschauer” und stehen am Ausgang des Zeltes noch bereit, Hände zu schütteln. Bleibt zu hoffen, dass dieser erste Auftritt beim Düsseldorf-Festival Fortsetzungen erfährt.