Schauriges zu Schubert-Klängen
Welch wohliger Grusel begegnet den Zuschauern, wenn sie Frankensteins Monster durch die Filmkulissen tapern sehen. Die vielen Verfilmungen des wohl nicht mehr gar so oft gelesenen Romans lassen leicht vergessen, welch schmerzvolle Schicksalsgeschichten in diesem Stoff stecken. Ihnen widmet sich der neue Tanzabend Frankenstein des Theaters Münster.
Die nur 70 Minuten lange Aufführung bringt drei Geschichten auf die Bühne des Kleinen Hauses und wurzelt im ersten Fehlgeburts-Erlebnis der späteren Autorin Mary Shelley. In dem von Lillian Stillwell kreierten Eingans-Akt steht Mary (intensiv: Amanda Cruz Portoundo) als Leidende, die nicht Mutter werden durfte, an der Rampe – über ihr hängt ein bewegliches Gebilde, das aus einer überdimensionalen Wirbelsäule geschnitten scheint. Geprägt wird dieser Teil des Abends von der Dichterin und vier weiteren, historisch gekleideten Figuren als Gesellschaft im verregneten schweizerischen Sommer, die sich mit Schauergeschichten die Zeit vertreibt. Stillwell schafft wechselnde kollektiv Bewegungen und lässt im Hintergrund bereits jene Kreatur auftauchen, die Mary als Schöpfung ihres Romanhelden Victor Frankenstein ersinnt.
Im unmittelbar folgenden zweiten Akt stellt Bridget Breiner die Romanhandlung ins Zentrum, mit der Mary Shelley zugleich ihr Trauma verarbeitet: Frankenstein schafft ein künstliches Wesen, das aus Mangel an Zuwendung zum Mörder von Frankensteins Geliebter wird. Was diesen Teil so spannend macht, spiegelt sich auch in der von Justus Wilcken komponierten Musik. Für romantisch-schöne Momente nutzt er akustische Gitarrenklänge, zitiert dann aber Werke Franz Schuberts, die die Nachtseite der Romantik schildern. So gibt es die schaurige Heine-Vertonung vom „Doppelgänger“ als Begleitung von Frankensteins (Joshua Swain) Tanz mit seiner Kreatur (Aaron St. Hilaire), und wenn das Monster die Geliebte tötet, erklingen Fragmente von Der Tod und das Mädchen: Es entstehen Momente, die der Schauergeschichte zusätzliche Tiefe verleihen. Zumal Schubert an anderer Stelle Goethes Prometheus-Gedicht vertont hat, in dem die Zeile steht: „Hier sitz ich, forme Menschen nach meinem Bild“. Shelleys Roman trägt ja den Untertitel „Der neue Prometheus“.
Den dritten Akt gestaltet Faizah Grootens als „Umschreibung“ oder Vision. Es ist schön anzuschauen, wie aus einer positiven Wendung der Frankenstein-Geschichte womöglich eine Schar von Kreaturen entstehen könnte, aber zwingend erscheint diese assoziative Anknüpfung nicht. Der ganze Abend, der mit gleitenden Übergängen choreografisch wie aus einem Guss wirkt, erfordert sicherlich die gleiche Zeit an Begleitlektüre, um die intendierte inhaltliche Tiefe begreiflich zu machen – über das unhandliche Programm-Faltblatt hinaus. Weil er eben mehr als ein simples Schauermärchen bietet.