Musik als Spiegel der Seele

Alchemie und Musik - das klingt spannend. Jörg Rasche, Psychoanalytiker und Pianist, hat sich an diesen Vergleich gewagt. Viele der hier besprochenen Werke sind über den Verlag als Audiodateien herunter zu laden, Rasche selbst hat sie eingespielt, sodass auch das Ohr Material bekommt. Anmerkungen, eine Literaturliste und die Titel der Musikbeispiele finden sich am Ende des Werks.

Bequeme Zusammenfassungen der Kapitel liefert er dem Leser allerdings nicht und ein wenig musikalische Sachkenntnis ist notwendig.

Rasche sieht die Musik aus psychologischer Perspektive: „Darin ist eine Tonsymbolik enthalten: Das musikalische Subjekt (ein Thema heißt in der Musiksprache der Bachschen Zeit „subjectum“!) nimmt seinen Ausgang von der Tonika, dem Hier und Jetzt, wendet sich nach oben zum Heiland, der in der Quinte symbolisiert ist,  und steigt dann herab in den Urgrund“.

Die europäische Klavier- und Orgelmusik steht im Zentrum der Arbeit. Der grüne Löwe, ein Symbol der Alchemisten, taucht nicht nur im Buchtitel auf. Immer wieder bezieht sich Rasche auf ihn: „Ich werde auf Analogien zwischen musikalischen und alchemistischen Strukturen in dieser Arbeit öfter zurück greifen“ schreibt er schon zu Begin.

Das Fabelwesen erhält dann auch ein eigenes Unterkapitel: „Der grüne Löwe soll in diesem Buch - zunächst - wie eine Signatur die Rechnung offen halten in dem Balanceakt zwischen Musikerleben, Musikwissenschaft und Analytischer Psychologie.“

Von den Sauriern bis zu den Romantikern spannt Rasche den Bogen der Musikgeschichte, schweift kurz durch antike Musiktheorien, verharrt für einen Moment im Mittelalter und bietet auch eine etwas eigenwillige Zusammenfassung der Ereignisse der französischen Revolution. Von hier leitet er, nicht überraschend, über zu Beethoven, dessen Musik er viel Raum gibt.

Häufig dominiert die Perspektive des Psychotherapeuten. Der Musiker darf sich mit Aussagen wie „Aus Maria ist hier eine Anima-Funktion geworden, die dem vom archetypischen Selbst zerstörten Ich-Komplex wieder aufhilft“ auseinander setzen. Doch wird es, wenn man im tatsächlichen Zusammenhang liest, verständlich und  nachvollziehbar.

Rasche ist mit Begeisterung bei der Musik und drückt diese beispielsweise bezüglich einer Komposition Johann Sebastian Bachs aus: „Doch das Largo ma non tanto des Doppelkonzerts für zwei Violinen ist nicht von einem Menschen gemacht. Die beiden Violinstimmen sind wie eine Zwiegespräch Gottes mit sich selbst“. Bach hätte es sicherlich gefreut. Dann klingt der Autor mehr leidenschaftlich als  wissenschaftlich, kann seine Freude aber durchaus dem Leser nahe bringen.

Immer bleibt Rasche gut lesbar, verzichtet auf verquaste Satzkonstruktionen und durchleuchtet viele bekannte Tatsachen einfach einmal aus anderer Perspektive, der des Psychoanalytikers.

Notenbeispiele und Abbildungen illustrieren das Werk, am Rande streift er den Quintenzirkel, die Kontrapunktik und das Wort-Ton-Verhältnis in einigen Kompositionen. Spaß macht dieses Buch fast immer, doch bleiben am Ende weniger prägnante, gut zitierbare Thesen in Erinnerung als ein genereller, unterhaltsamer Einblick in die Musikpsychologie aus Sicht eines Psychoanalytikers. - Heike Eickhoff